Atomlager

Es sickert die Lauge, es rostet der Müll

Von Jörg Albrecht

08. September 2008 Es war wieder einmal eine Woche, in der es darum ging, den Schuldigen zu finden. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hielt einen Aktenordner in die Kameras und verkündete, darin fänden sich "unglaubliche Vorgänge". Die Grüne Renate Künast setzte noch eins drauf: Sie stellte Strafanzeige, denn die Verantwortlichen hätten offenbar "jahrzehntelang gemeingefährliche Straftaten begangen". Und alle waren sich einig: Im Atommüllager Asse in der Nähe von Wolfenbüttel ist gelogen und betrogen und die Öffentlichkeit hinters Licht geführt worden.

Dabei hätten es wirklich alle wissen können. Seit mehr als hundert Jahren stößt man im ehemaligen Salzbergwerk Asse auf Laugenzuflüsse. Rund fünfzig Mal traten in dieser Zeit Salzlösungen aus dem Gestein. Die meisten versiegten von allein, andere konnten abgedichtet werden. Seit zwanzig Jahren freilich sind es 12 000 Liter pro Tag, die auf unbekannten Wegen über das Deckgebirge in das Grubengebäude strömen. Zum Skandal hätte das schon lange getaugt. Wenn sich nur mal jemand darum gekümmert hätte.

Über 125 000 Fässer bis 1978

Als die Bundesregierung das Asse-Bergwerk 1965 erwarb, gab es jedenfalls Hinweise genug, dass die Grube nicht ewig halten würde. Die Kammern im Steinsalz waren bis zu fünf Meter an das wasserführende Deckgebirge herangetrieben worden und zum Teil überdimensioniert. Der Betreiber, das Helmholtz-Zentrum München, damals noch unter dem Namen Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF), stand vor 3,5 Millionen Kubikmetern Hohlraum, die allein mit Atommüll gar nicht zu füllen waren. Doch erst einmal kam mit Ausnahme des hochradioaktiven Abfalls 13 Jahre lang alles hinein, was in der Bundesrepublik an schwach- und mittelaktiven Rückständen anfiel. Heißere Fracht war schon avisiert: 100 000 Graphit-Brennelemente aus dem Versuchsreaktor Jülich sollten in die Asse geliefert werden.

Da fielen die Politiker zum ersten Mal aus allen Wolken. Als hätten sie bei zahllosen Grubenfahrten nicht sehen können, dass niemals daran gedacht war, die Abfälle jemals wieder herauszuholen. Anfangs waren die Fässer noch sorgsam gestapelt, später einfach abgekippt und mit Salz bedeckt worden; war eine Kammer voll, wurde sie mit Beton versiegelt. 125 000 Fässer verschwanden auf diese Weise auf der 750-Meter-Sohle, weitere 1300 mit stärker strahlenden Überbleibseln wurden mit erheblichem Aufwand weiter oben auf der 490-Meter-Sohle versenkt (siehe die Grafik). Alles war von den zuständigen Bergämtern und der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt abgesegnet worden. Das galt auf einmal als große Überraschung und wurde 1978 beendet.

Seit dreißig Jahren ruht der Müll nun in der Asse. Aber keineswegs sanft. In der Zwischenzeit sind tragende Pfeiler gebrochen. Obwohl der größte Teil der Hohlräume inzwischen mit Salz und anderem Material verfüllt ist, mögen Gutachter dem maroden Bergwerk nur noch eine Standzeit von sechs Jahren garantieren. Auch das war abzusehen; ein Wunder nur, dass das Grubengebäude nicht schon früher versagt hat. Insofern liefert der von Gabriel präsentierte Bericht, den die niedersächsische Landesregierung in Auftrag gegeben hatte, keine Neuigkeiten.

Austretende Lauge

Aus technischer Sicht geht es darin vor allem um die Laugen, die aus den feuchten Kaliabbauen der Asse sickern. Das Düngesalz war in den zwanziger Jahren gewonnen worden, die Kammern wurden später mit den Rückständen verfüllt. Seitdem suppt aus ihnen beständig Flüssigkeit, denn der Gebirgsdruck sorgt dafür, dass das gesamte Grubengebäude immer mehr zusammengedrückt wird. Ausgerechnet die 750-Meter-Sohle, auf der die meisten Abfälle lagern, sei "bekanntermaßen mit Lauge durchtränkt", sagen die Gutachter. Als dort 1988 Bohrungen niedergebracht wurden, trat sie an mehreren Stellen aus. Messungen zeigten, dass die Lauge anfangs geringe, dann immer höhere Konzentrationen Cäsium-137 aufwies; dieses Isotop kommt praktisch in allen radioaktiven Abfällen vor und geht besonders rasch in Lösung. Auf die Idee, dies könne ein Problem von größerer Tragweite sein, kam erst einmal niemand.

Der jetzt vorgelegte Bericht widmet sich der Frage, wer da angesichts welcher Zuständigkeit zu welchem Zeitpunkt mit wem gesprochen hat, ein eigenes Kapitel. Eine detaillierte Auswertung der Akten hat inzwischen ergeben, dass die Angelegenheit wohl auf kurzem Dienstweg zwischen Bergamt und Betreiber erledigt wurde. Denn die Asse war nie nach dem Atomrecht, sondern immer nur nach dem Bergrecht genehmigt worden. Mit dem Strahlenschutz nahm man es dabei nicht allzu genau.

Den Unterlagen zufolge wurde in der Brühe zunächst keine Überschreitung der zulässigen Freisetzungsgrenzen gefunden. Spätestens von 2001 an allerdings hätte die GSF nach den verschärften Grenzwerten des Strahlenschutzgesetzes eine neue Genehmigung zum Umgang mit radioaktiven Stoffen gebraucht. Darauf mochte man seinerzeit nicht warten. Stattdessen wurde die lästige Flüssigkeit in Behältern gesammelt und kurzerhand in den am tiefsten gelegenen Teil des Bergwerks verklappt. Insgesamt sollen es 74 Kubikmeter mit einer Gesamtaktivität von zwei Gigabecquerel gewesen sein; das entspräche etwa einem Millionstel des in der Asse gelagerten Gesamtinventars an strahlenden Stoffen, gibt das Helmholtz-Zentrum München an.

Nur der Anfang

Ein externes Gutachten des Forschungszentrums Jülich und der TU Clausthal hat inzwischen ergeben, dass die Kontaminationen nicht allein von einem Unfall aus dem Jahre 1973 herrühren können, bei dem ein Fass leckgeschlagen wurde. Ehemalige Mitarbeiter hatten berichtet, dass es damals recht rauh auf der Asse zuging. Obwohl die Annahmebedingungen eigentlich nur feste Abfälle vorsahen, tropfte es hin und wieder aus den Fässern. Die Fahrbahndecke wurde dann großzügig abgefräst. Eventuell noch vorhandene Restkontaminationen könnten durchaus versickert sein. Das würde aber nicht erklären, warum der Cäsiumgehalt der Lauge über die Jahre hinweg stieg. Die Gutachter kommen deshalb zu dem Schluss, dass ein Teil aus der Kammer 12 stammen muss, die besonders nah an den feuchten Kalikammern liegt. Die verseuchte Lauge hat demnach Kontakt zu den eingelagerten Fässern gehabt. Es ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was der Asse noch bevorsteht.

Das augenblickliche Schließungskonzept sieht nämlich vor, die Grube gezielt mit einem speziellen "Schutzfluid" zu fluten. Dabei wird durchaus in Kauf genommen, dass die Atommüllfässer mit der Zeit korrodieren. Was für Laien absurd klingt, hat einen geochemischen Hintergrund: Dadurch soll verhindert werden, dass die Natriumchloridlauge, die aus dem Deckgebirge zuströmt, den Kern des Salzstocks, der aus leichter löslichen Kalisalzen bestehen, zersetzt. Das wäre der eigentliche Gau, der sich in Form von Einstürzen bis hinauf an die Erdoberfläche bemerkbar machen könnte.

Muss der Müll geborgen werden?

Die Sorge der Münchener Helmholtz-Leute wird das nicht mehr sein. Die Asse soll in Zukunft dem Atomrecht unterliegen und vom Bundesamt für Strahlenschutz betrieben werden, das Gabriel untersteht. Man müsse mit weiteren Überraschungen rechnen, deutete der Minister an. So seien bereits acht Fässer geortet worden, die Brennelemente aus Jülich enthielten. Dass außerdem zwölf Kilo Plutonium und hundert Tonnen Uran in der Asse stecken, haben Berechnungen schon vor einiger Zeit ergeben. Die Aufbewahrung von Kernbrennstoffen freilich war den Betreibern gleich ein halbes Dutzend Mal genehmigt worden. Auch das hätte der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident Gabriel wissen können, denn in seinem Wahlkreis liegt die Asse vor der Haustür. Konsequenzen drohen allerdings erst einmal nur dem Leiter des Bergamtes und einem Referenten, gegen die ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde.

Nun soll allen Ernstes der Plan geprüft werden, sämtlichen Müll wieder auszugraben. Die Vorstellung, dass sich Bergleute mit dem Presslufthammer unter massivem Strahlenschutz an die längst beerdigten Atommüllfässer heranarbeiten, ist wenig erfreulich; eher müsste man komplett neue Robotertechniken erfinden. Die Bergung würde nach Schätzung von Ingenieuren mindestens zwanzig Jahre dauern und deutlich mehr als zwei Milliarden Euro kosten. In jedem Fall würde zusätzlich ein Berg von kontaminiertem Abraum entstehen, der zusammen mit den Fässern in das benachbarte Endlager Konrad bei Salzgitter verfrachtet werden müsste.

Wie das vom Zusammenbruch bedrohte Bergwerk Asse zwanzig weitere Jahre Buddelei überstehen soll, weiß sowieso niemand. Große Teile der Anlage sind heute schon unbetretbar. Aber wer hat je behauptet, dass das Atomgeschäft ohne Risiken ist? Geht bei der Bergung etwas schief, bleibt anschließend immer noch Zeit, nach dem Schuldigen zu suchen.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Schachtanlage Asse / Überarbeitung F.A.Z.-Grafik Heumann

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche