Hamburger SV

Erste Rücktrittsforderungen gegen Doll

Von Frank Heike, Hamburg

05. Dezember 2006 Der Aufsichtsrat des Hamburger SV hatte sich mit Äußerungen zur Situation beim Tabellen-Vorletzten der Bundesliga lange zurückgehalten. Alle zwölf Kontrolleure waren überzeugt (oder taten zumindest so), daß das Führungstrio mit Vorstand Bernd Hoffmann, Sportchef Dietmar Beiersdorfer und Trainer Thomas Doll die bedrohliche Lage erkannt habe und angemessen reagieren würde.

Doch die Niederlage in Bochum hat das Faß zum Überlaufen gebracht. Am Montag forderte der stellvertretende Vorsitzende der Räte, Willi Schulz, den Vorstand zum Handeln auf: Hoffmann solle Doll entlassen. „Der Schuldige ist nicht Doll“, sagte Schulz, „aber wir müssen den Spielern das Alibi nehmen.“ Schulz deutete an, daß am besten auch Beiersdorfer gehen solle. Das ist eine neue Verschärfung in der nicht enden wollenden Krise des HSV. Niemand spricht mehr vom letzten Champions-League-Auftritt des HSV an diesem Mittwoch gegen ZSKA Moskau - was auch daran liegt, daß die sieglosen Hamburger nur noch für die Statistik spielen.

Torwart Frank Rost im Gespräch

Schulz ist der Sportbeauftragte der Kontrolleure, er pflegt einen kurzen Draht zu Hoffmann. Hoffmann wiederum schätzt Schulz, den ehemaligen Nationalspieler. Schulz wirft Doll vor, die Profis zu lange an der langen Leine geführt zu haben, sie konditionell nicht gut vorzubereiten und sich immer nur vor sie gestellt zu haben. Noch bleiben seine nicht mit den anderen Räten abgesprochenen Forderungen ohne Widerhall. Denn der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Udo Bandow, überläßt allein dem Vorstand die Entscheidung über Dolls Zukunft. Von Bandow weiß man, daß er mit der Leistung des Vorstands insgesamt zufrieden ist. Doch Bandow ist kein Mann der harten Worte, er ist ein moderater, älterer Herr. Seine Position ist längst nicht mehr unumstritten. Er läßt seinem knallharten Stellvertreter Schulz die Rolle desjenigen ganz gern, der Dolls Ende beim HSV fordert.

Vom Vorstand gibt es keine neuen Aussagen: Man will bis zur Winterpause mit Doll weiterarbeiten. Klar ist nur, daß Hoffmann und Beiersdorfer ihr weiteres Wirken nicht an die Zukunft Dolls knüpfen. Nach dem Spiel in Aachen eine Woche vor Heiligabend wollen Hoffmann und Beiersdorfer entscheiden, ob sie mit Doll weitermachen oder den Neustart im Winter wagen. Die Idee ist folgende: Mit Doll, den zurückgekehrten Verletzten und einer harten Vorbereitung soll das Team fit gemacht werden für den Abstiegskampf. Hinzu könnten zwei Verstärkungen kommen: für das Tor und den Sturm. Schon kursiert der Name des Schalker Torwarts Frank Rost in Hamburg. Auf dem Weg zur Entscheidungsfindung werden die Ergebnisse gegen Moskau, Nürnberg und in Aachen natürlich wichtig sein.

Nachfolgernamen kursieren

Mag der Vorstand weiter zu Doll neigen, bleibt doch die Frage: Welchen Druck üben die Kontrolleure aus? Seit einigen Tagen gibt es in Hamburg zumindest Namen, die Doll nachfolgen könnten: Co Adriaanse wird ebenso als Kandidat gehandelt wie Michael Laudrup. Der Holländer Adriaanse ist derzeit ohne Job, er trainierte bis zum Sommer den FC Porto. Michael Laudrup trat im April bei Bröndby IF zurück, nachdem es Differenzen über die Vertragslaufzeit bei den Kopenhagenern gegeben hatte.

Thomas Doll übrigens wirkt in diesen Tagen bemerkenswert souverän. Dabei redet ganz Hamburg über ihn, und die meisten Zeitungen führen eine unglaubliche Hetzjagd auf. Man kann ihm sicher vorwerfen, nicht zurückgetreten zu sein. Nicht aber, daß er die Schuld für die Misere bei anderen suche.



Text: F.A.Z. vom 6. Dezember 2006
Bildmaterial: REUTERS

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