Jens Lehmann

Der ruhige Abwehrberater

Von Michael Ashelm, Genf

Jens Lehmann in der neuen Chefrolle

Jens Lehmann in der neuen Chefrolle

22. Mai 2006 Zur Vorbereitung auf eine Weltmeisterschaft gehört es, schnell eine klare, krisenfeste Hierarchie innerhalb des gesamten Kaders zu finden. Was sich diesbezüglich am gestrigen Montag im ersten Training von Jens Lehmann mit seinen Kollegen tat, dürfte den Bundestrainer erleichtert haben.

Der neue erste Torwart Fußball-Deutschlands befand sich symbolträchtig in zentraler Position im Stade de Geneve, um ihn herum die Helfer, die den Mann von Arsenal London mit festen Schüssen aufzuwärmen versuchten: Torwarttrainer Andreas Köpke, Lehmanns zweiter Vertreter Timo Hildebrand und der unlängst abgestufte Oliver Kahn als willige Zuarbeiter.

„Keiner erwartet von mir Wunderdinge“

Seine Chefrolle zwischen den Pfosten, die er nach der Entscheidung von Jürgen Klinsmann zum ersten Mal offiziell bei der Nationalmannschaft innehat, gedenkt Lehmann allerdings nicht viel anders auszufüllen, als er das schon zuvor während der umstrittenen Torwartrotation praktiziert hatte. Niemand in der Mannschaft verlange, daß er sich jetzt großartig ändere, so Lehmann. "Keiner erwartet von mir Wunderdinge. Ich werde mich so einbringen wie in den vergangenen Jahren - vielleicht ein bißchen mehr." Optisch bald mit der Nummer eins auf dem Trikot ausgerüstet, sieht der 36 Jahre alte Lehmann seinen Führungsstil innerhalb der deutschen Defensivabteilung mehr in einer ruhigen Beratungstätigkeit.

Während der gleichaltrige Oliver Kahn seine unumstrittene Präsenz immer wieder durch lautstarke, kritische verbale Einwürfe unterstrich, will der aktuelle Cheftorhüter kraft des Amtes wohl nicht zum neuen Anführer neben Kapitän Michael Ballack aufsteigen. Vielmehr glaubt Lehmann, das sagte er jedenfalls gestern, daß die nationale Fußballauswahl in ihren Reihen über ausreichend Erfahrung verfügt, wo doch in vielen Beurteilungen meistens die jugendliche Unerfahrenheit in der Betrachtung hervorgehoben würde. "Unsere Mannschaft hat ein gutes Durchschnittsalter, bei dem man mit allem rechnen kann."

Abstimmungsarbeit bis zum Anpfiff

Je unsicherer die Chancen der Nationalelf beim bevorstehenden WM-Turnier von außen eingeschätzt werden, desto selbstsicherer scheinen die Hauptbeteiligten damit umzugehen. Demonstriert wird das Selbstbewußtsein der Mannschaft schon beim Training, wenn zu Beginn im großen Kreis ein gemeinsamer Schlachtruf auf die harte Arbeit einstimmt. Ob seine defensiven Vorderleute dem Druck der gegnerischen Angriffe standhalten werden? Kein Problem für Lehmann. "Ich glaube fest daran, daß wir sehr gute Abwehrspieler und ein gutes defensives Mittelfeld haben. Jeder wird sich in den Dienst der Mannschaft stellen, was mir große Hoffnung gibt."

Die Betonung liegt hier auf dem Wort Hoffnung - der versierte Torwart wird in Wirklichkeit genau registriert haben, wieviel Abstimmungsarbeit noch zu leisten sein wird in der verbleibenden Zeit bis zum ersten Anpfiff in München.

Gemeinsames Frühstück mit Kahn

Nicht zu erfahren war nach Lehmanns Trainingsauftakt, ob er in den letzten drei Testspielen gegen Luxemburg, Japan und Kolumbien als die Nummer eins des WM-Turniers fest im Tor stehen wird oder der zweite Mann Kahn doch noch mal eine Spielchance erhält. Während der wohlgelaunte Lehmann dazu schwieg, sagte Andreas Köpke: "Das werden die Trainer noch entscheiden." Der Torwarttrainer, selbst Europameister zwischen den Pfosten, gab aber noch einen kleinen Hinweis, wohin er tendieren würde: "Natürlich ist es wichtig, daß sich die Abwehr jetzt einspielt. Und der Torwart gehört zur Abwehr." Das klingt nach dem Ende der Rotation.

Das unterkühlte Verhältnis zwischen Lehmann und Kahn dürfte sich von dieser Entscheidung unabhängig gestalten. Die neue Nummer eins hatte zuletzt darüber öffentlich philosophiert, ob es nicht im Zuge der WM zu einer Annäherung zwischen den beiden Alphatieren kommen könne. Da kann jede Kleinigkeit zu einer Verbesserung im zwischenmenschlichen Klima der beiden führen, zum Beispiel ein gemeinsames Frühstück. Am Montag nahmen es beide Torhüter am selben Tisch ein - und beide blieben unverletzt. Immerhin. Der Durchbruch in dieser vertrackten Beziehung kann allerdings noch nicht vermeldet werden. "Vielleicht ergibt sich etwas, vielleicht ergibt sich nichts", war Lehmanns Kommentar - mit schelmischem Grinsen.

„Da wird noch Reizklima aufkommen“

Auffällig gelöst zeigte sich der sonst oft distanziert wirkende Toreverhinderer. Auch wenn er noch Fragen beantworten mußte zu seinem persönlichen Trauma vom vergangenen Mittwoch. Daß er nach einem Foul im Europapokalfinale vorzeitig des Platzes verwiesen wurde - diese negative Erfahrung ist wohl von ihm einigermaßen verarbeitet worden. Er müsse nicht "therapiert" werden, so Lehmann, und drehte die unangenehme Sache ins Positive. "Was hängenbleibt an dieser Champions-League-Saison, ist, daß der Spaß immer größer wird, solche Spiele auf diesem Niveau zu spielen. Das gilt es aufzunehmen in den nächsten Wochen."

Die Stimmungslage im deutschen Team scheint sich der steigenden Zahl der Sonnenstunden über dem Genfer See anzupassen. Lehmann kann mit dieser Harmonie gut leben, doch der echte WM-Stress nagt auch noch gar nicht an den Nerven. "Da wird noch Reizklima aufkommen", sagt ein alter Fuchs wie Köpke.

Text: F.A.Z. vom 23. Mai 2006
Bildmaterial: AP, ddp, dpa/dpaweb, REUTERS

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