EU-Osterweiterung

Die neue Physiognomie Europas

Hana Andronikova, Tschechien

Hana Andronikova, Tschechien

29. April 2004 Es heißt, Europa wird mit der bevorstehenden Ost-Erweiterung "sein Gesicht verändern". Zu dieser Phrase staatsmännischer Rhetorik gibt es eine konkrete Entsprechung: Die neuen Mitglieder der EU werden in ihrer Individualität erst wahrnehmbar durch ihre kulturellen Repräsentanten, durch die Künstler und Schriftsteller, die in ihren Werken bündeln, aber auch reflektierend brechen, was ihre Nationen bewegt. Jedes der neuen Mitglieder steht für einen ganz spezifischen historischen Erfahrungsraum, dessen Stimme sich auch im politisch zusammenwachsenden Europa zur Geltung bringen wird. Fest steht nur: Die vielbeschworene "kulturelle Dimension der Erweiterung" wird sich in der Begegnung mit dem einzelnen vollziehen.

Die Erwartungen an einen auch kulturellen Austausch sind riesig und können somit wohl nur enttäuscht werden. Der Fluß der Übersetzungen und Gespräche über Sprachgrenzen hinweg folgt anderen Gesetzen als jenen von Angebot und Nachfrage. Es kommt stets auf einzelne Vermittler an, denen wie beispielsweise einem Karl Dedecius für Polen oder einem Peter Urban für Rußland eine besondere Präsenz solcher Literaturen im deutschen Sprachraum zu verdanken ist. Vor allem für die kleinen Länder des Baltikums oder des Balkans ist vieles erst noch zu leisten; den Mittelmeerraum nicht zu vergessen - Maltesisch etwa wird von lediglich 400 000 Menschen gesprochen.

Diese Seite versammelt die Stimmen von 14 europäischen Schriftstellern. Manche wie der Pole Andrzej Stasiuk oder der Ungar László Darvasi sind hierzulande schon mit ihren Werken präsent; andere wie die Lyriker Kornelius Platelis aus Litauen oder Tomaz Salamun aus Slowenien nur einem winzigen Zirkel von Enthusiasten ein Begriff. Viele der jüngeren warten noch auf ihr erstes Buch in deutscher Übersetzung. Die Auswahl ist natürlich bis zu einem Grad beliebig. Sie soll auch deutlich machen, daß die neuen Grenzen der EU mit den kulturellen Grenzen nicht kongruent sind: Otto Tolnai, der zur ungarischen Minderheit in Serbien gehört, fühlt sich nun in zwei Teile gespalten. Für die in Wien lebende Kroatin Rujana Jeger rückt Ljubljana näher, die Freunde in Zagreb aber entfernen sich weiter. Und der Ukrainer Jury Andruchowytsch, der dem Mythos Mitteleuropa vielbeachtete Essays widmet, braucht plötzlich ein Visum, wenn er den polnischen Teil Galiziens besuchen will.

Eines aber machen diese Stimmen zur EU-Osterweiterung deutlich: Was aus westlicher Sicht als Schritt auf historisches Neuland erscheint, ist für die Beitrittsländer eine Rückkehr zur Normalität. Der 1. Mai ist da kein Abschluß, sondern ein Auftakt.

Text: rik., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.2004, Nr. 100 / Seite 35
Bildmaterial: Christian Thiel

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Ungarn

László Darvasi

Laszlo Darvasi, Ungarn

„Ungarn wird wenig Zählbares von Europa erhalten, aber die Ungarn werden einiges lernen müssen: Bequemer zu leben. Dem Rechtsstaat Vertrauen entgegenzubringen. Wieder besser Fußball zu spielen. Die Toiletten sauberzuhalten. Aufrichtig zu lachen statt zu grinsen und nur zu weinen, wenn es Grund dazu gibt.“

Lettland

Pauls Bankovskis

Pauls Bankovskis, Lettland

„Es geht nicht darum, zu irgend etwas 'beizutreten‘. Wir gehörten immer schon zu Europa. Wenn das Referendum im vergangenen Jahr gescheitert wäre, dann wären wir wieder in die Einflußsphäre Rußlands geraten - womit wir in unserer Geschichte die schlechtesten Erfahrungen gemacht haben. Ein Dazwischen gibt es nicht.“

Tschechien

Hana Andronikova

Hana Andronikova, Tschechien

„Einerseits tragen wir eine große Verantwortung, andererseits bietet sich eine große Chance: Tschechien gehörte immer zur Mitte des Kontinents, und so können wir sehr viel in Europa einbringen. Damit meine ich natürlich vor allem, daß wir mehr Möglichkeiten haben, im Westen veröffentlicht und gelesen zu werden.“

Ukraine

Jury Andruchowytsch

Jury Andruchowytsch, Ukraine

„In der Ukraine gibt es viele, die von der EU jetzt deutliche Worte erwarten. Entweder: 'Wir erkennen euch als Beitrittskandidaten an.' Oder: 'Wir schließen für euch unsere Tür für immer.' Doch wiederholt die EU ständig ungefähr folgendes: 'Wir schließen die Tür, doch ihr sollt mit dem Klopfen weitermachen.'“

Slowakei

Michal Hvorecký

Michael Hvorecky, Slowakei

„Nun ist eine erste Etappe auf unserem Weg nach Westen beendet. Nach der rückwärtsgewandten Ära Meciar haben wir jetzt die Garantie, daß dieser Weg irreversibel ist und daß wir im Falle eines Falles nicht allein stehen. Außerdem kann man nun nicht mehr die Isolation des Landes als Vorwand für die eigene Trägheit benutzen.“

Litauen

Kornelius Platelis

Kornelius Platelis, Litauen

„Der kulturelle Aspekt ist weniger wichtig als der sicherheitspolitische. Jede nationale Kultur entwickelt sich autonom. Unsere jüngeren Autoren wollen vielleicht einen 'europäischen Roman‘ schreiben. Bei mir ist das anders. Auf einer Buchmesse im Westen habe ich das Gefühl, Waren feilzubieten, die keiner haben will.“

Malta

Joe Friggieri

Joe Friggieri, Malta

„Der Beitritt ist für Malta das wichtigste historische Ereignis nach der Unabhängigkeit 1964. Auch für uns Schriftsteller hat es größte Bedeutung. Wir werden ein viel größeres Publikum haben. Wir sind zurück auf der Landkarte und werden wahrgenommen. Wir liegen jetzt nicht mehr an der Peripherie.“

Kroatien

Rujana Jeger

Rujana Jeger, Kroatien

„Für mich bedeutet die Erweiterung nichts, da ich in Wien lebe und damit schon Teil der EU bin. Für den ganzen Raum um die Adria aber bin ich skeptisch. Diese ökonomischen Prozesse kommen immer nur den Reicheren zugute. Die Ost-Erweiterung ist Teil der Globalisierung, die lokale Besonderheiten zerstört.“

Polen

Andrzej Stasiuk

Jury Andruchowytsch, Ukraine

„Die Politiker werden ihre provinzielle Sichtweise aufgeben müssen. Sie werden lernen müssen, im europäischen Maßstab zu lügen. Das wird sie eine Weile beschäftigen, und das Wahlvolk wird ein paar Jahre leidlicher Ruhe haben. Ich selbst bin vor allem gespannt auf die Begegnung von Ost und West, von Paris und Istanbul.“

Serbien

Otto Tolnai

Otto Tolnai, Serbien

„Für einen Ungar, der wie ich in der serbischen Vojvodina lebt, wird sich der Lebensraum in zwei Hälften teilen. Durch diese neue 'Schengener Mauer‘ werde ich wie ein Wurm im Garten zerrissen und in zwei Teilen weiterleben. Die Phantomschmerzen werden zu meiner Kunst. Vielleicht kann Ungarn eine Brücke sein.“

Tschechien

Bohuslav Vanek

Bohuslav Vanek, Tschechien

„Die Erweiterung bedeutet für Europa vor allem eines: die Rückkehr zur Normalität. Endlich nehmen die Kleinen und die Großen am gleichen Tisch Platz. Was auf vielen Füßen steht, steht fester. Hinzu kommt, daß Tschechien ein Land ohne Meer ist. Unsere Literatur spielt nur auf dem Festland. Das wird sich nun ändern.“

Zypern

Nikos Orfanidis

Nikos Orfanidis, Zypern

„Zypern kehrt zu seinen Wurzeln zurück. Seine griechischen Einwohner waren immer schon Europäer. Durch den Beitritt wird es etwa mehr Übersetzungen geben. Am Beispiel Griechenlands hat man gesehen, welche Expansion des kulturellen Austauschs dadurch möglich ist. Die Drift des Landes nach Osten ist gestoppt.“

Litauen

Eugenius Alisanka

Eugenius Alisanka, Litauen

„Für uns lag Europa außerhalb des Erreichbaren, es war eine Märchenwelt. Doch dieses Märchen endet mit einer fröhlichen Hochzeit. Damit beginnt ein neues, kompliziertes, 'postsowjetisches‘ Zusammenleben. Das ist kein Status quo, sondern muß immer von neuem hergestellt werden - ein schöpferischer Dauerzustand.“

Slowenien

Tomaz Salamun

Tomaz Salamun, Slowenien

„Als Schriftsteller aus Slowenien habe ich an die Menschen in der Europäischen Union bezüglich der bevorstehenden Ost-Erweiterung nur eine ganz einfache und kurze Botschaft, der nicht viel hinzuzufügen ist und die doch alles Wesentliche enthält: Willkommen zu Hause!“

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