Schimpansen und Babys

Korpsgeist ist ein Kinderspiel

Von Joachim Müller-Jung

02. März 2006 Einer der bemerkenswertesten Filme über das Menscheln von Schimpansen oder - je nach Perspektive und Interpretation - über das Äffische im Verhalten des Menschen stammt aus dem Jahre 1937 und wurde von dem amerikanischen Primatenforscher Meredith Crawford aufgenommen. Er zeigt zwei Schimpansen, die sich in einer Kiste hockend über die Beschaffung eines Futtertroges verständigen.

An den Trog ist nur durch gemeinsames Ziehen an zwei Seilen zu kommen. Faszinierend an dem Filmdokument ist schon die Tatsache, daß sich die beiden schließlich zusammentun, um die Aufgabe zu bewältigen. Noch überraschender freilich ist die Art und Weise, wie der hungrigere der beiden Affen seinen offenkundig satten und unmotivierten Kooperationspartner mit Gesten und am Ende mit einer saftigen Belohnung dazu bringt, sich allem Unwillen zum Trotz der gemeinsamen Sache zu widmen.

„Viele Talente und Motivationen in diese Richtung“

Der Wille zur Kooperation erschien plötzlich nicht mehr nur als exklusives Merkmal menschlicher Sozialisation, nicht einmal als ausschließliches biologisches Privileg der Gattung Homo, so man denn Korpsgeist als das Produkt der Evolution und damit als genetisches Erbe interpretieren will. Nein, der Affe hat das auch. Doch Generationen von Forschern waren davon schwer zu überzeugen. Auch nach unzähligen darauf folgenden Experimenten und Beobachtungen blieben viele skeptisch, ob Zweckbündnisse und Gemeinschaftsgeist solcher Art zumindest unter nichtverwandten Individuen tatsächlich gang und gäbe sind.

In zwei neuen Veröffentlichungen in der heutigen Ausgabe der Zeitschrift „Science“ (Bd. 311, S.1301 u. S. 1297) legen Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie nun ihre jüngsten Befunde aus verschiedenen, zum Teil auch vergleichenden Experimenten mit Schimpansen und achtzehn Monate alten Kleinkindern vor. Es sind keine Zeugnisse, wie Michael Tomasello und Felix Warneken betonen, die Mensch und Menschenaffe im Hinblick auf Kooperationswille und -fähigkeit auf dieselbe Stufe heben. Aber es seien Dokumente, „die viele Talente und Motivationen in diese Richtung“ zeigen.

Unaufgeforderte und spontane Hilfe

Die Versuchsanordnungen in zehn unterschiedlichen Experimenten waren so angelegt, daß die anderthalb Jahre alten Kleinkinder - insgesamt 24 - oder die drei Schimpansen jeweils einzeln in eine Situation gebracht wurden, in der sie einem ihnen unbekannten Menschen helfen sollten - obwohl dieser keineswegs ausdrücklich mit Worten um Hilfe bat. So sollten sie etwa beobachten, wie der Experimentator das Wäscheaufhängen simulierte und plötzlich eine der Wäscheklammern verlorenging, an die er nur mit Hilfe des Kindes oder des Affen gelangen konnte.

In gleicher Weise konnten die Probanden dem Experimentator helfen, der diesmal beide Hände voll hatte, indem sie ihm die Tür öffneten. Ergebnis: Kleinkinder wie Affen halfen in den meisten dieser Anordnungen unaufgefordert und spontan. Anders dagegen, wenn es darum ging, ein physisches Hindernis, einen Stuhl etwa, aus dem Weg zu räumen. In solchen Fällen erwiesen sich die Kleinkinder als die deutlich zuverlässigeren Helfer.

Routinierter Umgang mit Kooperationsmodellen

Daß die Menschenaffen dennoch keinesfalls nur ausnahmsweise, sondern sogar ausgesprochen routiniert mit vermeintlich menschlichen Kooperationsmodellen umzugehen verstehen, haben Alicia Melis und Brian Hare zusammen mit Tomasello bei Experimenten im Schimpansen-Schutzgebiet Ngamba Island in Uganda beobachtet.

Diesmal ging es um die Futterbeschaffung - eine Tätigkeit, bei der die Tiere in früheren Versuchen immer wieder auch mißgünstige Züge erkennen ließen und ihr eigenes Wohl stets über das ihrer Artgenossen stellten. Wenn nur der andere Aussicht auf Belohnung hat, verweigern sie sich der Kooperation. Wenn sie hingegen, wie in den neuen Experimenten, nur durch tatkräftige Mithilfe eines anderen zum gewünschten Futter kommen, dann öffnen sie demselben sogar bereitwillig die Türen zu dem Raum, den sie normalerweise gern für sich alleine beanspruchen.

Wohlkalkulierter und wohldosierter Teamgeist

Mehr noch: Sobald sie erkennen, daß sie dringend einen Kompagnon benötigen und die Wahl zwischen einem bekanntermaßen kooperationswilligen und einem eher unkooperativen Zeitgenossen haben, laden sie stets den Hilfsbereiten ein. Die Schimpansen können sich erinnern, wer ein guter und wer ein schlechter Kollaborateur ist.

Dieser wohlkalkulierte und wohldosierte Teamgeist ist für die Leipziger Forscher noch kein Grund, Mensch und Menschenaffe im Hinblick auf ihre altruistischen Motiven Fremden gegenüber völlig gleichzusetzen. Aber die Ergebnisse könnten zu dem Schluß führen, so die Forscher, daß die sozialen Anlagen zur Kooperation in der Tat ein gemeinsames biologisches Erbe aus der Zeit unserer frühen Vorfahren vor mehr als sechs Millionen Jahre sind.



Text: F.A.Z., 03.03.2006, Nr. 53 / Seite 34
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

 
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