Sebastian Kehl

Die Not zwingt Völler zu seinem Abwehr-Glück

Von Frank Hellmann, Seogwipo

Auch von den Fans gewürdigt: Sebastian Kehl

Auch von den Fans gewürdigt: Sebastian Kehl

15. Juni 2002 Beinahe unbemerkt an der Eckfahne, in einem schattigen Plätzchen absolvierte Sebastian Kehl sein Aufwärmprogramm. Kleine Tippelschritte, schneller Antritt, immer wieder geübt, dabei immer konzentriert.

Während der auf die Bank verbannte Carsten Jancker auf dem Rasen saß und in die Sonne blinzelte, erfüllte der aufstrebende Jungstar sein Pflichtprogramm. Dabei war auch Kehl wie Jancker nur Reservist vor dem WM-Achtelfinale gegen Paraguay.

Viertes Spiel, das vierte Mal nicht berücksichtigt. „Da war ich schon ein bisschen traurig“, gestand Kehl hinterher. Nach dem Spiel hatte er sichtlich gute Laune. Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit, die er bei jedem Training, bei jedem scheinbar unbedeutenden Aufwärmen erledigt, hatte sich an diesem Samstagnachmittag in Seogwipo ausgezahlt. „Dieses Spiel war eine kleine Bestätigung für mich, dass man auf mich bauen und sich auf mich verlassen kann“, erklärte der 22-Jährige.

So schnell kann es gehen

Sein erstes WM-Spiel begann ab der 46. Minute. Als Marko Rehmer mit einem katastrophalen Fehlpass den Teamchef kurz vor der Pause zu einem Wutausbruch veranlasste, war klar: Kehl musste kommen.

Flugs wurde die unnötige Viererkette mit mehreren Sicherheitsrisiken durch eine Dreierkette ersetzt, in der Kehl sogleich den Abwehrchef spielte. „Ich glaube, ich habe das ganz gut gemacht“, durfte der selbstbewusste Dortmunder sagen. Zu Recht: Noch in der Kabine hatte ihm Völler geflüstert: „So schnell kann es gehen.“

Als Generation 2006 nicht gut genug für 2002?

Noch vor wenigen Tagen hatte Kehl Zweifel: „Diese Situation brauche ich nicht so oft“, entfuhr es ihm vor einigen Tagen nach einer Trainingseinheit. Frustriert wegen der Vermutung, in Völlers Planspielen nur Randfigur zu sein. Er, der so oft im Mittelpunkt steht und so auch seine Rolle auf dem Platz interpretiert.

Dominant, präsent, lauf-, zweikampf- und ausdrucksstark. Und doch offenbar schien er, der selbstbewusste Vertreter der Generation 2006, nicht gut genug für das Team 2002. Er hatte versucht, sich im Training aufzudrängen. „Aber ob du über Trainingsleistungen in die Mannschaft rückst, bezweifle ich“, sagt Kehl.

Klug geworden

So sind seine Eltern und seine Freundin auch abgereist, als die Vorrunde mit dem Spiel gegen Kamerun beendet war. Immer nur Sebastian auf der Bank zu sehen, schien zu langweilig. „Vielleicht lief es deshalb so gut, weil sie endlich weg sind“, scherzte Kehl am Samstag.

Da hatte einer gut Lachen. Als er herein kam, „haben wir von hinten das Spiel gemacht.“ Der Newcomer als Schwungrad und als kluger Kopf. „Vorher haben wir zu viele lange Bälle gespielt.“ Besondere Gefühle wollte Kehl nicht verspürt haben, „eine WM ist was Besonderes, die Stimmung im Stadion war aber nichts besonders.“

„Werden gegen Mexiko spielen“

Kehl wäre nicht Kehl, würde er nicht gleich vorausblicken. Viertelfinale am Freitag, Mexiko oder USA. „Gut für uns ist, dass die erst am Montag spielen und dann bis zum Viertelfinale nur drei Tage Pause haben. Mexiko wird es schaffen, die sind spielerisch stärker.“

Ob dann auch der spielstarke Ex-Freiburger dabei ist? „Dazu sage ich nichts“, lächelte einer, der sich mit allzu vorlauten Aussagen seit dem Wechseltheater des vergangenen Winters zurück hält. „Ich habe mich dadurch verändert und nehme mich in der Öffentlichkeit seitdem mehr zurück.“

Ein Trikot für den Freund aus dem Nachbarort

Seine eigenen Wege und Ansichten lässt sich der Abiturient aber nicht verbieten. Die Mitspieler waren am Samstag längst in der Kabine, als „Kelly“ noch in Unterhemd auf dem Rasen des World Cup Stadium in Seogwipo stand und seinen Blick auf die Tribüne mit den deutschen Fans schweifen ließ. Dann eilte Kehl allein über den Platz, stieg eine Leiter hinauf und überreicht persönlich zielgerichtet sein Jersey.

„Das war für einen alten Freund aus meinem Nachbardorf. Der ist seit drei Wochen hier und hatte sich mein Trikot gewünscht.“ Ob er es auch nach einem Nicht-Einsatz vergeben hätte? „Klar doch, ich hatte es ihm versprochen.“ Und auf Kehl kann man sich bei dieser WM verlassen.

Text: @hel
Bildmaterial: dpa

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