Von Paul Ingendaay, Madrid
05. Dezember 2006 Es gibt ein spanisches Fußballvorurteil, das bei jeder Welt- und Europameisterschaft wieder hervorgeholt und ausgiebig gelüftet wird, und das ist die Mär von den Riesen in der deutschen Abwehr und den Giganten im deutschen Sturmzentrum, also das Gespenst der germanischen Lufthoheit.
Als hätte es nie einen Gerd Müller, einen Klaus Fischer oder einen Rudi Völler gegeben. Wie die großmäuligste englische Sportpresse benutzen spanische Medien dabei gern Kriegsmetaphorik, aber anders als in England ist das durchaus kein Zeichen von Antipathie. Im Gegenteil, man spricht respektvoll von diesen imaginären Wesen: tolpatschigen blonden Zwei-Meter-Männern, die kein Gran Talent in den Beinen, aber jede Menge Kampfgeist im Herzen und Luft für tausend Schlachten in den Lungen haben.
Werder-Spieler sind neun Zentimeter größer
Jetzt, vor dem Champions-League-Schlagerspiel des FC Barcelona gegen Bremen, ist das Vorurteil wahr geworden. Unwiderruflich. Man kann das Bandmaß anlegen, wie man will, die Daten lügen nicht: Die Werder-Recken, die am Samstag gegen Hertha BSC Berlin auf dem Rasen standen, sind im Durchschnitt neun Zentimeter größer als die Spieler von Barça. Ein besorgter Artikel in Spaniens größter Tageszeitung El País listet gegen Mertesacker, Borowski, Frings und Co. die katalanischen Zwerge auf: Sylvinho (1,71 Meter), Xavi (1,70), Iniesta (1,67) und Giuly (1,64). Auch Deco erreicht keine 1,80 Meter.
Kapitän Carles Puyol (1,79), der linke Außenverteidiger, läßt sich von dieser Arithmetik nicht aus der Ruhe bringen. Mit kleinen Spielern hat das Team in der letzten Saison die Champions League gewonnen, und der Kleinste, Giuly, steuerte entscheidende Tore dazu bei. Wir haben andere Waffen als die Körpergröße, sagt Puyol, wir müssen sie nur nutzen. Und wir müssen das Spiel von unserem Strafraum fernhalten. Wenn die Bremer uns einschließen, sind sie sehr gefährlich. Was die manischen Statistiker der spanischen Sportpresse damit belegen, daß Werder von seinen bisherigen 39 Saisontoren 17,9 Prozent mit dem Kopf erzielt habe. Man könnte es auch einfacher sagen: sieben. Und das klingt nicht annähernd so gefährlich wie der Name des Mannes, der seit Wochen in bestechender Form spielt: Miroslav Klose.
Flach spielen gehört zur Philosophie
Die Aversion gegen das Kopfballspiel hat ihren tieferen Grund. Seit dem legendären Dream Team von Johan Cruyff in den achtziger Jahren gehören die flachen, nicht die hohen Bälle zur Philosophie des FC Barcelona. Typische Strafraumspieler wie etwa der Schwede Larsson können bei den Katalanen allenfalls zum Joker avancieren, und wenn ihnen das auf die Dauer zu wenig ist, packen sie wieder die Koffer, wie Larsson es tat. Vertikal will Trainer Frank Rijkaard den Spielaufbau sehen, mit Doppelpässen, Rhythmuswechseln, technischen Finessen, um Raum zu gewinnen - und dann dem letzten Zuspiel.
Daran hapert es zur Zeit, denn die langwierige Verletzung von Eto'o, dem Torschützenkönig der Primera División, hat eine tiefe Lücke ins Konzept von Barça gerissen. Als dann auch noch Messi ausfiel und bald darauf sein argentinischer Landsmann Saviola, schien das Drama komplett zu sein. Barcelona mußte mit Eto'o nicht nur auf den schnellsten Stürmer der spanischen Liga verzichten, das Team stand auch ohne seine kleinen Wirbler da.
Ronaldinhos spektakuläre Aktionen
Gemessen an der prekären Situation, hat sich der FC Barcelona mehr als achtbar aus der Affäre gezogen. Nach dreizehn Spieltagen belegt der Klub mit einem Punkt Vorsprung vor Real Madrid den ersten Tabellenplatz. Nur in der Champions League steht der Erfolg auf Messers Schneide. Immerhin hat der Isländer Gudjohnsen im Sturmzentrum an Profil gewonnen, und auch wenn Giuly und Gudjohnsen keine Schützenfeste veranstalten, sie ermöglichen den Mittelfeldspielern, in die Lücken zu stoßen. Zum Beispiel dem jungen Andrés Iniesta, der in den letzten vier Wochen mehr Tore geschossen hat als in den beiden Jahren zuvor zusammen.
Der Rätselfaktor vor dem Schicksalsspiel, in dem nur ein Sieg zum Weiterkommen reicht, ist die Tagesform von Ronaldinho. Nach einem schwachen Saisonstart scheint der Brasilianer langsam Tritt zu fassen und sich mit spektakulären Toren in Stimmung zu bringen. Was immer gegen Werder Bremen geschieht, Ronaldinhos Aktionen hängen nie von der Körpergröße ab, womit alle Entschuldigungen entfallen.
Text: F.A.Z., 05.12.2006, Nr. 283 / Seite 34
Bildmaterial: AFP, AP
