22. März 2006 Sie galten als Gottheiten des Yangtze, die den Menschen vor Stürmen warnten. Tausende Baiji-Delphine tummelten sich früher in den braunen Fluten von Chinas Mutterstrom. Heute schwimmen höchstens noch 100 Süßwasser-Delphine im Yangtze. Schon lange ist keiner mehr gesichtet worden. Wasserverschmutzung und Fischerei könnten zum Aussterben der seltenen Säugetiere führen.
Der Baiji-Delphin ist wichtiger Teil der chinesischen Kultur, sagt Wang Ding vom chinesischen Institut für Wasserbiologie. Er kommt nur im Yangtze vor und ist eine der am meisten gefährdeten Tierarten der Welt. Wang Ding ist Chinas oberster Baiji-Forscher. In diesen Tagen ist er mit einer Gruppe chinesischer und ausländischer Wissenschaftler auf dem Yangtze unterwegs, um eine große Baiji-Expedition im November vorzubereiten, die Aufschluß über die letzten chinesischen Flußdelphine geben soll.
Die Lebensbedingungen an Chinas größtem Strom haben sich drastisch verändert. 400 Millionen Menschen leben im Yangtze-Becken, fast vierzig Prozent der chinesischen Bevölkerung. Die Dichte der Bevölkerung und die rasch zunehmende Industrialisierung verschmutzen das Wasser durch Industrieabwässer, Kloake und Müll extrem. Der Drei-Schluchten-Staudamm hat das Ökosystem verändert. Für Bewässerungsprojekte und Stromgewinnung werden auch anderswo Dämme gebaut, der Schiffsverkehr wird immer dichter. Es wird zu viel und trotz Verbotes auch noch mit Dynamit und Schlepphaken gefischt. Zudem können sich die fast blinden Baiji-Delphine wegen des starken Schiffsverkehrs nicht mehr orientieren, sagt August Pfluger, ein Schweizer Geschäftsmann, der mit seiner Baiji-org-Stiftung für das Überleben der Tiere eintritt und die Yangtze-Expedition organisiert und finanziert.
Der Panda des Flusses
Während es vor 30 Jahren noch mehrere tausend Flußdelphine gab, ist in den letzten zwanzig Jahren der Bestand der Baiji von etwa 400 im Jahr 1986 und auf weniger als hundert im Jahr 1994 gesunken. Die Verschmutzung des Yangtze bedroht jetzt auch schon die Existenz des Yangtze-Glattschweinswals, der vor Jahren noch nicht als gefährdet galt. Dessen Bestand ist ebenfalls von mehr als 7.000 auf weniger als 2.000 zurückgegangen.
Der Baiji ist schon lange bedroht. Doch im Wachstumsrausch galten Umwelt- und Naturschutz - außer im Fall des Panda-Bären - als zweitrangig. Zwar schmückt sich die chinesische Regierung mit dem seltenen Baiji, bezeichnet ihn als Panda des Flusses. Beinah wäre er sogar das Maskottchen der Olympischen Spiele von Peking 2008 geworden. Der Naturschutz läßt sich aber gegen starke wirtschaftliche Interessen kaum durchsetzen. Baiji-Schützer Pfluger sieht positive Anzeichen: Immerhin habe die Regierung angekündigt, jetzt mehr auf den Umweltschutz achten.
Schützen ist nicht einfach
Im November soll nun eine Expedition von drei Schiffen mit Wissenschaftlern und Naturschützern zu einer Beobachtungsexpedition am Mittel- und Unterlauf des Yangtze aufbrechen. Der chinesischen Regierung will man das beste Material für den weiteren Schutz des Baiji und des Yangtze-Wassers zur Verfügung stellen, sagt Pfluger. Wie der Baiji am besten zu schützen sei, darüber streiten die Experten. Während die westlichen Wissenschaftler das Ökoysystem des Yangtze schützen wollen, um das Überleben der Baiji zu sichern, setzen die Chinesen auf einfachere Lösungen. Lange wurde nur daran gedacht, den Baiji in Aquarien überleben zu lassen. Das führte zu einem Streit und zu einem Rückzug einiger ausländischer Organisationen aus dem Baiji-Schutz. Im letzten Jahr sind nun die Forscher aus China und dem Ausland endlich wieder zusammengekommen.
Sie kamen darin überein, daß man den Baiji vor dem Aussterben bewahren kann, wenn man ihn in eine geschützte Umwelt bringt, in der er genug Nahrung findet und sich fortpflanzen kann. Als neue Heimat für den Baiji wünscht sich die Regierung das Reservat Tian'ezhou in der Provinz Hubei, wo eine frühere Flußschleife des Yangtze unter Naturschutz gestellt wurde. Dort leben schon einige Glattschweinswale und vermehren sich, sagt Wang Ding. Um die Baiji aber dahin zu bringen, muß man sie erst orten und einfangen. Das sei schwierig und aufwendig, sagt Pfluger. Man brauche Schiffe, Hubschrauber und aufwendige Geräte. Zuerst muß man wissen, wo denn die letzten Exemplare der Delphine leben, wenn es sie noch gibt. Die Wissenschaftler und Naturschützer wollen an diesem Mittwoch, dem Welt-Wassertag, dem chinesischen Landwirtschaftsministerium ein Dossier mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Lage der Baiji übergeben.
Text: F.A.Z., 22.03.2006, Nr. 69 / Seite 9
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