Von Diemut Klärner
19. April 2004 Zwischen Winterquartier und Brutgebiet liegen oft viele tausend Kilometer. Auf dieser langen Reise orientieren sich die Zugvögel nicht nur an markanten Gebirgsketten, Flüssen und Küstenlinien. Auch Sonne und Sterne sowie das Magnetfeld der Erde dienen als Anhaltspunkte.
Beim Eichen des Magnetkompasses für den Nachtflug kann der Stand der Abendsonne behilflich sein, wie jetzt Untersuchungen an Nachtigalldrosseln gezeigt haben. Das berichtet Henrik Mouritsen von der Universität Oldenburg in der heutigen Ausgabe der Zeitschrift Science (Bd. 304, S. 405). Zusammen mit Forschern vom Illinois Natural History Survey und von der Princeton University hat er diese amerikanischen Verwandten von Amsel und Singdrossel bei ihrem Flug nach Norden beobachtet.
Konfrontation mit manipuliertem Magnetfeld
Gewöhnlich schränken Ornithologen die Bewegungsfreiheit ihrer Versuchstiere ein, um spezielle Orientierungsleistungen in Ruhe studieren zu können. In einem Käfig zeigen Zugvögel dann ihre Vorliebe für eine bestimmte Himmelsrichtung, ohne ihrem Ziel jemals näherzukommen. Mouritsen und seine Kollegen sperrten ihre Forschungsobjekte dagegen nur kurzzeitig ein, um sie mit einem manipulierten Magnetfeld zu konfrontieren.
Nach Einbruch der Dämmerung wieder in die Freiheit entlassen, entschwanden die Vögel rasch aus dem Blickfeld. Damit sie ihnen dennoch auf der Spur bleiben konnten, hatten die Wissenschaftler ihnen winzige Sender huckepack mitgegeben. So konnten sie den davonfliegenden Tieren über Hunderte von Kilometern auf der Landstraße hinterherfahren.
Nachtigalldrossel läßt sich den Kopf nicht verdrehen
Bei den so Verfolgten handelte es sich um zwei Arten von Drosseln, beide einer zu klein geratenen Singdrossel ähnlich. Die Grauwangen-Nachtigalldrossel (Catharus minimus) überwintert zwischen Kolumbien und dem Nordwesten von Brasilien. Im Frühjahr führt ihr Flug über Illinois nordwärts bis nach Kanada und Alaska. Swainsons Nachtigalldrossel (Catharus ustulata) verbringt den Winter ebenfalls in Südamerika und brütet in Nordamerika. Auf dem Weg durch Illinois zieht sie allerdings oft nicht schnurstracks nach Norden.
Wenn die Vögel einem um 90 Grad nach Osten gedrehten Magnetfeld ausgesetzt waren, reagierten sie jedoch allesamt gleichartig: Am späten Abend freigelassen, wandten sie sich um etwa 90 Grad in die entgegengesetzte Richtung, flogen also beispielsweise nach Westen statt nach Norden.
Wenn den Nachtigalldrosseln derart der Kopf verdreht wurde, ließen sie sich auch in sternklaren Nächten nicht von ihrem neuen Kurs abbringen. Anscheinend hatten sie während der Dämmerung ihren Magnetkompaß sorgsam justiert und später ganz auf diesen Orientierungsmechanismus vertraut.
Lichtwellen und Feldlinien zeigen den Weg
Daß die Nachtigalldrosseln genau registrieren, wo die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, halten die Wissenschaftler für wenig wahrscheinlich. Vermutlich genügt den Vögeln das Polarisationsmuster des Sonnenlichts, das den Abendhimmel erfüllt. Während das Licht der Sonne die Atmosphäre durchdringt, wird es polarisiert.
Für Vogelaugen erkennbar, schwingen die Lichtwellen dann bevorzugt in einer bestimmten Ebene. Diese hängt für jeden Punkt am Himmel vom Stand der Sonne ab. So entsteht ein charakteristisches Muster, aus dem sich auch noch einige Zeit nach Sonnenuntergang die Himmelsrichtungen ablesen lassen.
Da die Nachtigalldrosseln ihren Magnetkompaß immer wieder neu justieren, können sie jederzeit Kurs halten. Daß das Magnetfeld der Erde nicht überall dieselbe Ausrichtung aufweist, braucht sie dabei nicht zu kümmern. Bislang war den Forschern ein Rätsel, warum Zugvögel am Äquator nicht die Orientierung verlieren, obwohl die magnetischen Feldlinien dort waagerecht verlaufen. Vögel haben nämlich keine Kompaßnadel, die sich nach den magnetischen Polen ausrichtet. Statt dessen erkennen sie an der Neigung der Feldlinien, wo es nach Norden geht.
Den richtigen Kurs finden sie immer
Ist der Himmel wolkenverhangen, so reisen die Nachtigalldrosseln offenbar mehrere Tage mit gleichbleibender Kompaßeinstellung. Bei klarem Abendhimmel nutzen sie jedoch die Gelegenheit zum Nachjustieren. Wenn sie nach ihrem Aufenthalt in einem verdrehten Magnetfeld eine Ruhepause einlegen, statt noch in derselben Nacht weiterzuziehen, löschen sie tags darauf die Fehlinformation. Sie fliegen dann wieder in die gewohnte Richtung. Vögel, die von dem künstlichen Magnetfeld in die Irre geleitet wurden, stellen am nächsten Abend ihren Kompaß ebenfalls zurück und schwenken wieder auf den richtigen Kurs ein.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.04.2004, Nr. 89 / Seite 34
Bildmaterial: dpa