Otto Rehhagel im Interview

„War ein Tanz auf der Rasierklinge“

Rehhagel: “Wir haben nichts mehr zu verlieren. Wir haben alles gewonnen“

Rehhagel: "Wir haben nichts mehr zu verlieren. Wir haben alles gewonnen"

21. Juni 2004 In der Stunde des Triumphes dachte Otto Rehhagel an seine Kritiker. „Ich kann überall arbeiten, das habe ich jetzt gezeigt“, sagte der Trainer der griechischen Nationalelf nach dem historischen Viertelfinaleinzug.

Ihr in den ersten beiden Spielen noch sehr souverän und abgeklärt auftretendes Team hätte seine tolle Ausgangssituation beinahe verspielt. War der Druck zu groß?

Die Mannschaft war auf Grund der Tatsache, daß der höchste Preis des Fußballs heute zu vergeben war, am Anfang ein bißchen gelähmt. Das 0:2 war eine ganz gefährliche Situation, aber meine Jungs haben wieder alles gegeben und dagegen gehalten. Es war ein Tanz auf der Rasierklinge.

Haben Sie mit einer so starken russischen Mannschaft gerechnet, obwohl es für diese um nichts mehr ging?

Ich wußte, daß die Russen nach den beiden Niederlagen mächtig in der Kritik standen. Ich war deshalb aufgeregt, weil ich auch wußte, was auf uns zukam. Mit Werder Bremen habe ich viele Spiele gegen russische Mannschaften gemacht. Wenn wir gegen Spartak Moskau in der Halle gespielt haben, dabei haben wir manchmal keinen Ball gesehen.

Was beutet dieser historische Einzug in die Runde der besten Acht in Europa für das Land, in dem Sie nun seit dem Sommer 2001 arbeiten?

Der griechische Fußball hat heute einen unheimlichen Imagegewinn erzielt. Als ich dort angefangen habe, gab es keine Strukturen. Nun sind meine Jungs Vorbilder - und das müssen wir nutzen. Wir müssen diesen tollen Erfolg mitnehmen. Es ist auch eine Sensation, daß ich seit drei Jahren dort arbeite - das hätte doch keiner für möglich gehalten.

Was bedeutet der Erfolg Ihnen persönlich?

Alle meine Erfolge haben einen besonderen Stellenwert - in bestimmten Zeiten und mit bestimmten Menschen. Allerdings: Früher haben die deutschen Journalisten immer gesagt, der (Rehhagel) kann nur in Bremen arbeiten. Ich kann überall arbeiten. Das habe ich gezeigt.

Was trauen Sie Ihrem Team bei diesem Turnier noch zu?

Die Mannschaft muß sehen, daß sie hier etwas Großes geschafft hat. Und sie kann jetzt noch viel mehr leisten. Alle Gegner, die jetzt kommen, sind mehr als angenehm für uns. Wir haben nichts mehr zu verlieren. Wir haben alles gewonnen.

aufgezeichnet von Jens Marx und Arne Richter, dpa



Bildmaterial: REUTERS

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