Von Jean-Charles Fays, Frankfurt
21. März 2008 Der Held aus Cottbus wurde zur tragischen Figur von Frankfurt. Nachdem Gerhard Tremmel am vergangenen Bundesliga-Spieltag mit dem parierten Elfmeter gegen Franck Ribéry noch Matchwinner des 2:0-Siegs von Energie über Bayern München war, würde er diesen Donnerstagabend am liebsten aus seinem Gedächtnis streichen (Siehe auch: 2:1 gegen Cottbus: Nikolov patzt, Caio trifft, Funkel verzeiht).
Bei der 1:2-Niederlage von Cottbus gegen Eintracht Frankfurt schien es Tremmel, als habe sich die Fußballwelt gegen seine Energie verschworen. In der 65. Minute konnte er eine Direktabnahme von Frankfurts Marco Russ zwar noch an den Pfosten lenken, doch als er den Abpraller unter sich begrub, hatte der Assistent schon die Fahne gehoben und Schiedsrichter Michael Kempter bedeutet, dass der Ball die Torlinie mit vollem Umfang überschritten habe.
Viele zweifelhafte Entscheidungen gegen uns
Tremmel konnte es nicht fassen: Ich habe den Ball nicht drin gesehen, aber eigentlich wundert es mich nicht, dass der Schiedsrichter-Assistent so schnell die Fahne gehoben hat. Das ganze Spiel über sind alle zweifelhaften Entscheidungen gegen uns ausgefallen. Mit dieser Meinung stand Tremmel ziemlich allein dar, hatte doch der junge Unparteiische Kempter wenig Mühe mit einer leicht zu leitenden Partie.
Zudem war der Frankfurter Siegtreffer zum 2:1 keineswegs glücklich, sondern das logische Resultat einer überlegenen Frankfurter Spielanlage. Cottbus wäre für seine destruktive Spielanlage dennoch fast belohnt worden. Beim zweiten Torschuss der Cottbuser in der 48. Minute patzte Oka Nikolov gegen einen harmlosen 30-Meter-Schuss des Energie-Kapitäns Timo Rost, und die Lausitzer stellten mit dem 1:0 den Spielverlauf auf den Kopf.
Der Assistent hat die Fahne auf Verdacht gehoben
Caios Ausgleichstreffer und Russ' Führungstor gaben die Überlegenheit der Hessen dann aber auch statistisch angemessen wieder. Lediglich das Zustandekommen der Frankfurter Führung war, wie Tremmel ausführte, fragwürdig: Wie will der Schiedsrichter-Assistent das von der Seite gesehen haben? Der muss ja Argusaugen haben. Bei aller Liebe, mein Körper war auch noch dazwischen.
Selbst nach mehrfacher Vergrößerung der Szene im Fernsehen ließ sich nicht zweifelsfrei klären, ob das Schiedsrichtergespann um Kempter bei dieser Entscheidung richtig lag. Tremmels Skepsis war daher durchaus gerechtfertigt: Ich denke eher, dass er auf Verdacht die Fahne gehoben hat und die Fernsehbilder das beweisen.
Die späte Erkenntnis des Gerhard T. in Frankfurt
Ein Fakt ist, dass die lange diskutierte und von Schiedsrichter Markus Merk befürwortete Torkamera aus diesem Verdacht in Sekundenschnelle eine Gewissheit machen und die Schiedsrichter dadurch aus der Kritik nehmen würde. Oben auf dem Videowürfel der Frankfurter Arena wurde die Szene kurz nach dem Treffer noch während des Jubels von Russ eingespielt - und brach kurz vor den entscheidenden Sekundenbruchteilen ab, wie es bei umstrittenen Szenen Vorgabe ist.
Tremmel konnte sich im Anschluss bei den Unparteiischen beschweren wie er wollte, solange für solche Szenen keine technischen Hilfsmittel - wie im Tennis etwa das Hawk-Eye - gestattet sind, bleiben sie unwiderrufliche Tatsachenentscheidungen. Und mit etwas Abstand betrachtet, musste er schließlich selbst eingestehen, dass es dieses Mal nicht an den Unparteischen lag: Wenn wir das 1:0 und die drei Punkte so in der Hand haben, dann dürfen wir das Spiel nicht so herschenken. Da müssen wir uns vorwerfen lassen, dass wir amateurhaft agiert haben.
Möglichkeit vergeben - der Druck wird immer größer
Wenn der MSV Duisburg oder der 1. FC Nürnberg am Samstag (beide um 15.30 Uhr) und Arminia Bielefeld am Sonntag (17.00 Uhr / Alle Spiele im FAZ.NET-Liveticker) siegen sollten, wird sich Energie Cottbus am Ende des 25. Bundesliga-Spieltags abermals auf einem Abstiegsplatz wiederfinden.
Auch Tremmel bangt wieder um den Klassenerhalt: Jetzt ist wieder ein Spiel weg, wieder die Möglichkeit vergeben, Punkte zu sammeln. Der Druck wird immer größer. Der Überraschungserfolg gegen die überheblichen Bayern war anscheinend doch nur ein Strohfeuer - und nicht der erhoffte Flächenbrand.
Eintracht Frankfurt - Energie Cottbus 2:1 (0:0)
Frankfurt: Nikolov - Ochs, Russ, Galindo, Spycher - Inamoto (46. Caio) - Fink, Köhler, Weissenberger (66. Toski) - Fenin, Amanatidis (90. Mantzios). - Trainer: Funkel
Cottbus: Tremmel - Angelow, Radeljic, Cvitanovic, Ziebig - Rost, Bassila - Rivic (75. Vasiljevic), Skela, Sörensen (69. Shao) - Jelic (61. Papadopulos). - Trainer: Prasnikar
Schiedsrichter: Michael Kempter (Sauldorf)
Tore: 0:1 Rost (48.), 1:1 Caio (59.), 2:1 Russ (65.)
Zuschauer: 45.100
Gelbe Karten: Russ (3) - Cvitanovic (4), Rivic (3)
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS
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