Von Thomas Bopp, CMT-Charttechniker
Auf die Kurse wirken viele Faktoren wie Zinsen, Gewinne, Stimmungen und nicht zuletzt Kriege. Selbst Profis wissen oft nicht, wie andere Marktteilnehmer die Daten interpretieren. Deshalb nutzen erfahrene Anleger schon lange die Relative Stärke als Ratgeber. Sie hilft dabei, sich von den Meldungen frei zu machen, die täglich einströmen. Lässt sich damit doch ein unbestechliches Bild der Ausgangslage feststellen.
Bei der Aktienanlage geht es letztlich auch immer um die Frage: Ist der Titel besser oder schlechter als der Index? Zur Beantwortung der Frage blickt man auf eine bestimmte Aktie und auf ihren Vergleichsindex. Im unten angehängten historischen Beispielchart der Deutschen Telekom ist das der Dax. Es werden beide Kursbewegungen verglichen und eine Vergleichslinie gebildet. Ein Wert von eins heißt, die Kurse bewegen sich gleich. Steigt der Dax um ein Prozent, steigt auch die Aktie um ein Prozent. Erreicht die so ermittelte Grafik Werte über eins, weist dies auf eine innere Stärke der Einzelaktie gegenüber dem Vergleichsindex hin.
T-Aktie als Paradebeispiel
Wie gut das Signal mitunter funktioniert, zeigt sich am Beispiel der Deutschen Telekom. Seit es da Mitte September 2001 zu einem Kaufsignal kam, hat ausgerechnet das Sorgenkind Deutsche Telekom, das zuvor beim Aktienkurs lange Zeit nur den Weg nach unten kannte, um über 50 Prozent zugelegt.
Anleger, die auf die Relative Stärke vertrauten, hätten mitverdienen können. Und zwar dann, wenn sie eingestiegen wären, als die Relative Stärke-Linie von unten nach oben den Wert von eins überwand. Verkauft wird im Übrigen immer dann, wenn es anders herum läuft - also die Eins von oben nach unten durchstoßen wird. Im Chart werden die Kauf- und Verkaufszeitpunkte durch kleine grüne und rote Pfeile angezeigt.
Wer dies beherzigte, ist vor der im Juli 2000 begonnenen Abwärtsbewegung der T-Aktie ausgestiegen. Doch es kommt noch besser. Einen Tag nach dem Rekordtief wäre er im September wieder eingestiegen. Ein besseres Timing ist eigentlich nicht möglich.
Die Relative Stärke lässt sich aber auch noch in einer anderen Variante einsetzen. Die zweite Vorgehensweise eignet sich jedoch mehr für langfristig orientierte Investoren. Sie funktioniert wie folgt: Hat der Index einen Tiefkurs markiert, das entsprechende Wertpapier diesen jedoch nicht bestätigt, heißt es kaufen! Erst wenn der Trend der Aktie sich wieder Richtung Süden wendet, wird die Position aufgelöst.
Analyse des Gesamtmarktes trotzdem unabdingbar
Bei allen Vorzügen dieser Methode hat aber auch sie ihre Schwächen. Natürlich wird jedes noch so gute Pferd in der Regel nur so schnell laufen wie die Konkurrenten. Fällt der gesamte Aktienmarkt, wird es auch für den Spitzenkandidaten nicht rosig aussehen. Dann ist es auch nur ein kleiner Trost für den Anleger, dass sein Depot kleinere Verluste als bei der breiten Masse aufweist. Wer auf die Relative Stärke als Entscheidungsinstrument setzt, dem bleibt eine vorherige Analyse samt Prognose des Gesamtmarktes daher trotzdem nicht erspart. Denn nur wenn die Ampeln für den kompletten Aktienmarkt auf Grün stehen, können die besten Aktien ihre ganzen Vorzüge richtig ausspielen.
Text: @jüb
Bildmaterial: NWP-Börse