03. November 2005 Der größte Lebensraum auf unserem Planeten, das Meer, ist immer noch voller Geheimnisse. Rund 70 Prozent der Erdoberfläche sind von Ozeanen bedeckt, und dieser Wasserkörper stellt 95 Prozent der gesamten Biosphäre dar - gewissermaßen ein eigener Planet. Als genau untersucht gelten aber schätzungsweise weniger als 0,1 Prozent des marinen Lebensraumes.
In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts steigerte sich die Unzufriedenheit vieler Wissenschaftler über die riesigen Wissenslücken dahingehend, daß man Pläne für eine weltweite Bestandsaufnahme in den Ozeanen zu schmieden begann. Etwa 200 Forscher warben für ein ehrgeiziges, auf zehn Jahre ausgelegtes Vorhaben, das unter der Bezeichnung Census of Marine Life (CoML) im Jahr 2000 tatsächlich in Angriff genommen wurde. An diesem Donnerstag haben sich einige der beteiligten Wissenschaftler am Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main zu einer Zwischenbilanz getroffen. Sie berichteten über Projekte, die unter europäischer Leitung stehen oder mit maßgeblicher europäischer Beteiligung ausgeführt werden.
Nicht nur die gegenwärtige Situation wird erfaßt
An der globalen Bestandsaufnahme wirken mehr als 1700 Experten aus 73 Ländern mit. In den zwanzig Teilprojekten des Vorhabens geht es vorrangig darum, die Vielfalt der Organismen in den unterschiedlichsten marinen Lebensräumen zu ergründen. Nicht nur die gegenwärtige Situation soll erfaßt werden, sondern auch der Zustand in der Vergangenheit - und möglichst auch derjenige in der Zukunft. Trotz allen Ehrgeizes sind die Forscher aber realistisch genug, auch das Unerforschbare in ihren Planungen zu berücksichtigen, wie der schottische Meereswissenschaftler Graham Shimmield vom europäischen Regionalbüro (Census of Marine Life in Europe) sagte.
Die Volkszählungen in den Ozeanen haben manche der beteiligten Wissenschaftler geradezu in ein Forschungsfieber versetzt. So präsentierte der Norweger Odd Aksel Bergstad, der die Organismen am Mittelatlantischen Rücken untersucht, ein Feuerwerk von Ergebnissen. Nicht nur, daß immer wieder neue Arten entdeckt werden. Auch über die Verbreitung und das Verhalten mancher Arten gibt es viele neue Erkenntnisse, denn die Untersuchungstechniken werden ständig verfeinert. So konnten die Forscher mit akustischen Messungen über ein ganzes Jahr hinweg die Wanderungen von Tieren in der Tiefe im Tagesverlauf verfolgen.
Nicht zuletzt die Tiefsee sorgt regelmäßig für Überraschungen. Nach Angaben von P. Martinez Arbizu, der ein Senckenberg-Projekt zur Erforschung der Tiefsee leitet, fand man vor der Küste Afrikas pro Quadratmeter bis zu 500 Arten. Etwa 90 Prozent dieser meist weniger als einen Millimeter großen Tiere sind vorher unbekannt gewesen.
Text: F.A.Z., 04.11.2005, Nr. 257 / Seite 38
Bildmaterial: AP