Dinosaurier

Ein Mahlwerk im Magen

Von Diemut Klärner

Wirklich Magensteine von Dinosauriern? Touristen glauben es gern

Wirklich Magensteine von Dinosauriern? Touristen glauben es gern

04. Mai 2005 Wenn Hühner statt nahrhafter Körner unverdaulichen Kies aufpicken, ist das keineswegs ein Zeichen sprichwörtlicher Dummheit. Mangels Zähnen unfähig zu kauen, nutzen sie die verschluckten Steinchen dazu, die pflanzliche Kost in ihrem muskulösen Magen zu zermalmen. Nach einer gängigen Hypothese haben auch schon verschiedene Dinosaurier diese Strategie angewendet. Das schließt man jedenfalls aus Funden blankpolierter Kiesel, die bisweilen in den fossilen Überresten von Dinosauriern auftauchen. Daß die größten Landtiere aller Zeiten, die pflanzenfressenden Sauropoden, ihre Nahrung mit solchen Magensteinen zerkleinerten, hält Oliver Wings vom Niedersächsischen Landesmuseum Hannover indessen für wenig plausibel.

Für seine Skepsis hat der Forscher, einer der weltweit ganz wenigen Spezialisten für Gastrolithen, wie Magensteine wissenschaftlich genannt werden, gute Gründe. In seiner an der Universität Bonn angefertigten Dissertation weist er zum Beispiel darauf hin, daß mutmaßliche Magensteine auch bei gut erhaltenen Sauropoden-Skeletten nur selten zu finden sind. Häufig sei die Zuordnung der Steine zu fossilen Knochen fragwürdig. Und wo tatsächlich Magensteine auftreten, fallen sie kaum ins Gewicht. Die größte Portion, aus dem Magenbereich eines Seismosaurus geborgen, ist zwar fast 15 Kilogramm schwer. Doch bei einem Körpergewicht von etwa 50 Tonnen sind das nur 0,03 Prozent. Selbst wenn man diesen Kolossen einen eher trägen Stoffwechsel unterstellt, scheint das viel zuwenig für eine effiziente Magenmühle. Bei Vögeln machen Steine, die zum Zermahlen der Nahrung dienen, rund ein Prozent des Körpergewichts aus.

Fragwürdige Zuordnung

Einem ausgewachsenen, zwei Zentner schweren Strauß liegt ständig etwa ein Kilogramm Steine im Magen. Welchem Härtetest diese Last ausgesetzt ist, beobachtete Wings auf Straußenfarmen. Er streute dort kleine Steinwürfel aus, die von den Vögeln begierig geschluckt wurden. Was in den Straußenmägen damit geschieht, konnte er begutachten, als die wegen des Fleisches und der Häute geschätzten Tiere geschlachtet worden waren. Es zeigte sich, daß die steinernen Würfel ihre zunächst nur leicht gerundeten Ecken und Kanten rasch verlieren. Die Kalkstein-Version hatte schon nach einem Tag die Hälfte ihrer Masse eingebüßt. Dieses Material wurde nicht nur mechanisch abgeschliffen, sondern auch durch die aggressive Magensäure angegriffen. Granitwürfel waren erst nach 50 Tagen um die Hälfte geschrumpft. Doch selbst der widerstandsfähige Quarz, der nach dieser Zeit erst 15 Prozent seines Volumens verloren hatte, behielt im Mahlwerk des Straußenmagens eine rauhe Oberfläche. Auch in einem künstlichen Magen - einer mit Gras, Salzsäure und dem Verdauungsenzym Pepsin gefüllten Trommelmaschine - blieben die Steine rauh. Daß fossile Magensteine oft wie poliert wirken, spricht somit ebenfalls gegen deren Funktion als Mahlsteine. Vielleicht wurden die Kiesel zufällig mit der Nahrung aufgenommen, womöglich lieferten absichtlich verschluckte Steine aber auch lebenswichtige Mineralstoffe.

Bleibt die Frage, wie riesige Sauropoden vom Schlage eines Diplodocus satt wurden, wenn sie ohne einen muskulösen Kaumagen mit steinernem Mahlwerk auskommen mußten. Schließlich war ihr Maul erstaunlich klein und mit stiftförmigen Zähnen bestückt, die wohl kaum für gründliche Kauarbeit taugten. Wahrscheinlich hatten die ausgestorbenen Riesen nur hochwertige Futterpflanzen gefressen oder ihr Verdauungssystem war durch bestimmte symbiotische Bakterien besonders leistungsfähig.

Einige kleine, den Vögeln verwandtschaftlich nahestehende Dinosaurier scheinen ihren Magen jedoch tatsächlich als Mühle verwendet zu haben. Das belegen beispielsweise Fossilfunde von Caudipteryx, einem kreidezeitlichen Saurier, der mit Federn ausgestattet war, aber nicht fliegen konnte. In der Magenregion dieses grazilen Tiers, dessen Gewicht auf etwa sieben Kilogramm geschätzt wird, fand sich eine auffällige Ansammlung kleiner Steine, vergleichbar mit dem Mageninhalt eines Truthahns. Bei einem lebenden Exemplar hätten diese Kiesel gut ein Prozent des Körpergewichts ausgemacht wie heutzutage bei Vögeln mit entsprechenden Muskelmägen. Das läßt auf den Speiseplan dieser vogelähnlichen Saurier schließen: Anscheinend lebten sie nicht nur von tierischer Kost, sondern konnten auch Vegetarisches effizient verdauen.

Diamanten im Magen

Bei seinen Nachforschungen ist Wings auf viele erstaunliche Berichte über Magensteine gestoßen. So hat man bei etlichen heute lebenden Tieren schier unglaubliche Mengen solcher Steine gefunden. Bei Seelöwen waren es bis zu 35 Kilogramm, bei Krokodilen sogar bis zu 70 Kilogramm. In seltenen Fällen kann der Mageninhalt sogar wertvoll sein. So hat man Hühnervögel in Sibiren gejagt, weil in den Mägen solcher Tiere manchmal Diamanten gefunden worden waren, und aus Mägen von Auerhühnern hat man goldhaltige Kiesel herausgefischt. Ins Reich der Mythen gehören indes Geschichten aus Afrika, denen zufolge Krokodile nur dann einen Stein schlucken, wenn sie zuvor einen Menschen gefressen haben, oder man das Alter dieser Reptilien an den Magensteinen ablesen könne, weil nur einmal im Jahr - am Geburtstag - ein Stein vertilgt werde.

Bildmaterial: Oliver Wings

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