Ob als bekennender Fan von Turbine Potsdam oder als zuverlässiger Dauergast beim Finale um den DFB-Pokal in Berlin: Theo Zwanziger, der Präsident des größten und bedeutendsten deutschen Sportverbandes, fördert und unterstützt den Frauenfußball mehr als jeder seiner Vorgänger im Amt. Frauen, die in seinem Leben eine prägende Rolle gespielt haben, sind dafür mitverantwortlich, sagt er - seine Großmutter, seine Mutter, seine Ehefrau. Der bald 63 Jahre alte Jurist ist seit 2006 alleiniger Präsident des DFB - nachdem er sich das Amt zwei Jahre lang mit seinem Vorgänger Gerhard Mayer-Vorfelder als sogenannte Doppelspitze geteilt hatte. Fußballerisch entstammt der frühere DFB-Schatzmeister dem VfL Altendiez. Im Gespräch redet Theo Zwanziger im fünfzehnten Teil der FAZ.NET-Serie SOLO - Ein Thema, ein Interview über - Frauen.
Herr Zwanziger, wir würden mit Ihnen gerne über Frauen sprechen.
Wie sind Sie denn auf den Gedanken gekommen?
Sie gelten als eine Art Frauenversteher, als größter Förderer des Frauenfußballs in Deutschland. Gab es in Ihrem Leben mal eine Frau, die Sie davon überzeugen wollte, dass die Sportart Fußball nicht das Richtige für Sie ist?
Nein. Zu keinem Zeitpunkt, ganz im Gegenteil: Meine beiden Bezugsfrauen, meine Mutter und meine Großmutter väterlicherseits, waren sehr fußballorientiert. Sicher auch durch meinen 1945 im Alter von 27 Jahren gefallenen Vater, der immer wahnsinnig gern Fußball gespielt hat. In unserer Familie gehörte Fußball zum Leben dazu. Deshalb hatten bei uns alle Verständnis dafür, dass ich nach der Schule mit dem Ball unter dem Arm losgezogen bin. Grenzen gab es später. Ich komme vom Dorf und musste fast zehn Kilometer zurücklegen, um die weiterführende Schule zu besuchen - nicht alles mit dem Bus, sondern mindestens vier Kilometer zu Fuß. Die Schule war wichtig für meine Mutter. Später gab es aber auch noch den Konfirmationsunterricht, es gab also vieles nebeneinander zu gestalten. Und da kam manchmal schon der Hinweis: Jetzt spiel halt nicht nur Fußball, Theo!
War Ihre Mutter am Platz, wenn Sie gespielt haben?
Sie hat zugeschaut, genau wie meine Großmutter viele Jahre auch. Sie hat sehr lange gelebt, konnte sogar noch erfahren, wie ich meine beiden Staatsexamen 1975 gemacht habe. Meine Mutter aber ist sehr früh, schon Anfang der achtziger Jahre, gestorben. Beide haben immer sehr gern zugeschaut, wenn ich gespielt habe.
Aber die Frauen gab es damals nur am Platz - und nicht auf dem Platz, oder?
Natürlich. Ich bin mit 17 Jahren in die Seniorenmannschaft gekommen. Das war 1962, und damals war es unvorstellbar, dass Frauen einmal Fußball spielen würden. Die Freundinnen gingen nur mit an den Sportplatz, da haben sie ein bisschen zugeguckt und waren auch nach den Spielen in den Gaststätten dabei. Aber das war schon alles.
War es damals für Sie unvorstellbar, dass Frauen einmal Fußball spielen würden?
Es war zumindest ungewöhnlich. Aber es gab schon in den achtziger Jahren bei uns in Limburg zwei Mädchen aus unserer Gemeinde, die ich auf dem Platz erlebt habe. Bei einem Dorfturnier, die zu dieser Zeit in Mode waren. Natürlich haben wir darüber ein bisschen geflachst. Als wir dann gesehen haben, dass die beiden mit dem Ball ganz gut zurechtkamen und auch schnell waren, da haben wir das akzeptiert. Am Ende geht es doch nur darum zu gewinnen. Und wenn man Männer in der Mannschaft hat, die kaum noch fünf Meter laufen können, und zwei jungen Frauen, die gut drauf sind, dann sind die doch sofort integriert. Dumme Sprüche gab es dann nicht mehr. Ich kann mich an keine Situation erinnern, dass sich jemand belästigt fühlte, weil dort Frauen mitspielten. Aber das war damals mein letzter Auftritt. Ich bin einem Ball so beschämend nachgelaufen und habe dann die Beine unter dem Körper verloren, dass das Gelächter der Zuschauer mich viel zu sehr gedemütigt hat.
Sie sollen eine klassische Nummer zehn gewesen sein.
Das behaupte ich immer. Meine Söhne widersprechen mir jedoch.
Spielmacher ist eine attraktive Position. Hat Sie diese Rolle für Frauen in Ihrem Alter interessant gemacht?
Ich bin früh vergeben worden. Meine heutige Frau hat mit mir schon im Sandkasten gespielt. Wir sind zusammen aufgewachsen. Es gab bei mir - wenn Sie von den Blicken der Männer, ab und zu auch mal eine andere attraktive Frau zu sehen, mal absehen - keine andere Frau in meinem Leben. Da bin ich sehr konservativ.
Sie sind mit Mitte zwanzig in die CDU eingetreten. Wie passte das zu Ihrem fortschrittlichen Frauenbild?
Ich habe nie einen Grund gesehen, warum Männer in der Gesellschaft mitunter ein Rollenspiel entfachen müssen, dass es in Wahrheit gar nicht gibt. Ich habe früh damit angefangen, mich für die Förderung von Frauen einzusetzen. Bis heute ist das meine Haltung geblieben.
Auf den ersten Blick ist das ein Widerspruch. Dort die konservative Wertewelt durch Elternhaus und Partei, da schon früh Verständnis für Frauen und Fußball.
Ich hatte den Wert von Frauen einfach sehr früh kennengelernt.
Wodurch?
Durch meine Mutter, meine Großmutter und meine Frau. Ich habe doch nie unter Frauen leiden müssen. Ganz im Gegenteil, ohne meine Großmutter wäre ich alles das nicht, was ich heute bin. Mein Vater ist 1945 gefallen, er war ihr einziger Sohn. Sie hat in Bremen gewohnt, ihr Mann ist 1947 gestorben. Fortan war sie allein. Dann ist sie zu meiner Mutter gekommen und hat für mich alles getan. Wir waren zu Hause nicht auf Rosen gebettet. Als ich mich entschlossen hatte zu studieren, hat sie mir jeden Monat ihre gesamte Pension gegeben. Sie hat nicht gesagt: Frag mich, wenn du was willst. Nein, meine Großmutter hat mir jeden Monat einen Scheck gegeben, mit dem ich alles abheben konnte, was sie hatte. Ich habe ihr alles zu verdanken. Mit meiner Mutter war das nicht anders. Sie hat später wieder einen Landwirt geheiratet und mich im Dorf konsequent geschützt vor jenen, die sagten: Jetzt muss der Theo aber auch mal was arbeiten! Das habe ich ja auch gemacht. Aber wenn ich mittags um drei von der Schule nach Hause kam, wollte ich nicht gleich wieder aufs Feld gehen.
Heute sind Sie der DFB-Präsident, der dem Frauenfußball so nahe ist wie kein anderer bisher. Spielt Ihre Vergangenheit dabei eine Rolle, oder müsste sich in der heutigen Zeit jeder andere auch so engagieren?
Politisch hätte es jeder machen müssen. Aber natürlich ist das auch davon abhängig, welche Offenheit man in dieser Sache an den Tag legt. Man muss eine klare Einstellung haben und sagen: Es ist ungerecht, dass man den Frauen bis in die siebziger Jahre hinein das Fußballspielen verboten und sich später noch über sie lustig gemacht hat. Und ich bin einer, der mit Gerechtigkeitsempfinden aufgezogen worden ist. Das ist etwas, das mir meine Mutter und meine Großmutter stark vermittelt haben. Das versucht man dann später weiterzuleben und weiterzugeben. Und der DFB spielt sicher eine wichtigere Rolle in unserer Gesellschaft, wenn er noch mehr weibliche Mitglieder bekommt. Diese Entwicklung voranzutreiben ist ein sportpolitisches Ziel, das jeder Präsident haben müsste. Mir fällt das leicht, weil ich zur Leistungsfähigkeit von Frauen und zu ihrer Bereitschaft, manchmal mehr zu leisten als Männer, ein ausgeprägt positives Verhältnis habe.
Müssen Sie heute, nach zwei WM-Titeln, überhaupt noch für den Frauenfußball werben?
Die Leistung der Frauen im Fußball spricht heute für sich. Sie können sehr viel, haben technische Fähigkeiten, die ich mir vor zehn Jahren selbst noch nicht habe vorstellen können. Ihr Spiel ist attraktiv und elegant. Trotzdem sind es sehr bescheidende, noch nicht durch Kommerz belastete Mädchen, die wissen, dass der Fußball Freude macht und nicht sofort mit Millionengehältern verbunden ist. Aber vielleicht ändert sich auch das mal.
Viele wünschen sich ja genau das, wollen, dass auch Frauen als Profis aktiv sein können. Glauben Sie an eine solche Entwicklung?
Ich bin schon der Meinung, dass sich Leistung lohnen soll. Und wenn diese Leistung in einem Bereich passiert, in dem es öffentliche Aufmerksamkeit gibt und wirtschaftliche Möglichkeiten, dann erst recht. Nur, so weit sind wir eben noch nicht. Nach der Weltmeisterschaft 2010 aber müssen wir sehen, dass wir zu einer gewissen Professionalisierung im Frauenfußball kommen, jedenfalls was die Spitze anbelangt.
Gibt es schon jetzt etwas, was Frauen den Männern voraushaben?
Natürlich haben sie auf den ersten Blick erst einmal bestimmte Nachteile. Sie sind nicht ganz so schnell, und sie spielen nicht so körperbetont. Letztlich aber macht dies das Spiel sogar ansehnlicher. Außerdem sind Frauen leidensfähiger und ehrlicher. Ich sehe bei den Spielen einfach nicht, dass Frauen liegen bleiben nach einem Foul. Die springen einfach wieder hoch, weil sie Spaß am Spiel haben, weil sie der Ball wieder reizt. Da gibt es keinen taktischen Blick: Wie lange lässt der Schiedsrichter nachspielen, kann ich jetzt noch ein bisschen Zeit schinden? Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass die wirtschaftlichen Dinge bisher nicht so gewichtig sind wie bei den Männern. Aber es zeigt auch ein Stück Ursprünglichkeit und Spaß an diesem Spiel.
Paul Breitner hat den Frauenfußball mal als unästhetisch bezeichnet, Franz Beckenbauer meinte, dass sich die Spielerinnen ein bisschen hübscher anziehen könnten. Haben Sie solche Kommentare geärgert?
Viele Kommentare passen in ihre Zeit. Ich habe mich oft mit Bundestrainerin Silvia Neid darüber unterhalten. Heute aber gibt es Respekt für die Frauen, auch unter großen Fußballern. In den achtziger Jahren gab es einen anderen Blickwinkel. Silvia Neid sagt, dass damals viele nur zum Spiel kamen, um zu sehen, ob die Spielerinnen auch ihr Trikot ausziehen oder nicht. Das war natürlich nicht schön. Und das ist auch demütigend und respektlos.
Ist Profifußball der Männer heute noch frauenfeindlich? Auf dem Platz wird gespuckt und getreten, auf den Rängen geflucht und getrunken.
In den vergangenen fünfzehn Jahren hat sich das Bild verändert. Diese klassische, mit Männern unter Alkoholeinfluss gefüllte Tribüne gibt es doch fast nicht mehr. Die Stadien sind familiengerechter geworden.
Eine andere Spezies von Frauen im Fußball sind die Spielerfrauen. Früher gab es Angela Häßler, Gaby Schuster, Martina Effenberg, Frauen, die die Karrieren ihrer Männer maßgeblich beeinflusst haben. Ist die Spielerfrau anno 2008 zurückhaltender als früher?
Sicher gab es in bestimmten Zeiträumen sehr dominierende Frauen. Aber eine Rollenaufteilung gab es ganz früher auch schon. Etwa bei meinem Freund Horst Eckel, dem Weltmeister von 1954, der mit dem Kaufmännischen nie etwas zu tun haben wollte. Das hat immer seine Frau Hannelore gemacht. Der Horst will das auch gar nicht anders.
Wie ist die Rollenaufteilung bei Ihnen zu Hause?
Meine Frau will keine große Öffentlichkeit. Das heißt aber nicht, dass sie mir zu Hause nicht den einen oder anderen Ratschlag gibt. Wir wollten unsere Privatsphäre für die Kinder und Enkelkinder möglichst erhalten. Weil wir wussten, dass uns das am Ende mehr nützt als schadet. Wenn man diese Entscheidung getroffen hat und sich auch daran hält, dann wird das respektiert.
Mehmet Scholl hat mal, befragt nach seinem Traumjob, gesagt: Spielerfrau. Fanden Sie das auch so originell?
Mehmet Scholl hat viele solcher Sprüche drauf, die darf man nicht immer auf die Goldwaage legen. Sie kennen ja vielleicht auch den, als Helmut Kohl mal in der Kabine bei ihm war, um zu gratulieren. Was er dabei gedacht habe, wollte jemand von Scholl wissen, und er hat geantwortet: Es ist eng. Solche Dinge muss man hinnehmen, wie sie sind. Man kann darüber ein bisschen lachen. Das darf man ja hoffentlich noch.
Haben Sie eine Lieblingsspielerin?
Ich schätze Anja Mittag seit dem Pokalendspiel 2003 zwischen Turbine Potsdam und dem FFC Frankfurt sehr. Ich habe das Spiel am Fernseher gesehen, nebenbei Akten gelesen und dachte, dass natürlich wieder die Frankfurterinnen gewinnen. Aber dann haben mich die Potsdamerinnen begeistert. Und Anja Mittag hat ein famoses Spiel gemacht. Seit dieser Zeit schätze ich sie und versuche, ihr immer wieder mal ein bisschen zu helfen. Eine gute Beziehung habe ich auch zu Annike Krahn vom FCR Duisburg, mit der ich hin und wieder SMS schreibe. Ich versuche den jungen Leuten zu helfen, den weiteren Lebensweg mitzugestalten.
Ein Präsident als Fan also?
Ich lebe Fanbeziehungen. Wenn mir jemand gesagt hätte: Als Präsident des DFB darfst du nicht mehr Fan sein, von einem Klub, einem Spieler, wie auch immer, dann hätte ich das Amt nicht angenommen.
Sie haben zwei Söhne. Hätten Sie auch gerne eine Tochter gehabt?
Ja. Aber das ist Gott sei Dank auch geregelt worden. Ich habe mit Paula jetzt seit sieben Jahren eine Enkelin. Das war ein Traum. Paula wird gnadenlos verwöhnt. Bei der WM 2019 ist sie dabei.
Ihr Sohn Ralf ist Manager für Frauenfußball in Hoffenheim. Zufall?
Ich kenne den Mäzen Dietmar Hopp seit einiger Zeit und verfolge seine Arbeit mit Bewunderung. Vor einigen Jahren habe ich ihm gesagt: Wenn Sie klug sind, dann haben Sie schneller eine Frauenmannschaft in der Bundesliga als eine Männermannschaft. Da hat er mich erst groß angeschaut und dann tatsächlich in Frauenfußball investiert.
Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt sich in jüngster Zeit fußballinteressiert.
Das erste Mal habe ich mit ihr 2005 während eines Länderspiels gegen Russland in Mönchengladbach auf der Tribüne gesessen. Es war der Tag, an dem ich sechzig geworden bin. Sie hat mir damals erzählt, dass sie eine große Nähe zu diesem Sport hat und früher immer mit ihrem Vater zu den Spielen gegangen ist. Doch sie hatte Angst, dass man ihr öffentlich dieses Interesse nicht glaubt - nach Gerhard Schröder, dem Fußballkanzler.
Kennt sich die Kanzlerin aus im Fußball?
Angela Merkel hat Fußballsachverstand. Sie weiß, was Abseits ist, kannte die Namen der Spieler. Sie wusste auch, von welchem Verein sie kommen. Daran merkt man, dass sie sich dafür interessiert. Gleichwohl ist es sicher nicht so, dass sie freitags nicht schlafen kann, weil samstags die Bundesliga-Spiele sind.
Wenn es eine Frau ins Kanzleramt schafft: Wann ist es beim DFB so weit mit einer Frau an der Spitze?
Solche Prognosen sind schwer zu stellen. Immerhin haben wir mit Steffi Jones eine Präsidentin für das OK der WM 2011, wir haben Hannelore Ratzeburg im DFB-Vorstand und viele weibliche Mitarbeiter hier. Der Verband ist gar nicht mehr so männlich. Gleichwohl wird man die Struktur nicht von einem auf den anderen Tag ändern können. Wir haben sechseinhalb Millionen Mitglieder, wovon eine Million Frauen sind. Da kann man nicht sagen, dass es das Ziel ist, morgen eine Präsidentin zu haben.
Das Gespräch führten Uwe Marx und Michael Wittershagen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa