Eintracht Frankfurt

Die Zweifel wachsen - nur bei Funkel nicht

Von Marc Heinrich

09. Mai 2008 Nach dem Schlusspfiff war das Abwehrverhalten intakt. Friedhelm Funkel verteidigte seine Spieler, die gerade einen weiteren Nackenschlag hatten hinnehmen müssen, mit einer Vehemenz, die seine Männer für die defensiven Aufgaben zuvor bei der 2:3-Niederlage gegen Wolfsburg schmerzlich vermissen ließen. Jede noch so vorsichtig formulierte kritische Anmerkung am Auftritt der Frankfurter, die soeben die fünfte der zurückliegenden sechs Partien verloren hatten, ließ der Trainer der Eintracht so nicht gelten. Auch seine verkniffene Miene bei der Analyse sprach Bände: Er rollte demonstrativ mit den Augen oder schaute genervt an die Decke des Raums. Der 32. Bundesliga-Spieltag bot Funkel und seinen Leuten die letzte Gelegenheit, um die Chancen auf eine Teilnahme an einem europäischen Fußball-Wettbewerb zu wahren - fahrlässig nutzte die Eintracht sie nicht.

Der Coach wollte von einem neuerlichen Ausrutscher aber nichts wissen. „Wir gehören ins Bundesliga-Mittelfeld - zwischen Platz acht und zwölf. Dort stehen wir, das ist das Leistungsniveau der Mannschaft. Ich zweifle nicht an meinem Team.“ Er verwies berechtigterweise darauf, dass seine Leute die meisten Torschüsse abgegeben hatten, die meisten Ballkontakte besaßen und die meisten Zweikämpfe gewannen. „Die Fakten stimmen, nur das Ergebnis nicht“, lautete seine verkürzte Botschaft bei der Aufarbeitung des Abends. Vier Tage nach der Blamage beim 1:4 in Stuttgart boten die Frankfurter eine solidere Vorstellung, doch wieder standen Aufwand und Ertrag in keinem vernünftigen Verhältnis. „Die Jungs haben Biss und Leidenschaft gezeigt und die Schlappe von Stuttgart von der Leistung her wettgemacht“, stellte Funkel fest. Umso mehr schmerzten die Tore von Grafite (4. Minute), Marcel Schäfer (28.) und Edin Dzeko (79.); der zweimalige Ausgleich durch Ioannis Amanatidis (22./Foulelfmeter) und Markus Weissenberger (61.) brachte so nichts Zählbares ein.

Saison am Ende mit fadem Beigeschmack

Funkel, das war auch zwölf Stunden später nach dem Vormittagstraining zu spüren, ist angefressen. Die Negativserie macht auch ihm mehr zu schaffen, als er öffentlich einräumen möchte. Am meisten ärgert er sich wohl über sich selbst. Er, der personifizierte Verteidigungsminister, der schon so oft für vermeintlichen unattraktiven und sicherheitsorientierten Fußball gescholten wurde, lockerte in diesem Frühjahr die Zügel und ließ - entgegen seinem Naturell - die Eintracht mutiger agieren, „weil ich dachte, dass wir so schneller ans Ziel kommen“, wie er am Mittwoch zugab. Ein Trugschluss. 45 Punkte lautete die Vorgabe, die seit Wochen zum Greifen nahe ist, aber nicht erreicht wird. Nach der dritten Heimniederlage in der Rückrunde (und nach wie vor 43 Zählern) rutschte die Eintracht nun auf den zehnten Platz ab.

Eine Saison, in der es lange wie am Schnürchen lief, erhält so gegen Ende einen faden Beigeschmack. An diesem Samstag steht das gewiss nicht leichte Gastspiel beim FC Schalke 04 an. Die Voraussetzungen sind nicht die besten. Der Champions-League-Aspirant verlor nur eins der letzten elf Duelle gegen die Hessen, Funkel gewann als Trainer noch nie bei den „Königsblauen“. Sorgen und Nöte gibt es für ihn augenblicklich allenthalben. Alle einzelnen für sich genommen, mögen nur kleine Mosaiksteine sein, doch zusammengefügt, ergibt sich aus ihnen ein ordentliches Problembild.

Die Abwehrschwäche

Innenverteidiger Sotirios Kyrgiakos ist nach seinem doppelten Nasenbeinbruch weit von seiner Form vergangener Tage entfernt. Der Grieche leistete sich gegen Wolfsburg haarsträubende Fehler und steckte mit seiner Unsicherheit auch Aaron Galindo an. Auf den Außenpositionen lässt vor allem Christoph Spycher gewohnte Konstanz vermissen. „Wir sind derzeit in der Defensive nicht so stark. Die Gegentore ärgern mich maßlos“, sagte Funkel. Die Hintermannschaft leistet so gut wie keinen Beitrag zum Aufbau und zur Spielgestaltung und lässt große Lücken zum Mittelfeld aufkommen, wodurch die Laufwege (zu) lang werden - was allen Beteiligten Kraft kostet. „Fehlende Kompaktheit“, attestierte Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen treffend.

Funkel besaß durch viele Verletzte kaum Möglichkeiten, nötige Verschnaufpausen zu gewähren. Das rächt sich nun. Benjamin Köhler und Co. laufen auf dem Zahnfleisch und teilen sich ihre verbliebenen Kräfte zu allem Überfluss nicht optimal ein. „Sie geben manchmal zu viel Power, wenn es besser wäre, das Tempo auch mal rauszunehmen“, bemängelte Funkel, der im Sommer auf die Genesung von Chris, Alexander Meier und Christoph Preuß hofft. In der momentanen Verfassung ist Millioneneinkauf Caio der Mannschaft jedenfalls keine Hilfe.

Sarkasmus der Fans

Es war ein merkwürdiges Schauspiel, das sich rund um den Seitenwechsel in der WM-Arena abspielte. Die Anhänger der Eintracht verhöhnten die eigene Mannschaft in einer bis dahin seltenen Art und Weise. Sie stimmten zu Tausenden „Oh, wie ist das schön“-Gesänge an und ließen La Ola durch das Stadion schwappen. Jeder Fehlpass wurde boshaft beklatscht. „Nicht sonderlich hilfreich“ fand Weissenberger die Aktionen auf den Rängen: „Wenn das Selbstvertrauen ohnehin angeschlagen ist, fühlt man sich durch so etwas ganz bestimmt nicht stärker.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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