Schalke gegen Dortmund

Einsamer Wolf gegen Prince Charming

Von Richard Leipold, Dortmund

08. Dezember 2006 Das Gedränge verrät eine gewisse Unruhe. „Guten Tag“, sagt der Pressesprecher gutgelaunt. „Hat jeder einen Sitzplatz?“ Die Frage ist berechtigt. Das Kabuff im Trainingszentrum von Borussia Dortmund ist viel zu klein, der Raum ist ausgelegt wie für einen ambitionierten Amateurklub. Aber hier werden große Dinge verhandelt: Wie turbulent waren die Tage vor dem Bundesligaspiel gegen den FC Schalke 04? Das Revierderby bezieht seine Brisanz aus einer Nachricht, die mehr durch den Zeitpunkt ihrer Bekanntgabe überrascht hat als durch ihren Inhalt: Bert van Marwijk wird Borussia Dortmund zum Saisonende verlassen.

Der Nachhall dieses gemeinsam gefaßten Beschlusses übertönt die Nebengeräusche, die das Derby sonst mit sich bringt. Die Verantwortlichen des BVB predigen Normalität und Ruhe. Das Zauberwort heißt „professionell“. Die Spieler geloben, genauso gewissenhaft weiterzuarbeiten wie bisher. Das ist gutgemeint, könnte aber mit Blick auf den bisherigen Saisonverlauf fast als Drohung durchgehen. Bei allen atmosphärischen Störungen zwischen den handelnden Personen liegt ein großer Teil der Wahrheit über diese Trennung auch auf dem Platz.

„Ich melde mich bei euch und nicht umgekehrt“

Bert van Marwijk betritt den Raum wie immer - ohne eine Miene zu verziehen. Im Auditorium werden letzte Wetten abgeschlossen: Wird die Pressekonferenz wieder nur viereinhalb Minuten dauern oder vielleicht doch fünf oder sechs? Van Marwijk gibt sich bei diesen Gelegenheiten gern einsilbig. Über die Aufstellung seiner Elf pflegt er zwei Tage vor dem Anpfiff grundsätzlich nicht zu reden. Aber diesmal dauert es ein wenig länger als beim sonst zu vernehmenden grauen Gerede. Van Marwijk erzählt ein wenig über sich. Er sei erleichtert, daß es endlich raus sei. Und er empfinde es keineswegs als Bürde, weiter bei einem Arbeitgeber angestellt zu sein, der seine Dienste nur noch nolens volens in Anspruch nimmt.

Der Fußball-Lehrer belegt seinen weiterhin guten Dortmunder Vorsatz mit einer Geschichte aus der Heimat. Im niederländischen Fußball sei es nicht ungewöhnlich, Trennungen so frühzeitig bekannt zugeben. „Ich habe schon zweimal, in Rotterdam und in Sittard, ein halbes Jahr vorher gesagt, ich gehe. Und es hat sich nichts geändert.“ Er halte es nicht für gut, „eine emotionale Sache“ daraus zu machen. Dafür sei es noch zu früh. Van Marwijk kündigte allerdings an, über die Gründe, die zur vorzeitigen Trennung geführt hätten, zu sprechen, wenn die Zeit reif sei. „Ich komme darauf zurück, aber ich melde mich bei euch“, sagte er den Reportern, „und nicht umgekehrt.“ Das klang so, als könnte es eines Tages zu einer Abrechnung kommen, wenn der Vertrag arbeitsrechtlich abgewickelt ist.

Platz fünf und Vertragsauflösung als Luxusproblem

Wann es soweit ist, bleibt ungewiß. Wunschkandidat des Dortmunder Geschäftsführers Hans-Joachim Watzke, ist eindeutig Thomas von Heesen. Der Trainer des Liga-Konkurrenten Arminia Bielefeld steht für Verhandlungen frühestens in der Woche vor Weihnachten zur Verfügung und bezeichnet seinen aktuellen Arbeitgeber als „ersten Ansprechpartner“. Wenn in Dortmund alles läuft wie beschlossen und verkündet, könnte sich die Frage stellen, wie erfolgreich van Marwijk sein darf, ohne daß die Geschäftsführung in Erklärungsnot gerät. Sollte der aktuelle Trainer noch oft gewinnen, fühlte sich Watzke, der sich in Schalke „ein elegantes 2:1“ wünscht, nicht als Verlierer. Mit van Marwijk Fünfter zu werden und anschließend die Auflösung des Vertrages erklären zu müssen, „wäre ein Luxusproblem“, sagt der Geschäftsführer.

Vierzig Kilometer westlich in Gelsenkirchen bereitet die Trainerfrage derzeit keine Sorgen, vor allem keinen Handlungsbedarf. Mirko Slomka, seit langem von einem Teil der Medien in Frage gestellt, hat Schalke in die Spitzengruppe der Liga geführt. Anders als seine Spieler spricht er zwar mit der Presse, fügte aber schon mal den Hinweis an, er sei ja „vertraglich dazu verpflichtet“. Im Einvernehmen mit Manager Andreas Müller hat der Trainer oft angekündigt, das Schweigen der Mannschaft könne kein Dauerzustand sein.

„Ich bin es gewohnt, alleine zu überleben“

Geändert hat sich nichts. Das gilt auch für die gelegentlich aufgeworfene Frage nach der Verlängerung von Slomkas Vertrag. Anders als sein Gegenüber van Marwijk besitzt er nur einen Kontrakt bis zum Saisonende und hofft auf Weiterbeschäftigung. „Uns wird schon der richtige Termin einfallen. Ich habe nie einen Zeitpunkt genannt, weder Weihnachten noch das Frühjahr“, sagt Müller.

Alles eine Frage der Zeit, hüben wie drüben. Aber die Vorzeichen haben sich geändert. Wie Fernsehreporter berichten, kann Slomka, so schwierig die Arbeit mit ihm sein mag, auf Knopfdruck den Prince Charming geben. Van Marwijk, anfangs ein charmanter Gesprächspartner, ist in Dortmund zum einsamen Wolf geworden. „Ich bin es gewohnt, alleine zu überleben“, sagt er. Das habe ich mein Leben lang getan, und ich werde es immer tun.“



Text: F.A.Z., 09.12.2006, Nr. 287 / Seite 35
Bildmaterial: AP, dpa

 
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