Tiere

Gefräßige Riesenschlangen

Von Diemut Klärner

22. August 2003 Riesenschlangen fasten oft monatelang. Notfalls können sie bis zu anderthalb Jahre ohne Nahrung ausharren. Bei passender Gelegenheit langen sie allerdings tüchtig zu und nehmen Beutetiere in ihren Würgegriff, die massiger sind als sie selbst. Ehe die Schlange solch eine Mahlzeit verwerten kann, muß sie ihren Stoffwechsel erst einmal in Schwung bringen. Ihr Energieumsatz - und damit auch ihr Sauerstoffbedarf - erhöht sich bis auf das Fünfundvierzigfache dessen, was ihr sonst zum Leben ausreicht. Mehr als die Hälfte der zusätzlichen Stoffwechselenergie beansprucht der Magen für seine Verdauungsleistung. Das hat Stephen M. Secor von der University of California in Los Angeles bei jungen Tigerpythons herausgefunden.

Da die Schlangen ihre Opfer stets mit Haut und Haaren verschlingen, muß ihr Magen ganze Arbeit leisten. Binnen eines Tages sondert er so viel Salzsäure ab, daß der pH-Wert - das Maß für den Säuregehalt - in seinem Inneren bis auf 1,5 absinkt. Derart sauer bleibt der Magensaft etliche Tage. Erst wenn er das Beutetier mitsamt den Knochen in einen dünnflüssigen Brei verwandelt hat, neutralisiert er sich innerhalb eines Tages wieder. Secor beobachtete das mit kleinen Meßfühlern, die er seinen Versuchstieren in einer toten Ratte versteckt zu schlucken gab ("The Journal of Experimental Biology", Bd. 206, S. 1621). Die meisten Pythons gewöhnten sich rasch an die dünnen Kabel, die ihnen aus dem Maul ragten und eine kontinuierliche Messung der Magensäure erlaubten.

Langsame Verdauung

Wie die Verdauung fortschreitet, zeigten tägliche Röntgenaufnahmen. Mit dem Kopf voran verschlungen, waren die Ratten zwölf Stunden später noch völlig intakt. Doch schon nach weiteren zwölf Stunden hatte sich ihr Vorderkörper weitgehend aufgelöst. Wie lange es anschließend dauert, bis nur noch ein Büschel Haare übrig ist, hängt von der Größe der Beute ab. Die Forscher verabreichten ihren zwei bis drei Kilogramm schweren Probanden jeweils genau abgewogene Rationen. Macht die Mahlzeit ein Viertel des Körpergewichts aus, so kann ein Schlangenmagen seine Verdauungsarbeit binnen einer Woche beenden. Dabei erhöht sich der Sauerstoffbedarf zeitweilig bis auf das Siebzehnfache dessen, was ein Python in Ruhephasen benötigt.

Wenn die Ratten in pürierter Form verfüttert wurden, erforderte die Verdauung ein Viertel weniger Stoffwechselenergie. Mit flüssigen Mahlzeiten, deren Nährwert dem einer Ratte entsprach, ließ sich der Energieumsatz sogar um mehr als die Hälfte reduzieren. Noch geringer war er, wenn der Schlangenmagen völlig arbeitslos wurde, weil der Forscher den Nahrungsbrei unmittelbar in den Darm einschleuste.

Der Magen kostet am meisten

Solche Experimente belegen, daß der Magen eines Pythons den größten Teil der Kosten verursacht, die beim Verwerten eines Beutetiers entstehen. Nach Secors Berechnungen investieren die Schlangen nur etwa halb soviel Energie in den Aufbau von neuer Körpersubstanz. Ein Ertrag fließt ihrem Stoffwechsel freilich erst dann zu, wenn die Produktion von Magensäure und Verdauungsenzymen schon angelaufen ist. Damit dieser Prozeß überhaupt in Gang kommen kann, muß er zu etwa zehn Prozent vorfinanziert werden. Dafür muß die Schlange auf die Energiereserven zurückgreifen, die sie in Form von Fett gespeichert hat. Nach der Verdauungsphase, die dem Stoffwechsel Höchstleistungen abverlangt, wird der Energieumsatz wieder drastisch gedrosselt. Äußerst sparsam im Verbrauch, bequemt sich ein Tigerpython nur selten einmal zu einem Ortswechsel. Statt seiner Beute hinterherzusprinten, schont er seine Kräfte und wartet geduldig, bis ihm die nächste Mahlzeit vor die Nase läuft.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.08.2003, Nr. 195 / Seite 32
Bildmaterial: AP

 
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