1:0 gegen Paraguay

Neuville entscheidet Geduldsspiel

Von Frank Hellmann, Seogwipo

Gefeierter Mann: Oliver Neuville

Gefeierter Mann: Oliver Neuville

15. Juni 2002 Das Geburtstagskind war wütend. Mehr als 70 quälend langweilige Minuten waren in Seogwipo beim WM-Achtelfinale zwischen Deutschland und Paraguay gespielt, als Oliver Kahn den Weckruf vornahm. „Die sind platt, die sind kaputt“, schrie der seit Samstag 33-jährige Kapitän und verlangte von seinen Vorderleuten lautstark, „spielt mehr nach vorne.“

Drei Minuten vor Schluss, die drohende Verlängerung gegen den äußerst unangenehmen Kontrahenten vor Augen, gelang den Deutschen schließlich die geforderte Erlösung. Flanke von Bernd Schneider, Direktschuss von Oliver Neuville - Paraguays Paradiesvogel-Torwart Jose Luis Chilavert, bis dahin kaum ernsthaft getestet, war machtlos. Die lästige Pflicht erfüllt, das Viertelfinale erreicht. Am Freitag im koreanischen Ulsan warten nun Mexiko oder USA als Gegner.

„Wir bleiben noch lange in Korea“

Mann des Tages: Oliver Neuville

Mann des Tages: Oliver Neuville

Aussichten, die kühne Träume wecken. „Wir bleiben noch lange in Korea“, versprach Jens Jeremies. Sein Kapitän wurde noch konkreter: „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir nun bis ins Finale kommen“, gab Kahn mit zielgerichtetem Blick kund. Abgeben mit der Runde der letzten Acht will er sich nicht. „Noch haben wir nichts erreicht, das müssen wir schnell abhaken.“

Für Rudi Völler war der Arbeitssieg schon der Erwähnung wert. „Die Franzosen haben sich gegen diesen Gegner vor vier Jahren auch einen abgewürgt. Und Argentinien hat gegen Paraguay zwei Mal nicht gewonnen. Es hat schon seinen Grund, dass dieser Gegner schwer zu spielen ist.“ Weil die „Guaranis“ aus dem Herzen Südamerikas im Gegensatz zu Brasilianern oder Argentiniern weitgehend darauf verzichten, Fußball als vorwärts gerichtetes Spiel zu interpretieren.

Atmosphäre wie bei einem Freundschaftsspiel

Der erbitterte Kontrahent an diesem warmen Samstagnachmittag auf der Ferieninsel Jeju Island hieß aber nicht nur Paraguay. Es waren die Merkwürdigkeiten im mit 25.176 Zuschauer nur halb gefüllten World Cup Stadium von Seogwipo, die die Deutschen zu lähmen schienen.

Ein paar koreanische Kinder kreischten, die Sonne schien, 22 Spieler wirkten nicht ganz bei der Sache. Es herrschte keine WM-Stimmung, sondern die Atmosphäre eines Vorbereitungsturniers auf Mallorca. „Das war wie bei einem Freundschaftsspiel“, monierte auch Kahn, „und wir waren so dumm und haben uns davon anstecken lassen.“ Völler nutzte die Halbzeitpause, um wichtige Botschaften mitzuteilen: „Ich musste den Jungs klarmachen: Hey, ihr seid bei einer WM.“ Kahn hatte eine Halbzeit gesehen, „in der wir gar keinen Fußball gespielt und die Bälle nur nach vorne gebolzt haben.“

Sicherheitsrisiko Rehmer

Mit unverständlichem Kopfschütteln quittierte der Teamchef die kollektiven Fehlleistungen der ersten 45 Minuten, die zu ungenau (Jens Jeremies), zu verhalten (Michael Ballack), zu fehlerhaft (Marco Bode und Torsten Frings) das Aufbauspiel voran trieben. Mängel traten in allen der wegen der Sperren von Christian Ziege, Dietmar Hamann und Carsten Ramelow sowie der Formschwäche von Carsten Jancker umformierten Mannschaftsteilen zutage.

Die Stürmer Miroslav Klose und Oliver Neuville gewannen kaum Zweikämpfe, in der Abwehr stand Marko Rehmer in seinem ersten Spiel seit der Verletzung vom 2. März völlig neben sich. „Ich habe nie ins Spiel gefunden, mir liegt es nicht, wenn ich keinen Gegenspieler habe“, gab zudem der in der Viererkette auf links beorderte Christoph Metzelder zu.

Völler erkannte die Ungereimtheiten und nahm gelungene Veränderungen vor: Nach dem Wechsel agierte die DFB-Auswahl mit einer Dreierkette, in der Sebastian Kehl den Abwehrchef spielte, wofür das Sicherheitsrisiko Rehmer in der Kabine blieb.

Schwungrad Kehl

Vor allem Kehl erwies sich als Schwungrad des deutschen Spiels. „Ich war schon etwas traurig, dass ich heute nicht dabei war. Aber dann habe ich das Vertrauen ja wohl gerechtfertigt.“ Der 22-Jährige war neben Neuville einer der Matchwinner dieser schwachen Begegnung, in der Kehl „nie das Gefühl hatte, dass Paraguay noch ein Tor schießen könnte.“

Deshalb wollte auch Völler keine Zweifel am zögerlich-zaudernden Tun zulassen. „Wir haben in der zweiten Halbzeit besser kombiniert, mit Ruhe und Geduld und ein bisschen Hirn.“ Großzügig wollte der Teamchef auch die ein oder andere Chance gesehen haben. Die aber hielten sich trotz 20 Torschüssen in engen Grenzen.

Angst spielte stets mit

Denn auch die zweite Hälfte war stets von der Angst geprägt, den entscheidenden Fehler zu begehen, zumal der am linken Fuß verletzte Christoph Metzelder („Er macht mir große Sorgen.) noch in der 69. Minute durch Frank Baumann ersetzt wurde. „Wir konnten bei diesem Wetter einfach keinen Tempofußball spielen“, verteidigte Marco Bode.

Doch nicht nur das Tempo fehlte, „auch technisch waren die Deutschen nicht so stark“, bemängelte Cesare Maldini treffend. Für Paraguay und seinen italienischen Trainer („Deutschland war physisch sehr stark.“) ist das Turnier wie vor vier Jahren nach einem 0:1 im Achtelfinale beendet.

Völler hatte es prophezeit: „Er hat mit dieser Mannschaft für die ein oder andere Überraschung gesorgt. Aber irgendwann muss es damit auch vorbei sein“, sagte er vor dem Spiel. Für Kahn und Co. hat die WM dagegen jetzt erst richtig angefangen. Denn historisch gesehen ist ein Viertelfinal-Einzug eigentlich eine Normalität: Seit 1954 stand Deutschland schließlich immer in der Runde der letzten Acht.

Text: @hel
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Medikamente günstig einkaufen Preisvergleich für Medikamente und Apotheken-Produkte. Mehr als 90 Apotheken im Vergleich.

In 
Anzeigen des Monats
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche