Im Gespräch: Marcel Hacker

„Ich habe einen Waschbärbauch“

06. Juni 2008 Marcel Hacker fällt auf: Knapp zwei Meter ist er groß und mehr als 100 Kilogramm schwer. Ein Mann, der auffällt und genießt. Diese Muskeln aber sind für ihn auch Werkzeuge, und deshalb spricht Hacker auf eine Art sogar mit ihnen. Der 31 Jahre alte Magdeburger fährt seit 1999 den deutschen Ruder-Einer. In Sevilla ist er 2002 Weltmeister geworden, nun will er auch bei Olympia in Peking Gold gewinnen. Hacker startet für die Frankfurter Rudergesellschaft Germania. Im Gespräch redet Marcel Hacker im sechzehnten Teil der FAZ.NET-Serie „SOLO - Ein Thema, ein Interview“ über - Muskeln.

Herr Hacker, sind Sie stolzer Besitzer eines Waschbrettbauchs?

Nee, ich habe einen Waschbärbauch mit Füllung. Als Ruderer bekommt man nicht so einen Waschbrettbauch, wie man ihn aus der Werbung kennt. Wegen der Hüftbewegung beim Rudern ist bei uns der obere und der untere Bauchmuskel ausgeprägt, die mittleren Partien bekommen wir überhaupt nicht richtig trainiert.

Wie viel bedeutet Ihnen Ihr Äußeres?

Sportler sind immer ein bisschen narzisstisch veranlagt. Insofern versucht jeder, seinen Körper auf eine gewisse Art von Perfektion zu bringen. Mal fühle ich mich wohl in meinem Körper, mal gibt es Tage, an denen ich denke: Mann, bist du fett geworden. Diese Probleme hat doch jeder von uns. Aber im Großen und Ganzen bin ich mit meinem Körper zufrieden. Ich kann einfach nicht weniger wiegen als die derzeitigen 104 Kilogramm.

Jeder Mensch hat Körperfett. Wie ist Ihre Beziehung dazu?

Wir brauchen das, um zu überleben. So einfach ist das. Als Sportler sollte man aber nicht zu viel davon haben. Im Winter habe ich so zwölf Prozent Körperfett, im Sommer vielleicht neun Prozent. Das ist gut so, weil ich ja Substanz für die Rennen brauche.

Das bedeutet, dass Sie sich sehr stark kontrollieren.

Ich gehe zweimal im Jahr zur Messung, und dann kennt man diese Werte. Man muss die Entwicklung des eigenen Körpers über das Jahr beobachten. Nicht, dass man zu dünne wird. Wenn ich zu wenig Fett auf den Rippen habe, dann werde ich schneller krank und kann die Leistung nicht bringen. Wenn ich ein bisschen mehr drauf habe, halte ich eine zweieinhalb Stunden lange Trainingseinheit durch. Auch wenn ich am Ende dann trotzdem auf dem letzten Ast pfeife.

Ist der Beruf Leistungssportler für Sie auch deshalb so attraktiv, weil dabei ein schöner Körper herauskommt?

Ob ich das attraktiv finde, ist eine andere Geschichte. Es gibt sicherlich einfachere Jobs im Leben. Aber ich habe mir diesen Beruf ausgesucht. Dass am Ende ein Body dabei rausspringt, für den sich andere jahrelang abmühen müssen, ist eine positive Begleiterscheinung.

Spüren Sie, dass Sie auffällig sind?

Ich würde mich als Erscheinung gar nicht als so auffällig bezeichnen wollen.

Wirklich nicht? Sie tragen bunte Tücher auf dem rasierten Schädel, gefährliche Sonnenbrillen und mitunter schrille Kleidung. Hinzu kommen die mächtigen Muskeln.

Es kommt darauf an, worin man sich wohl fühlt.

Aber wer sich so zeigt, der hat keine Angst davor, dass Leute ihn anschauen.

Warum soll ich Angst haben davor? Es gucken Millionen Leute zu, wenn ich rudere. Das mache ich auch im Einteiler. Vieles hängt mit dem Selbstbewusstsein zusammen. Ich weiß nicht, ob man das trainieren kann. Ich glaube nicht. Aber sicherlich muss man von sich überzeugt sein, um bestimmte Dinge zu machen.

Seit mehr als zehn Jahren fahren Sie im Einer, Sie sind Einzelkämpfer. Sehen Sie die anderen nur noch als Gegner?

Das darf man nicht. Was wir auf dem Wasser auszutragen haben, hat nichts damit zu tun, was an Land ist. Man muss lernen, das zu differenzieren. Ansonsten belastet es einen nur.

Aber speziell von Einer-Fahrern kennt man dieses Imponiergehabe vor den Rennen. Auch Sie laufen oft mit nacktem Oberkörper herum, sind bekannt für markige Aussagen.

Das sind Muskelspiele. Bei diesem Imponieren und Rumgegockel ist viel Psychologie dabei. Am Ende macht man nichts anderes, als den Gegner zu beeindrucken und ihn schon vor dem Rennen auf eine Art psychisch fertigzumachen. Psychologie macht bei uns im Sport sehr viel aus. Muskulär sind wir alle ja auch ähnlich gut drauf.

Gefällt Ihnen diese Profilierung?

Ich weiß, was ich draufhabe. Und ich habe mir inzwischen einen Namen gemacht in der Szene. Deshalb brauche ich dieses Spiel der Profilierung nicht mehr so auszuleben, wie ich es vor vier oder fünf Jahren gemacht habe. Trotzdem liegt dieses Imponiergehabe in der Natur der Sache beim Einer.

Sie wollten mal Boxer werden. Weil Muskeln Sie schon immer fasziniert haben?

Meine Mutter hat immer sehr viel Wert darauf gelegt, dass ich Sport mache, um meine Hyperaktivität unter Kontrolle zu bekommen. Durch den Sport sollte ich ausgeglichener werden. Ich bin geschwommen, habe Volleyball gespielt und war mal beim Boxen. Aber das hat mir meine Mutter schnell verboten. Ihr war das zu grausam. Später bin ich zum Rudern gekommen, war schnell erfolgreich und bin dort hängengeblieben. Das ist mein Ding.

Ihre Mutter war auch Ruderin. Haben Sie von Ihr das Talent geerbt?

Keine Ahnung. Sie war früher Steuerfrau, ist erst danach gerudert, weil sie einfach zu groß geworden ist.

Der Kraftakt auf dem Wasser liegt also in der Familie. Beschreiben Sie doch mal, wie Sie sich nach einem Rennen über 2000 Meter fühlen.

Darüber darf man überhaupt nicht nachdenken, weil man ansonsten schon verloren hätte. Die Gedanken an diese Qualen würden einen nur lähmen.

Versuchen Sie es trotzdem mal.

Das ist wirklich schwer zu erklären. Mir ist im Ziel schon oft der Kreislauf zusammengebrochen, ich bin zweimal bewusstlos ins Wasser gefallen und musste wieder rausgeholt werden. Ich gehe während des Rennens an meine körperlichen Grenzen und manchmal darüber hinaus. Nach dem Rennen brauche ich in der Regel eine Stunde, bis ich halbwegs wieder fit bin, bis ich mich wieder einigermaßen bewegen und artikulieren kann.

Spüren Sie während des Rennens, wie viel Kraft die Muskeln noch haben?

Nö. Wenn es in einem wichtigen Rennen wirklich ernst wird, fahre ich immer voll. Entweder es reicht ins Ziel oder eben nicht.

Aber kürzlich bei der deutschen Meisterschaft in Brandenburg haben Sie nicht alles gegeben, oder?

Warum auch. Fünf Sekunden Vorsprung auf den Zweiten reichen doch.

Was bedeutet Ihnen so ein Rennen?

Das bin ich eigentlich nur gefahren, um klarzustellen: Jungs, nicht mit mir! Ich bin der Einer-Fahrer. Das wollte der Verband eben so.

Wie haben Sie sich körperlich verändert, seitdem Sie mit dem Rudern begonnen haben?

Das ist eine richtig große Veränderung, die mein Körper durchlebt hat. 1998 war ich ziemlich massig, da habe ich im Winter 120 Kilogramm gewogen, was nicht unbedingt an Muskeln gelegen hat. Ich habe mich schlecht ernährt, und bestimmte Grundnahrungsmittel sind nicht förderlich für das Gewicht.

Später haben Sie in Anbetracht Ihres Muskelapparats manchmal zu wenig gegessen.

Das ist richtig, ich hatte Zeiten, in denen ich eindeutig zu dünn war. Aber auch das habe ich in den Griff bekommen.

Wie kann das passieren bei jemandem, der immer so stark auf alles achtet?

Ich habe nicht aufgepasst. Da kommt eins zum anderen dazu. Wenn etwas im privaten Umfeld nicht passt, ist einem das Essen nicht mehr so wichtig. Später musste ich dieses systematische Essen lernen.

Muskeln bedeuten Kraft. Profitieren Sie außerhalb des Sports davon?

Ich versuche stets, meine Kraft außerhalb des Sports nicht einzusetzen.

Aber Sie können doch sicher viel leichter einen Bierkasten tragen.

Ich kann auch zwei oder drei tragen. Es ist manchmal schon praktisch, wenn man ein paar Muckis hat. Aber eine Frau kann genauso gut zwei Bierkästen irgendwo hintragen. Das kommt nicht zwangsläufig auf die Oberarme an. Ich glaube nicht, dass man viel Kraft braucht. Man muss nur die, die man hat, effektiv einsetzen. Wenn ich ein Kerl wie ein Baum bin, aber keiner Fliege was zu Leide tun kann, dann ist alle Kraft sinnlos, wenn es wirklich hart auf hart kommt.

Was ist das für eine Technik, durch die man seine Körperkraft effektiv einsetzen kann?

Man muss lernen, ruhig zu bleiben. Das ging mir auch so. Früher war ich wesentlich hektischer in vielen Sachen. Dabei verliert man eben Kraft. Heute bin ich gelassener, und es geht besser.

Sie haben in früheren Jahren manchmal Kraft vergeudet.

Ich habe sicher Fehler gemacht. Bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen habe ich mich vor den Rennen wenig mit den Medien unterhalten. Das durchzuhalten kostet Kraft. Inzwischen mache ich das anders. Man lernt aus Verletzungen und Niederlagen.

Die Kraft hatten Sie aber schon damals in den Armen und Beinen. Ist es für Sie eine Qual, Ihre Muskeln zu trainieren?

Nee. Die stupide Arbeit findet doch draußen auf dem Wasser statt. Jeden Tag das Gleiche machen, jeden Schlag denselben Druck auf dem Blatt haben. Immer auf und ab, 2000 Meter mit der gleichen Herzfrequenz, dann kommt die Wende, und man hat ein bisschen Ruhe, bevor es wieder von vorn losgeht. Dagegen ist Krafttraining richtig abwechselnd. Nach vierzig Wiederholungen kommt eine andere Übung. Das ist wunderbar.

Aber Krafttraining schmerzt doch.

Wenn es weh tut, wächst der Muskel. Das ist halt so. Schmerzen sind dafür da, dass man sie ignorieren kann. Das ist manchmal vielleicht ein Fehler. Wir Ruderer kennen Schmerzen einfach.

Sie haben mal nach einem Leistenbruch drei Tage später im Krankenhaus Liegestütze gemacht und saßen nach fünf Tagen wieder im Ruderboot.

So war das. Mein Kreislauf brauchte diese Bewegung, im Bett wäre mein Körper verrückt geworden. Das war so wie bei einem Ferrari, den man stundenlang mit Vollgas auf der Autobahn fährt, ihn dann abstellt und sofort den Motor ausmacht. Rennmotoren müssen nachlaufen, mein Körper auch. Der wurde ja mitten aus der Wettkampfsaison gerissen, deshalb hatte ich im Krankenhaus immer viel zu hohen Blutdruck. Meine Muskeln mussten wieder bewegt werden.

Wie nehmen Sie Ihre Muskeln wahr?

Wenn es denen richtig gutgeht, spüre ich sie gar nicht. Dann arbeite ich mit ihnen wie mit einem Schraubenschlüssel, den ich in die Hand nehme, um irgendwo etwas festzuziehen.

Muskeln sind bei Ihnen also nur ein Werkzeug. Können Sie an der Abstimmung arbeiten?

Man kann ja jede einzelne Muskelgruppe trainieren, wenn man Lust hat. Nur tut das richtig weh. Die großen Muskelgruppen sind nicht das Problem, weil es dafür eindeutige Übungen gibt. Die ganz kleinen Muskeln, die eigentlich nur Überbringermuskeln sind, die aber schmerzen beim Training höllisch.

Kennen Sie Muskelkater?

Natürlich. Wenn ich im Winter Badminton gespielt habe und am nächsten Morgen aufwache, spüre ich Muskeln, von denen ich überhaupt nicht gewusst habe, dass es sie gibt. Auch einem Profisportler passieren solche Sachen.

Sie sind relativ selten verletzt. Wie schaffen Sie das?

Man muss im Dialog mit seinem Körper stehen. Wenn der sagt, dass er nicht mehr kann, dann trainiere ich zwei Tage nicht. Man muss aufpassen und manchmal einen Gang runterschalten.

In welcher Sprache sprechen Sie mit Ihrem Körper?

Ich spreche nicht mit ihm, er spricht mit mir. Es geht um einfache Alarmzeichen. Wenn meine Werkzeuge abgenutzt sind, dann schmerzen sie. Das ist nicht so schlimm. Innere Signale des Körpers sind schlimmer. Wenn ich nicht mehr abschalten kann, wenn ich nachts nicht schlafe und früh aufwache. Dann sagt mir der Körper: Marcel, jetzt musst du mal wieder ein bisschen Ruhe reinbringen. Wenn ich das dann nicht machen würde, ginge mein Immunsystem kaputt.

Was brauchen Ihre Muskeln, um richtig gut angetrieben zu werden?

Die richtige Ernährung. Und es ist nicht einfach, immer zu essen, wenn man gar keinen Hunger hat. Ich esse dann zwar, aber schmecken tut das überhaupt nicht.

Was frühstücken Sie?

Brot mit Marmelade, Wurst und Käse und ein paar Eier dazu.

Von den Radfahrern kennt man diese großen Nudelberge.

Die gibt es bei mir hin und wieder auch. Aber wenn ich die meiden kann, dann tue ich das auch. Während der Wettkämpfe isst man die eigentlich immer. Deshalb habe ich darauf in meiner Freizeit keine Lust. Da gibt es dann lieber ein saftiges Steak und Kartoffeln dazu. Mit meiner Ernährung bin ich noch ein Waisenkind. Ich kann mir morgens einfach keine kalten Nudeln reinschaufeln. Die bekomme ich nicht runter.

Haben Sie sich auch mal mit Pillen beschäftigt, die Muskeln wachsen lassen?

Wenn ich mich damit beschäftigen würde, wäre ich ja schon positiv. Denn schon der Gedanke ist der Vorreiter zur Tat. Ich nehme lediglich Ernährungsergänzungen zu mir. Dann ist schon Schluss.

Aber es gibt ja auch noch die anderen.

Darüber darf man aber nicht nachdenken. Ansonsten hätte man schon vor dem Rennen verloren. Solange niemand positiv getestet ist, ist jeder sauber.

Macht es Sie nicht nervöser, je mehr Fälle es gibt?

Nein, da weiß ich, dass das System funktioniert. Ich wurde im letzten Monat zweimal kontrolliert - mit einer Blutentnahme. Wozu brauchst du das Blut, wollte ich vom Kontrolleur wissen. Wegen des Wachstumshormons soundso, hat er geantwortet. Ich bin schon groß, das brauche ich nicht, habe ich ihm gesagt.

Mögen Sie Ihre Muskeln?

Natürlich. Man muss seine Muskeln mögen, ansonsten darf man den Sport nicht mit dieser Intensität machen.

Mögen Frauen Ihren Körper auch?

Keine Ahnung. Ich habe eine Frau, und das reicht mir auch.

Aber Sie spüren doch, wenn Sie angeschaut werden, oder nicht?

Ich achte wirklich nicht darauf, ob mich Frauen anschauen oder nicht. Das interessiert mich nicht. Ich merke eher, wenn mich Männer anschauen, und das ist manchmal wirklich komisch.

Welchen Muskel mögen Sie an sich besonders?

Meine Beine, ich finde meine Beine richtig geil.

Die Fragen stellten Evi Simeoni und Michael Wittershagen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Andreas Müller

 

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