12. Mai 2007 An diesem Samstag könnte der VfB Stuttgart mit einem Sieg beim VfL Bochum und einem gleichzeitigen Ausrutscher von Tabellenführer Schalke 04 einen Spieltag vor Saisonende auf Platz eins der Fußball-Bundesliga springen und hätte damit beste Aussichten auf die Meisterschale. Doch auch wenn es mit diesem Titel für die Schwaben am 19. Mai nicht reichen sollte, hat die Mannschaft von Trainer Armin Veh eine Woche später in Berlin noch die Chance, den DFB-Pokal im Endspiel gegen Nürnberg zu gewinnen. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Veh vor den drei finalen Partien dieser Spielzeit über positiven Stress im Meisterschaftskampf, die wahren Höhepunkte im Trainerleben und die Planbarkeit des Fußballs.
Im Eingangsbereich der VfB-Zentrale hängen Bilder von den großen Stuttgarter Erfolgen, etwa von der bislang letzten Meisterschaft 1992. Schauen Sie sich die Fotos in letzter Zeit öfter an?
Hängen da solche Bilder? Ist mir noch gar nicht aufgefallen. Ich gehe hier ja meistens durch den Spielereingang rein.
Versuchen Sie Situationen zu vermeiden, in denen Sie mit der Vorstellung konfrontiert werden, in gut einer Woche selbst die Schale in den Händen zu halten?
Dem kann man nicht aus dem Weg gehen. Wir haben als Tabellenzweiter zwei Spieltage vor Saisonende einen Punkt Rückstand auf den Führenden. Da hast du die Möglichkeit, Meister zu werden. Nicht mehr und nicht weniger.
Sie stehen auch im Pokalfinale. Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, wenigstens einen Titel zu holen?
Ich mag diese Spielchen mit der Wahrscheinlichkeit nicht. Wir können es schaffen, wir können beide holen, das haben wir uns erarbeitet. Wir spielen jetzt in Bochum, und an mehr denken wir nicht. Da brauchen wir keine Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Fertig.
Die Kommentare Ihrer Spieler nach dem Sieg am vergangenen Wochenende gegen Mainz klangen anders. Der Tenor war: Jetzt wollen wir alles!
Natürlich spricht man über den Titel. Mit dem Sieg gegen Mainz haben wir den dritten Platz (gleichbedeutend mit der Teilnahme an der Champions-League-Qualifikation) gesichert. Da ist es normal, dass die Spieler dann über den Titel sprechen. Wir wollen ja nicht auf Teufel komm raus auf Understatement machen.
Da gibt es von Ihrer Seite aus nicht die übliche Sprachregelung?
Das ist nicht nötig. Ich habe eine sehr intelligente Truppe. Die wissen alleine, was sie sagen können und was nicht. Bislang habe ich noch keine dummen Sprüche von ihnen gehört.
In verschiedenen Umfragen und Internet-Abstimmungen tippt die Mehrheit auf den Meister VfB. Erstaunt Sie das?
Es gab auch schon Umfragen, in denen die SPD klar vorne lag, und am Ende hat die CDU gewonnen. Ich weiß nicht, welche Umfragen das sind und wie repräsentativ sie sind. Reden wir jetzt über etwas, das wir gar nicht genau kennen?
Die Fußballfans reden aber von nichts anderem als dem Titelkampf.
Ich denke, dass wir eine gute Saison gespielt haben. Das erkennen die Leute an. Bremen hat den attraktivsten Fußball in der Vorrunde gespielt und wir in der Rückrunde. Aber ich kann nicht beurteilen, warum man uns jetzt vorne sieht.
Könnte es sein, dass die Leute ein Gespür dafür haben, wie die jeweiligen psychologischen Voraussetzungen bei Schalke, Stuttgart und Bremen im Titelkampf sind? Der VfB hat seine ursprünglichen Ziele weit übertroffen, und er hat einen Lauf.
Glauben Sie, dass die Leute sich wirklich so viele Gedanken darüber machen?
Es geht um den psychologischen Vorteil, den Ihre Mannschaft haben könnte.
Wie soll ich das beurteilen? Was wollen Sie jetzt von mir hören? Noch einmal: Um diese Frage zu beantworten, braucht man nicht der Trainer des VfB Stuttgart zu sein. Meine Antwort ist: Ich kann das nicht beantworten.
Christoph Daum hat jüngst in einem Interview in der Stuttgarter Zeitung gesagt, es gebe erstaunliche Parallelen zu 1992 und deshalb spreche alles für den VfB. Was sagen Sie dazu?
Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen: Das interessiert mich jetzt nicht besonders. Ich beschäftige mich nicht damit, was 1992 war. Es ist typisch, dass man das jetzt macht, und vielleicht gibt es ja Parallelen. Ich weiß auch nicht, wie Christoph Daum das beurteilen kann.
Er war damals der Trainer des VfB.
Aber er kennt doch meine Mannschaft nicht. Ich glaube nicht, dass es Parallelen gibt. Wenn ich mich mit Leuten unterhalte, die das damals aus der Nähe erlebt haben, habe ich den Eindruck, damals hat bis zum Schluss niemand mit dem Titel gerechnet, weil Stuttgart nicht gut Fußball gespielt hat. Das ist jetzt ganz anders.
Jetzt wäre der Titel keine Überraschung mehr. Aber war es bis vor ein paar Wochen nicht so, dass die Konkurrenten dem VfB das nicht zugetraut haben?
Man hat uns lange unterschätzt. Wir haben vor der Saison keine bestimmte Plazierung ausgegeben, wir haben die Mannschaft ganz neu zusammengestellt, und wir haben sehr junge Spieler. Da ist es natürlich, dass man uns nicht auf der Rechnung hatte. Und dann wird man auch von Anfang an nicht so wahrgenommen wie die großen Favoriten, wie Bayern oder Schalke. Und denken Sie nur an unseren Start. Nach fünf Spieltagen hatten wir sieben Punkte. Selbst nach der Vorrunde, als wir Vierter waren, hat uns keiner ernst genommen. Da war nur von einem Dreikampf die Rede: Bayern, Schalke, Bremen. Uns konnte das nur recht sein.
Wie schwierig war es für Sie selbst, die Stärke Ihrer Mannschaft einzuschätzen?
Nach der Vorbereitung war mir schon klar, dass die Mannschaft fußballerisch und läuferisch sehr stark ist. Und dass sie gut harmoniert.
An welchem Zeitpunkt dieser Saison hatten Sie das Gefühl, dass der VfB nach dem Titel greifen kann?
Nachdem die Vorrunde so gut gelaufen ist, konnte ich nicht damit rechnen, dass wir so eine Rückrunde hinlegen. Das ist ja nicht einfach mit so einer jungen Mannschaft. An die Meisterschaft habe ich lange nicht gedacht, bis vor ein paar Wochen. Aber wir stehen zu Recht da oben. Es hat keine Mannschaft gegeben, die uns ausgespielt hat. Außer Nürnberg. Wenn man die Bilanz der Spitzenteams in den Spielen gegeneinander anschaut, sind wir die Besten. Und natürlich haben wir uns Ziele gesetzt. Erst den Uefa-Pokal. Dann die Qualifikationsrunde der Champions League. Und jetzt, zwei Spieltage vor dem Schluss, versuchen wir eben, Meister zu werden. Aber wir müssen es nicht.
Könnte die Unterschätzung des VfB auch damit zusammenhängen, dass man Ihnen als Trainer nicht viel zugetraut hat?
Ich finde es eine Unverschämtheit, was da teilweise berichtet wird. Es wird einfach nicht anerkannt, wenn man eine Regionalligamannschaft in die zweite Liga führt. Das ist mir in Fürth und in Reutlingen gelungen. Ist das nichts? Ich bin jetzt 16 Jahre Trainer, aber das interessiert kaum jemanden. Deshalb wirst du immer unterschätzt. Es ist ein Unding, dass man erst dann als guter Trainer angesehen wird, wenn man einen Titel hat.
Wie erleben Sie diese Wochen?
Es ist angenehmer als mein erstes halbes Jahr in Stuttgart. Aber ich springe nicht in der Gegend rum, weil wir jetzt Zweiter sind und weil wir einen Champions-League-Platz erreicht haben. Ich mache meinen Job. Ich bin kein Mensch, der sich da so nach außen freuen kann.
Ist das der Grund dafür, dass es den Medien nicht leichtfällt, Sie einzuschätzen?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich keine selbstdarstellerischen Fähigkeiten besitze. Da gibt es andere in der Branche. Wir lachen auch viel bei uns, wir haben Spaß. Aber ich kann nicht draußen rumspringen wie ein Irrwisch.
Stehen Sie dem Unterhaltungsbetrieb Bundesliga kritisch gegenüber?
Nein. Die Show gehört dazu. Die Leute wollen sich ja amüsieren, wenn sie ins Stadion gehen. Das ist ja das Tolle am Fußball, dass er den Leuten so viel geben kann. Und ich habe für mich das Gefühl, dass ich dem Fußball und den jungen Leuten etwas geben kann. Als ich Trainer in Fürth war, hat sich in der ganzen Stadt niemand getraut, ein grün-weißes Trikot zu tragen. Da hat nur der 1. FC Nürnberg gezählt. Man hatte als Fürther Angst davor, verhöhnt zu werden nach dem Motto: Was wollt ihr denn? Wir (der 1. FC Nürnberg) spielen in der Bundesliga und ihr in der Regionalliga. Doch auf einmal waren wir genauso erfolgreich wie der Club. Und plötzlich hat man in Fürth kleine Kinder gesehen, die stolz die grün-weißen Trikots getragen haben. Wir sind in die Schulen gegangen und haben mit denen Unterricht gemacht. Das sind die wahren Highlights für einen Trainer, die wirklich schönen Momente. Titel, ja, die will ich als Trainer gewinnen. Aber sie sind nicht entscheidend für mein Leben.
Träumt man als Trainer nicht davon, in der Champions League zu spielen und deutscher Meister zu werden?
Träumen? Es ist ein Ziel. Ich bin Trainer, das ist mein Beruf, und ich möchte das Beste erreichen. Wo ich bislang war, konnte ich keine Titel holen. Ich bin aufgestiegen. Jetzt kann ich an Titel denken.
Wie erden Sie sich?
Ich muss mich nicht erden. Ich hebe nicht ab, also muss ich auch nicht herunterkommen. Ich spiele keine Rolle. Ich bin, wie ich bin, auch im Umgang mit den Medien. Das ist nicht immer einfach. Aber was die Medien anbelangt, habe ich mich geändert. Ich bin offener geworden.
Aber Spaß macht Ihnen der Umgang mit den Medien nicht?
Es macht auch Spaß. Aber nicht immer. Das ist eine Frage von Erfahrung. Vielleicht ist es gut, dass ich erst jetzt in Stuttgart bin. Vor einigen Jahren wäre der ganze Rummel schwierig für mich gewesen.
Die Drehzahlen im Fußball sind hoch. Wie kommen Sie davon herunter?
So eine Situation, wie ich sie jetzt habe, ist ja angenehm. Ich war mit meinen Mannschaften meistens oben. Aber ich habe auch das andere Extrem erlebt, zwei Jahre Abstiegskampf in Rostock. Das ist viel anstrengender. Man gewinnt nicht oft. Das ist nicht positiver Stress, sondern Disstress. Da geht es um Jobs und Existenzen. Das ist kein Vergleich zu dem Druck, wenn man oben steht.
Muss man nicht trotzdem manchmal abschalten?
Jeder hat da seine eigenen Wege. Aber es ist nicht immer einfach. Samstag nach dem Spiel kann ich nicht schlafen. Egal, ob ich 4:0 gewinne oder 0:4 verliere.
Sie finden keinen Schlaf?
Es geht fast nicht. Das ist eine Katastrophe. Sonntags fahre ich in der Regel nach Hause zu meiner Familie nach Augsburg. Den Tag brauche ich.
Ihr Manager Horst Heldt hat vor kurzem gesagt: So etwas, was in dieser Saison mit dem VfB Stuttgart passiert, gibt es nur im Fußball. Heißt das nicht im Umkehrschluss, dass das meiste vom Zufall und von Unwägbarkeiten abhängt?
Diese Ansicht teile ich nicht, falls er das überhaupt so gemeint hat. In gewissem Rahmen ist der Fußball planbar. Nicht zu 100 Prozent, aber man kann eingrenzen, was man erreichen will. Was nicht planbar ist, ist ein bestimmter Tabellenplatz.
Können Sie ausschließen, dass es dem VfB in der nächsten Saison so ergeht wie dem Hamburger SV in dieser?
Ausschließen kann man nichts. Aber ich habe mit dem HSV nichts zu tun. Ich beschäftige mich mit anderen Dingen. Deshalb habe ich keine Lust, diese Frage zu beantworten.
Warum nicht?
Also gut: Ich glaube nicht, dass uns so etwas passiert, was dem HSV in dieser Saison passiert ist. Dafür arbeiten wir ja. Der Fußball ist kein Glücksrad. Sonst könnte man ja jede Pappnase auf die Trainerbank setzen. Aber wie gesagt: Ausschließen kann man nichts, weil es auch Dinge gibt, die man als Trainer nicht beeinflussen kann. Zum Beispiel, wenn man mir die halbe Mannschaft wegkauft.
Aber da besteht keine Gefahr?
Ich gehe nicht davon aus. Die jungen Spieler wissen, dass es für sie das Beste ist, wenn sie sich hier weiterentwickeln.
Wird der Anteil des Trainers überschätzt? Ihr Nürnberger Kollege Hans Meyer vertritt diese These.
Sind Sie sicher, dass er das ernst gemeint hat? Oder hat er wieder alle hinters Licht geführt? Es heißt ja manchmal, der Trainer sei das schwächste Glied. Aber das stimmt nicht. Es ist die wichtigste Position im Verein, allgemein, nicht auf mich bezogen.
Haben Sie als Trainer eine Vision?
Ich würde nicht von einer Vision sprechen. Aber es gibt Ziele. Ich habe schon vor ein paar Monaten gesagt: Es ist Zeit, dass ich als Trainer Titel hole. Jetzt habe ich die Möglichkeit.
Das Gespräch führte Gerd Schneider.
Text: F.A.Z., 12.05.2007, Nr. 110 / Seite 32
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