Telekommunikation

Elf Wettbewerber gegen Titelverteidiger Telekom

Von Holger Schmidt, Hannover

10. März 2005 Es geht um nicht weniger als die Herrschaft im Internet der Zukunft: Hochgeschwindigkeits- anschlüsse, Internet-Telefonie und Fernsehen im Netz sind Milliardenmärkte, um die zur Zeit viele Telekommunikations- und Internetunternehmen mit der Deutschen Telekom konkurrieren. Noch ist die Telekom klarer Marktführer im Breitband-Internet, doch nie zuvor haben ihre Wettbewerber so viel Geld und Arbeit investiert, um sich ein Stück des lukrativen Marktes abzuschneiden.

Fünf Jahre nach dem Höhenflug der Internet-Aktien an den Börsen wird jetzt richtig Geld verdient: 3,15 Milliarden Euro ist der deutsche Breitband-Markt in diesem Jahr schwer, schätzt Marktforscher Arno Wilfert vom Beratungsunternehmen Arthur D. Little. Und das ist erst der Anfang: 30 oder mehr Prozent Wachstum im Jahr versprechen glänzende Geschäfte in der Zukunft.

Obwohl die Hürden für den Markteintritt in Deutschland hoch und die Regulierungsbedingungen im Vergleich zu anderen Ländern alles andere als wettbewerbsfreundlich sind, werden immer mehr Anbieter angelockt: DSL-Zugangsdienste wie United Internet, AOL oder Freenet sind ebenso im Geschäft mit den Endkunden aktiv wie die alternativen Telefongesellschaften.

Investitionen in Infrastruktur

Nach zähem Start stellt sich nun der Erfolg ein: Nach Branchenschätzungen gewinnt die Vodafone-Tochtergesellschaft Arcor jeden Monat rund 100.000 DSL-Kunden und wird zur Zeit wohl etwa eine halbe Million Kunden unter Vertrag haben. „90 Prozent der Kunden, die bei uns einen Telefonanschluß bestellen, nehmen DSL gleich dazu“, sagte Arcor-Chef Harald Stöber auf der Computermesse Cebit.

Konkurrent Hansenet hat in Hamburg sogar schon gezeigt, wie der Marktführer Deutsche Telekom zu schlagen ist. Ausgestattet mit einer halben Milliarde Euro von der Muttergesellschaft Telecom Italia, will Hansenet nun in fünf weiteren Großstädten der Telekom die Kunden abjagen.

Der Telekom können zur Zeit aber nur die Unternehmen einen harten Preiswettbewerb liefern, die zuvor in eine eigene Technik investiert haben. „Anbieter wie Arcor oder Hansenet, die nicht auf eine Telekom-Infrastruktur aufsetzen, werden zur Zeit stärker“, muß Ralph Dommermuth, Vorstandsvorsitzender von United Internet, zugeben. Wie AOL-Chef Stan Laurent hat er deshalb Investitionen in eine eigene Infrastruktur angekündigt.

Noch mehr Konkurrenz mit eigener Infrastruktur sieht die Telekom aber gar nicht gerne. Deshalb versucht der ehemalige Monopolist zur Zeit, die Zugangsdienste, die auf ihre Plattform aufsetzen, mit dem Angebot besserer Konditionen für Vorleistungsprodukte ganz von eigenen Investitionen abzuhalten. Die Verhandlungen sind in der heißen Phase.

„Im Moment sind die angebotenen Konditionen aber noch zu schlecht“, sagte Andreas Gauger, Vorstandschef von 1&1 Internet, in Hannover. Trotzdem könnte die Initiative Erfolg haben. Auch Bernd Schlobohm, Vorstandsvorsitzender der QSC AG, glaubt nicht an die große Investitionswelle: „Ein flächendeckendes viertes DSL-Netz wird es in Deutschland nicht geben“, sagt er. Neben der Telekom betreiben Arcor und QSC bereits ein solches Netz. QSC nutzt seine Infrastruktur aber vorwiegend, um Unternehmensstandorte miteinander zu vernetzen.

Zukunftsträchtige Internet-Telefonie

Im Endspiel um das Breitband-Internet steht aber mehr auf dem Spiel als die schnelle Auffahrt auf die Datenbahn. Über das Internet lassen sich inzwischen Telefongespräche in bester Qualität, aber weit billiger als im klassischen Telefonnetz übertragen. Die Internet-Unternehmen machen den Telefongesellschaften also auch in ihrem Kerngeschäft Konkurrenz, der Festnetztelefonie.

„Die Internet-Telefonie wird immensen Druck auf die Telekom und die kleinen Call-by-Call-Anbieter ausüben“, sagte 1&1-Vorstandssprecher Gauger. Sein Chef Dommermuth will beweisen, daß Internet-Telefonie nicht nur billiger, sondern auch besser als die bisher führende ISDN-Technik ist. „Auf einer DSL-Leitung können bis zu vier Gespräche gleichzeitig geführt werden. Der Kunde bekommt neben seiner bestehenden Telefonnummer vier zusätzlich Ortsnetznummern, die er beliebig im Haus verteilen kann“, sagte Dommermuth.

United Internet ist mit mehr als 1,1 Millionen DSL-Kunden der größte Konkurrent von T-Online. Bis zum Jahresende möchte Dommermuth mindestens 250000 Kunden für die Internet-Telefonie gewonnen haben. Auch AOL, mit 750000 DSL-Kunden die Nummer zwei unter den T-Online-Verfolgern, ist mit der Internet-Telefonie auf der Zielgeraden: „Die Produktentwicklung ist im Endspurt“, sagt Laurent. Anfang April könnte es soweit sein.

Da auch Freenet-Chef Eckhard Spoerr die Internet-Telefonie mit vielen Innovationen vorantreibt und nach eigener Aussage schon mehrere hunderttausend Kunden gewonnen hat, mußte Marktführer T-Online zur Cebit mit einem eigenen Angebot nachziehen. Der T-Online-Vorstandsvorsitzende Rainer Beaujean will mit der Internet-Telefonie aber vor allem seine Kunden binden.

„Gespräche zwischen T-Online-Kunden sind ohne weitere Kosten. Da wir auf einen Schlag mehr als 3,2 Millionen DSL-Tarifkunden ansprechen, schaffen wir damit natürlich einen zusätzlichen Anreiz, Mitglied dieser Community zu werden“, sagte Beaujean dieser Zeitung. Aus Rücksicht auf die Telekom, die den Löwenanteil ihres Umsatzes mit der Festnetztelefonie erwirtschaftet, hat er das Tarifgefüge fein austariert: Gespräche in das Festnetz liegen mit 2,9 Cent je Minute genau auf dem vergleichsweise hohen Niveau der Festnetzsparte.

Internet-Telefonate ins Festnetz lohnen sich aus Sicht der Kunden nicht; eine Kannibalisierung der Festnetzsparte ist daher kaum zu erwarten. Die Preise der Konkurrenz von einem Cent je Minute hält er für Kampfpreise, die nicht lange Bestand haben.

Allianz ohne die Telekom

Allerdings wird die Frage, wieviel Cent Gespräche in das Festnetz kosten, für viele DSL-Nutzer an Bedeutung verlieren, da sie über das Netz untereinander sowieso kostenlos telefonieren. Um den Kreis der Gratis-Telefonierer zu erweitern, haben Freenet, Web.de und Sipgate ihre Netze bereits zusammengeschaltet. Nun kommt 1&1 dazu. „Mit Web.de sind wir uns schon einig. Ich denke, wir werden unser Netz mit allen relevanten DSL-Anbietern zusammenschließen“, sagte Gauger.

Der Vertrag mit Freenet wird dann wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen. Da T-Online nach Aussage von Beaujean dieser Allianz aber auf keinen Fall beitreten wird, werden sich in Deutschland bald zwei große Gratis-Telefonnetze gegenüberstehen. Eine Zusammenschaltung mit dem Netz des britischen Anbieters Skype ist nach Einschätzung von Gauger aber in absehbarer Zeit nicht zu erwarten.

Die Internet-Telefonie entzweit aber nicht nur die Telekom von ihren Wettbewerbern. Die Front verläuft mitten durch die Schar der alternativen Anbieter: Während die reinen Internet-Unternehmen die Telefonie über das Netz ohne Rücksicht ausbauen können, fürchten Telekommunikationsgesellschaften wie Arcor oder Hansenet die Billigkonkurrenz im eigenen Haus.

„Internet-Telefonie wird die Basis der Innovation im Festnetz sein und ist deshalb enorm wichtig für uns. Internet-Telefonie wird aber kein ausschlaggebender Faktor für das Preisniveau im Festnetz sein. Dort ist die Konkurrenz schon sehr groß und die Preise deshalb schon sehr gering“, sagt Harald Rösch, Chef von Hansenet in Deutschland. Arcor-Chef Stöber widerspricht aber: „Der Druck auf die Preise steigt weiter - unabhängig von der Technik. Preise von einem Cent die Minute stören mich mittelfristig aber nicht“, sagte Stöber in Hannover.

Spiele, Fernsehen und Videos

Das Breitband-Internet wird aber nicht nur die Telefonie, sondern auch die Unterhaltung nachhaltig beeinflussen. „Die Erschließung des Breitband-Marktes ist entscheidend für neue Erlösquellen der Film- und Fernsehindustrie, aber auch der Unterhaltungselektronik“, sagt Wolfgang Bock von der Unternehmensberatung Mercer. Anbieter wie die Telekom, Arcor, Hansenet und Versatel bieten in diesem Jahr Übertragungsraten zwischen fünf und sechs Megabit je Sekunde an. Das reicht, um Fernsehbilder in guter Qualität zu übertragen.

„In den Niederlanden haben wir die Rechte für Fußball-Erstligaspiele. In Deutschland stehen wir auch in Verhandlungen über Inhalte“, sagte der Versatel-Chef Andreas Heinze in Hannover. Auch der Online-Spielemarkt berge noch viel Potential. „Online-Spiele stehen vor einem gigantischen Boom. In Asien ist schon ein regelrechter Industriezweig daraus entstanden“, sagte Heinze.

In der Rolle als viertes TV-Übertragungsmedium neben Kabel, Satellit und digitalem terrestrischen Fernsehen sieht sich die Internet-Branche aber dennoch nicht. Vielmehr wollen die Unternehmen Sendungen der Fernsehsender zeitversetzt übertragen, also immer dann, wenn der Kunde es möchte. Auch das Video kommt direkt auf den Computer. Dieser Fortschritt wird nicht ohne Opfer bleiben: „Wer braucht noch einen Videoverleih, wenn man die Filme ansehen kann, ohne aus dem Haus zu gehen“, sagt Bock.

Text: F.A.Z., 10.03.2005, Nr. 58 / Seite 14
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z./FAZ.NET

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