Von Walter Hönscheidt
02. November 2004 In der Fotoindustrie neigen mehr und mehr auch traditionsreiche Marken dazu, zugunsten des sprunghaft wachsenden Digitalbereichs ihre analogen Geräte vom Markt zu nehmen. Voigtländer jedoch erfreut die hartnäckigen Analogen trotz fortlaufend aktualisiertem Digitalprogramm von Jahr zu Jahr mit neuen Überraschungen in seinem Classic-Sortiment. Dazu gehören nun auch die im September vorgestellten Bessa R2A und R3A und seit dem Frühjahr schon die Bessaflex TM, eine einäugige Kleinbild-Spiegelreflexkamera mit dem guten alten Schraubgewinde-Objektivanschluß M42. Solche Kameras sind heutzutage sonst auf dem Gebraucht- oder Photographicamarkt zu finden, zum Beispiel in Gestalt einer älteren Asahi Pentax, häufiger einer Praktica aus Dresden.
Mit derlei Antiquitäten hat die Bessaflex erfreulicherweise ein solides Ganzmetallgehäuse gemein, das bei ihr aus Magnesium besteht. Ihre kürzeste Verschlußgeschwindigkeit von 1/2000 Sekunde und eine Blitzsynchronisationszeit von 1/125 Sekunde weisen sie freilich ebenso als Schöpfung der Neuzeit aus wie die Belichtungsmessung durchs Objektiv und der Bereich der einstellbaren Filmempfindlichkeit von ISO 25 bis 1600. Im Zentrum des sehr hellen, feinkörnigen Mattscheiben-Sucherbilds, das 95 Prozent des tatsächlichen Bildfelds zeigt, läßt sich die Entfernung präzise über ein Schnittbild oder einen Prismenring einstellen. Und keine Automatik bevormundet hier den Fotografen. Nach Vorwahl von Verschlußzeit oder Blende und Hochschieben eines Schalters auf der Gehäusevorderseite erscheinen im Sucher ein rotes Pluszeichen bei drohender Über-, ein Minus bei Unterbelichtung, ein grüner Punkt, wenn alles paßt. Und zwar genau paßt. Wir haben selten ein Kamera-Belichtungsmeßsystem von dieser Sensibilität erlebt. Der Meßschalter kehrt nach dem Auslösen in seine Ausgangsposition zurück, und ohne Auslösung erlischt das Lichtsignal zur Schonung der Batterie nach 30 Sekunden. Wird es dann noch benötigt, schiebt man den Schalter runter und wieder rauf.
Voigtländer selbst bietet zur Bessaflex derzeit vier Objektive an: das Ultron 2,0/40 zum Preis von 499 Euro, das Macro Apo Lanthar 2,5/125 (999 Euro), das Color Heliar 2,5/75 (499) und das Apo Lanthar 3,5/90 (599). Gerd-Rainer Frost von Voigtländer bezeichnet die Bessaflex frank und frei als Nischenprodukt, von dem keine sensationellen Stückzahlen zu erwarten seien. Wenn dies schon für das von Cosina in Japan gefertigte Gehäuse selbst gilt, wird es auf die neuen Objektive mit M42-Anschluß erst recht zutreffen. Abgesehen von vielen Praktica-Besitzern, die ihre vorhandenen Objektive nun lieber an die Kamera von heute schrauben, zeigt ein Blick ins Internet ein oftmals verblüffendes Angebot zum Beispiel an Carl-Zeiss-Raritäten vom 20-Millimeter-Flektogon bis zum 135er Sonnar und längeren Brennweiten. Das Gehäuse kostet 399 Euro und ist wahlweise in Chrom oder schwarz lieferbar.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.2004, Nr. 256 / Seite T6
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