Paläontologie

Ein Missing Link unter den Schildkröten

Von Diemut Klärner

Von a) nach b) und c) und d): So wird's wohl gewesen sein, wie Chinlechelys tenertesta zu ihrem Panzer kam.

Von a) nach b) und c) und d): So wird's wohl gewesen sein, wie Chinlechelys tenertesta zu ihrem Panzer kam.

16. September 2009 Seit mehr als 200 Millionen Jahren wappnen sich die Schildkröten mit einem knöchernen Panzer. Wie aber kamen sie einst zu diesem umfassenden Schutzschild? Ein wenig Licht ins Dunkel ihrer Herkunft bringt der Fund eines Fossils aus New Mexico, dem Paläontologen um Walter G. Joyce von der Yale University in New Haven (Connecticut) den wissenschaftlichen Namen Chinlechelys tenertesta gaben. Gemeinsam mit Spencer G. Lucas vom New Mexico Museum of Natural History and Science in Albuquerque und Torsten M. Scheyer von der Universität Zürich nahmen sie die versteinerten Knochen aus der späten Trias eingehend unter die Lupe. Dabei entdeckten sie nicht nur, dass sich der Rückenschild zunächst unabhängig vom Brustkorb entwickelt hat. Sie lösten auch das Rätsel, warum sich die urtümlichsten Vertreter der Schildkröten so rar machen: Der Knochenpanzer von Chinlechelys tenertesta – schätzungsweise knapp zwei Spannen lang – war größtenteils nicht einmal einen Millimeter dick. Deshalb wundert es nur wenig, dass nur Bruchstücke davon erhalten geblieben sind.

Bis vor wenigen Jahrzehnten stammten die ältesten Überreste von Schildkröten allesamt aus deutschen Landen. Mittlerweile sind Exemplare aus der Trias – dem Erdzeitalter der ersten Dinosaurier – in der ganzen Welt aufgetaucht, in Thailand und auf Grönland ebenso wie in Argentinien. Der Fund aus New Mexico ist bislang allerdings der einzige, dessen fossiles Umfeld auf ein Leben an Land hindeutet. Bei den anderen spricht alles für eine Anpassung an feuchtes Terrain. Dort waren die Aussichten, als Fossil überliefert zu werden, besser als an Land. Unter Fachleuten gilt es jedoch als ausgemacht, dass Schildkröten von Haus aus festen Boden unter den Füßen hatten.

Aus dem Bindegewebe der Haut

Wie andere urtümliche Schildkröten konnte Chinlechelys tenertesta ihren Hals noch nicht unter den Panzer zurückziehen. Stattdessen wehrt sie sich ihrer Haut mit einer Art Stachelhalsband aus Knochen. Dem Bindegewebe der Haut entstammen auch die erstaunlich dünnen Teile des knöchernen Rückenpanzers, die mit den Rippen nur lose in Kontakt stehen („Proceedings of the Royal Society“, Teil B, Bd. 276, S. 507). Dass diese Knochenplatten bei den Embryos heutiger Schildkröten regelrecht aus der Wirbelsäule und den Rippen herauswachsen, entspricht offenbar nicht ihrer stammesgeschichtlichen Herkunft. Anscheinend sind die Knochenelemente der Haut erst im Laufe der Evolution mehr und mehr mit den angrenzenden Skelettteilen verschmolzen.

Dass Reptilienhaut mit Knochenplatten verstärkt wird, ist keineswegs ungewöhnlich. Heutige Krokodile panzern sich auf diese Weise ebenso wie etliche Saurier der Erdmittelalters. Vermutlich waren die Urahnen der Schildkröten anfangs trotz ihrer Hautknochen noch schlank und biegsam. Nach einer Zwischenform mit stark vergrößerten, aber noch nicht miteinander verwachsenen Knochenplatten suchten die Wissenschaftler bisher vergeblich. Mutmaßlich eher klein von Statur, hatte dieses „Missing Link“ wohl noch geringere Chancen, fossile Spuren zu hinterlassen, als die Landbewohner unter ihren rundum gepanzerten Nachfahren.

Durch ihren knöchernen Panzer haben die Schildkröten zwar viel an Bewegungsfreiheit verloren. Ihre defensive Strategie hat sich aber zweifellos bewährt. Während Dinosaurier und andere Reptilien des Erdmittelalters am Ende der Kreidezeit ausstarben, überlebten die Schildkröten bis heute. Mit mehr als zweihundert Arten bevölkern sie Wüsten und Wälder, Sümpfe und Seen, aber auch Flüsse und Meere. Wenn der Mensch ihnen nicht in die Quere kommt, erreichen sie mit ihrem geruhsamen Lebensstil oft ein biblisches Alter.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Royal Society

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