Die Griechen

Das Prinzip Rehhagel spricht sogar griechisch

Von Peter Heß

Fußball ist seine Bestimmung: König Otto

Fußball ist seine Bestimmung: König Otto

17. Juni 2004 Otto Rehhagel analysierte mit der gebührenden Gelassenheit des Alters ein Spiel, das dem griechischen Fußball einen Pulsschlag von 180 beschert hatte und ihm die Chance eröffnet, seinen größten internationalen Erfolg zu feiern. Strahlender und bewegender als der Triumph im Europapokal der Pokalsieger 1992 mit Werder Bremen. Nach dem glücklich zustande gekommenen 1:1 in Porto gegen Spanien genügt dem großen Außenseiter der Gruppe A, Griechenland, im letzten Vorrundenspiel schon ein Unentschieden gegen Rußland, um ins Viertelfinale der Europameisterschaft 2004 einzuziehen.

In der Heimat herrscht Ausnahmezustand, sogar die bevorstehenden Olympischen Spiele in Athen rücken in diesen Tagen hinter den Fußball. Und dann erzählt Rehhagel im ruhigem Tonfall eines 65 Jahre alten Esseners von der Unterlegenheit seiner Mannschaft, von ihrer alle Schwächen kompensierenden Leidenschaft und davon, daß es im Fußball keine gerechten und ungerechten Ergebnisse gebe, sondern nur Resultate.

Es schien alles gesagt. Rehhagel saß bei den wie üblich fehlerhaften Übersetzungen der Europäischen Fußball-Union mit einer Miene auf dem Podium, als hörte er die Lottozahlen, ohne einen Tippschein ausgefüllt zu haben. Plötzlich ging ein Ruck durch seinen Körper, und dann verkündete der Trainer mit lauter, aufgeregter Stimme: "Eines muß ich noch loswerden. Diese schwarzen Tornetze sind unmöglich, wer sich so etwas ausgedacht hat, muß ein Funktionär sein und kein Fußballer. Da hat wieder keiner an die Zuschauer gedacht. Die wollen doch sehen, wie der Ball ins Netz rauscht. Weiße Netze wie in Wembley braucht man, keine schwarzen. Fußball ist doch kein Trauerspiel."

Otto kümmert sich um alles

In diesem Moment gab Otto Rehhagel preis, warum er einer der erfolgreichsten deutschen Fußballtrainer geworden ist. Einerlei wie unbedeutend der Gegenstand seiner Betrachtungen ist - unabhängig von Namen, Images oder Philosophien -, Rehhagel geht es immer um die Sache, um den Fußball. Was gut ist, muß gut bleiben, was schlecht ist, muß angeprangert werden. "Otto kümmert sich um alles", sagte ARD-Kommentator Günter Netzer nach der Übertragung der Pressekonferenz mit einem amüsierten Lächeln. Natürlich setzt sich Rehhagel mit seinem Gerechtigkeitstick, der vor Kleinkariertem nicht haltmacht, bei weltläufigen Zeitgenossen der Gefahr der Lächerlichkeit aus. Aber Fußballprofis sind oft schlichtere Gemüter, die es genießen, in der täglichen Arbeit einem Chef gegenüberzustehen, auf dessen Wertesystem Verlaß ist. Nicht jeder kommt mit Rehhagel zurecht. Aber daß die überwiegende Mehrheit seiner ehemaligen Spieler noch nach Jahren von ihm schwärmt, kann kein Zufall sein.

Rehhagel kam als Fußballer zur Welt. Ein Spötter meinte einmal, schon mit Stollenschuhen an den Füßen. In kleinen Verhältnissen aufgewachsen, eine Handwer-kerlehre abgeschlossen, erweiterte er zwar seinen Bildungs- und Interessenhorizont, aber seine Wurzeln bestimmten immer sein Tun. Und Fußball blieb immer seine Bestimmung. Wie ein Kleingärtner beharkte und beharkt er seine Mannschaften, achtet auf den geraden Wuchs jedes Halms, jätet aufmerksam das Unkraut. Auf daß alles gedeihe. Als er vor 25 Jahren bei Arminia Bielefeld entlassen worden war, sagte er ohne einen Anflug von Ironie: "Wenigstens gibt es wegen mir jetzt eine Toilette am Trainingsgelände." Noch Jahre später erkundigte er sich bei jedem Besuch auf der Bielefelder Alm, ob das Otto-Rehhagel-Gedächtnis-Klo noch existiere.

Daß das Prinzip Rehhagel eins zu eins vom Deutschen ins Griechische übertragen werden konnte, ist das Verdienst von Ioannis Topalidis. Der in Deutschland aufgewachsene Grieche, Absolvent der Kölner Sporthochschule, wirkt als Kotrainer und vor allem als kongenialer Übersetzer. Sogar die Körpersprache seines Chefs hat er angenommen. Ihr Verhältnis bildet die Grundlage zu allen Erfolgen der griechischen Nationalelf.

Ein großer Trainer, eine große Persönlichkeit

"Otto kann von mir alles haben, er hat mich und jeden einzelnen Spieler von sich überzeugt", sagt Topalidis, der in Deutschland die Oberligamannschaft des SC Geislingen (bei Stuttgart) trainierte. "Wie er mit den Menschen umgeht, ist einmalig. Alle glauben daran, was er sagt, alle glauben an ihn." Wie Topalidis gerät Außenverteidiger Fyssas ins Schwärmen: "Er ist ein großer Trainer, eine große Persönlichkeit." Fyssas verdient sein Geld für Benfica Lissabon, sieben weitere Griechen sind zum Teil bei prominenten ausländischen Klubs beschäftigt. Das altdeutsche System, das sie Rehhagel in der Nationalelf spielen läßt, waren sie nicht gewohnt. Und auch in den griechischen Spitzenklubs wird selten mit Libero, Vorstopper und zwei defensiven Mittelfeldspielern operiert. Daß die vornehmliche Aufgabe eines jeden - bis auf die beiden einsamen Stürmer - darin besteht, erst einmal keine Lücken in der Defensive entstehen zu lassen, entspricht ebenso wenig dem Naturell des gemeinen griechischen Fußballspielers.

Topalidis läßt den Vorwurf, altmodisch zu spielen, nicht gelten. "Es gibt keinen modernen Fußball. Warum sind die französischen Frauen immer gut angezogen? Nicht, weil sie stets die modernsten Kreationen kaufen, sondern weil sie nur tragen, was ihnen steht." Rehhagel hat für die Griechen also das Passende gefunden. Unpassend empfände er, wenn sie im nächsten Spiel gegen die bereits ausgeschiedenen Russen ihre Chance in einem Gefühl der Begeisterung verspielten. Aber auch in diesem Punkt ist er überzeugt, ganze Arbeit verrichtet zu haben. "Die Griechen sind zwar heißblütig. Aber nach drei Jahren mit mir können meine Jungs die Lage schon realistisch einschätzen."

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. 06. 2004, Nr. 139 / Seite 30
Bildmaterial: REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

In 
Anzeigen des Monats
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche