Von Frank Hellmann, Seogwipo
16. Juni 2002 Manchmal müssen auch sich unscheinbare Zeitgenossen Gehör verschaffen. Und so ist Oliver Neuville am vergangenen Mittwoch einfach zu Rudi Völler gegangen, um sein Leid zu klagen. Das Ziel der Botschaft: Der schüchterne Stürmer, der den Kopf nicht selten gesenkt hält und den Blick zu Boden richtet, wollte bei dieser WM endlich einmal im Blickpunkt stehen
Ich war doch auch vorher Stammspieler. Dann habe ich meinen Platz in drei Vorbereitungsspielen verloren, weil ich drei Mal mit Leverkusen unterwegs war. So ähnlich wird der 29-Jährige das auch Völler erklärt haben. Ich habe vor drei Tagen mit ihm gesprochen, und jetzt ist es gut, sagte Neuville am Samstag.
Vorlage vom Club-Kollegen
Bis zur Besserung des Gemütszustands der sensiblen Seele (Ich bin ein ruhiger Typ, der nie den Star spielen will.) war Geduld gefragt. Bis zwei Stunden vor dem Achtelfinale musste er warten, ehe klar war, dass er statt Jancker stürmen würde. Und dann ging das Spiel gegen Paraguay bis zur 88. Minute, ehe er den Ball nach Vorlage von Club-Kollege Bernd Schneider über die Linie brachte. Das freut mich für ihn, sagte der Vorlagengeber.
All die Qualitäten, die der fleißige Angreifer in Bundesliga und Champions League gezeigt hatte, entluden sich in diesem Schuss zum goldenen Tor. Grandissimo gol del numero sette, sagte Cesare Maldini, der Trainer Paraguays voller Anerkennung.
Genugtuung verspürt
Ehrlich gesagt, bin ich zufrieden und verspüre auch Genugtuung. Es ist mein erstes WM-Spiel, das ich durchgespielt habe, da bin ich glücklich, sagte Neuville. Verdient gewonnen habe die Mannschaft. Und ein Sieg machte sogar ihn mutig. Ich glaube, wir könnten im Viertelfinale sowohl Mexiko als auch die USA schlagen. Es ist selten, dass Neuville so etwas sagt. Er ist der Prototyp des stillen Stars. Was Völler eigentlich gefällt.
Man mag nicht behaupten, dass der Teamchef eine Ansammlung von Lautsprechern auf die Reise nach Asien mitgenommen hat. Im weltmeisterlichen Auftrag sind unterwegs: meist brave, angepasste, aber auch intelligente Jungs, die den Teamgeist beschwören und genau abwägen, was sie sagen. Die deutsche Boulevardpresse, einst von Lothar Matthäus mit Interna gefüttert, hat es schwer.
Man versteht mich leicht falsch
Beinahe aufgegeben haben es die Medienvertreter bei Neuville. Drei, vier Fragen; danke das war's. Noch immer spricht der Mann, in der Schweiz geborener Sohn eines deutschen Kaufmanns aus Aachen und einer italienischen Mutter, nur gebrochen deutsch. Er war der erste Nationalspieler, der in der DFB-Auswahl einen Dolmetscher benötigte.
Zu Sprachschwierigkeiten gesellt sich bei dem 29-Jährigen eine tiefe Abneigung vor Mikrofonen und Kameras. Man versteht mich leicht falsch, sagt Neuville dann im kleinen Kreis. Und man ist verwundert, wie sich der schmale Stürmer, 1,71 Meter klein und 64 Kilo leicht, in einen Redefluss begibt, wenn ihn die TV-Reporter von Eurosport in französischer Sprache um Rede und Antwort bitten.
Lehren aus dem Jahr 2000
Bei der WM konnte man drei Wochen lang den Eindruck gewinnen, Neuville sei irgendwie gar nicht da. Sieben Minuten eingewechselt gegen Kamerun, zuvor ein Einsatz von 14 Minuten gegen Saudi-Arabien. Jetzt endlich 89 Minuten gegen Paraguay - es waren die wichtigsten seiner Nationalmannschaftskarriere. Und sein viertes Tor im 33. Länderspiel war die Krönung.
Jetzt sollen weitere hinzukommen. Denn noch immer erinnert er sich an ein traumatisches Turnier-Erlebnis. Erich Ribbeck warf ihn vor der EM 2000 aus dem Kader, es hätte sein erstes Turnier sein sollen. Äußerlich blieb er ruhig, innerlich kochte er. Das war der schlimmste Moment meiner Karriere, sagt er heute. Damals schwieg er, fuhr in den Urlaub und ließ sich die Nationalelf ohne ihn blamieren. Wäre ich ein aggressiverer Typ, hätte Ribbeck sich das vielleicht nicht getraut. Daraus hat er seine Lehren gezogen. Auch deshalb hat er am vergangenen Mittwoch bei Völler vorgesprochen.
Text: @deut
Bildmaterial: AP