Von Alexander Schneider
20. März 2006 Hinten verschwinden die Lichter des Dorfes. Nur die Gischt leuchtet weiß auf, begleitet vom Donnern der Wellen. Im Scheinwerferlicht huschen Krebse über den Sand. Hinter dem Fahrer sitzt Aldo Hernandez und blickt angestrengt auf den schmalen Lichtkegel des Scheinwerfers. Plötzlich ruft er Para!, springt vom Buggy und läuft den Strand entlang, wo eine Schleifspur vom Meer landeinwärts verläuft. Aldo leuchtet mit einer Taschenlampe die Umgebung ab. Hier ist eine Schildkröte aus dem Meer gekrochen. Der Platz hat ihr aber wohl nicht gefallen - ich kann kein Nest finden.
Keine Schildkröteneier also. Weiter geht die Fahrt durch die Nacht am Strand von Puerto Arista, Chiapas. Über dem Pazifik leuchtet die Milchstraße, und hinter der Sierra Madre de Chiapas zucken Blitze. Auf einmal hüllen das Strandgefährt Abgaswolken eines anderen Buggys ein. Ein Überholmanöver folgt. Kein Gruß wird getauscht. Kein Gesicht ist zu sehen. Wilderer, ruft Hernandez. Finden sie ein Nest, bekommen sie dafür auf dem Schwarzmarkt um die 200 Pesos für die als potenzsteigernd geltenden Schildkröteneier.
Mein Mann braucht keine Schildkröteneier
Um den illegalen Handel zu bekämpfen, hat im vergangenen Jahr in mehreren mexikanischen Bundesstaaten eine aufsehenerregende Kampagne begonnen: Auf Plakaten räkelt sich ein spärlich bekleidetes Model, dazu ist der Satz Mein Mann braucht keine Schildkröteneier zu lesen. Einige Frauengruppen haben allerdings bereits gegen die Darstellung protestiert. Es spricht nichts dagegen, wenn wir die Weiblichkeit für unsere Ziele nutzen, verteidigt Fay Crevoshay, Sprecherin der nordamerikanischen Umweltschutzorganisation Wildcoast, die von ihr entwickelte Kampagne. Schließlich erreichen wir gerade mit diesen Plakaten unsere Zielgruppe.
Ob die Botschaft auch in Chiapas an den Mann gelangt, muß sich erst noch zeigen. 200 Pesos (16 Euro) sind viel Geld in Puerto Arista, wo es außer Fischerei, Landwirtschaft und etwas Tourismus kaum Verdienstmöglichkeiten gibt.
Semesterferien im Schildkrötencamp
Der Student Aldo Hernandez hat sich dem Schutz der Meeresschildkröten verschrieben und verbringt seine Semesterferien im Schildkrötencamp, dem Campamento Tortuguero. Nacht für Nacht fahren er und zehn weitere Studenten den Strand ab - immer in der Hoffnung, den Nestplünderern zuvorzukommen.
Die Waffen in diesem Kampf sind ungleich verteilt: Wenn niemand aus dem Dorf dem Campamento einen Buggy leiht, muß die Schildkrötenpatrouille laufen, teilweise bis zu zwanzig Kilometer. Ihre Gegner aber sind immer motorisiert. Die Studenten im Campamento entmutigt das nicht. Sobald die Oliv-Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacca) abends im Schutz der Dunkelheit an Land kriecht, brechen sie in Gruppen zu ihren Touren, die oft bis morgens um vier dauern, auf. Ausgerüstet sind sie mit Lampe, Regencape und einem Stock zur Nestsuche.
Kurz nach Mitternacht. Wieder stoppt der Buggy. Im Sand Schildkrötenspuren. Landeinwärts, wo der Strand in eine Böschung übergeht, bewegt sich schwerfällig ein großer Schatten. Die Golfina, wie sie hier genannt wird, hebt mit ihren Flossen ein Loch von einem halben Meter Tiefe aus. Danach beginnt sie sofort mit der Eiablage. Rund 60 bis 120 Eier lassen die Weibchen in jedes Nest fallen. Dort bleiben sie dann 45 Tage vom Sand geschützt, bis die kleinen Schildkröten schlüpfen und ins Meer kriechen. Normalerweise.
Nur ein Bruchteil überlebt das erste Lebensjahr
Diesmal nicht. Hernandez gräbt sich an das Nest heran und entnimmt unten Eier, während die Schildkröte oben ungerührt weiter ablegt. Die Eier sind ein gutes Stück kleiner als die von Hühnern und haben wegen der großen Fallhöhe eine deutlich flexiblere Schale. Aldo steckt sie in eine Plastiktüte. Hinzu kommt Sand aus dem Nest, der von der Schildkröte mit einer Flüssigkeit bespritzt worden ist, die das Gelege vor Infektionen schützt. Die Golfina hat nichts von dem Diebstahl bemerkt und schaufelt das Loch wieder zu. Dann plättet sie den Sand mit langsamen, kreisförmigen Bewegungen. Dann schleppt sie sich zurück ins Meer.
Mit der Beute im Buggy geht es zurück ins Camp. Hernandez gräbt schon wieder, diesmal ein Loch in einem geschützten Areal. 124 Stück, sagt er zufrieden, nachdem er die Eier darin deponiert hat. Das Loch wird zugeschüttet. Allein ein kleiner Haufen und ein Schild verraten, daß sich hier ein Nest befindet - direkt neben rund 80 weiteren. Das klingt nach viel, doch selbst von den erfolgreich geschlüpften Golfinas überlebt trotz aller Schutzmaßnahmen nur ein winziger Bruchteil den Weg zum Wasser oder gar das erste Lebensjahr.
Die Lora gilt als kritisch bedroht
An Mexikos Stränden legen sechs der sieben bekannten Meeresschildkrötenarten ihre Eier ab. Seit 1990 ist im Lande jegliche Nutzung der Tiere verboten. Wer Nester wildert oder Schildkröten tötet, kann mit bis zu neun Jahren Gefängnis bestraft werden. Es gibt rund zwanzig Campamentos Tortugueros. An zwei besonders wichtigen Stränden im Bundesstaat Oaxaca kontrollieren sogar bewaffnete Patrouillen den Strand. Die Bestände der Oliv-Bastardschildkröte haben sich so etwas erholt. Andere Arten wie die echte Karettschildkröte, die Lederschildkröte und die Lora gelten nach wie vor als kritisch bedroht. Weltweit werden jährlich etwa 21 Millionen amerikanische Dollar in den Schutz der Meeresschildkröten investiert, sagt der Biologe Carlos Drews von der Umweltschutzorganisation WWF. Das sei zwar noch nicht genug - aber immerhin zeigt es, daß sich unsere Gesellschaft Sorgen um diese Reptilien macht.
Die Maßnahmen gegen Wilderer und den illegalen Verkauf von Schildkrötenprodukten sind jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die Campamentos versuchen es auch mit Überzeugungsarbeit in den Dörfern der Umgebung. Lebende Meeresschildkröten sind wertvoller als ein zweifelhaftes Mittel gegen das Leiden lendenschwacher Machos, so lautet die Botschaft. Auch beim Entlassen der Schildkröten ins Meer helfen Schulklassen, Dorfbewohner und Touristen. Die Hoffnung: Indem die Menschen selbst beteiligt sind, erkennen sie auch, wie wichtig der Schutz der Schildkröten ist.
Drei zu eins für die Tierschützer
Orte wie Puerto Arista können aber auch finanziell vom Schildkrötenschutz profitieren. Schon jetzt reisen jedes Jahr um die 176.000 Menschen zu rund 92 Schildkrötenschutzprojekten in aller Welt und bezahlen dafür - und die Anzahl dieser Touristen wächst ständig, erklärt Carlos Drews. Laut einer WWF-Studie aus dem vergangenen Jahr bringt dieser Tourismus bis zu dreimal mehr Geld ein als der Verkauf von Produkten aus Schildkröten. Dennoch: Ob Ökotourismus jeweils die richtige Antwort ist, kommt auf die örtlichen Gegebenheiten an, sagt Drews. Man müsse unter anderem sicherstellen, daß viele Bewohner davon profitieren, nicht eine einzige, womöglich ausländische Agentur.
Wer in Chiapas mit auf Nestsuche gehen will, sollte nicht nur Kaffee gegen die Müdigkeit einpacken, sondern auch auf unschöne Anblicke gefaßt sein: Einmal fand Hernandez eine aufgeschlitzte Schildkröte, die am Strand verendete, weil die Wilderer die Eiablage nicht abwarten wollten.
Am Ende dieser Nacht treffen auch die anderen Teams wieder im Camp ein. Insgesamt drei neue Nester entstehen. Hernandez' Bilanz: Nur eins war schon gewildert - drei zu eins für uns.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.03.2006, Nr. 11 / Seite 70
Bildmaterial: AFP, AP, F.A.Z.