Von Axel Wermelskirchen, Bergen
09. August 2004 Odd Aksel Bergstad ist froh, daß alle sechzig Wissenschaftler aus dreizehn Ländern heil zurück sind. Sie waren auf großer Expedition mit der "G.O. Sars", einem der neuesten Forschungsschiffe, benannt nach einem norwegischen Meeresbiologen des neunzehnten Jahrhunderts. Der Norweger Bergstad leitet das Projekt "Mar-Eco", das im Jahr 2001 begann und 2008 abgeschlossen werden soll. Herzstück ist die Expedition der "G.O. Sars" - und sie war erfolgreich.
Die Forscher haben in den vergangenen acht Wochen zwischen Island und den Azoren den Mittelatlantischen Rücken (Mar) erkundet, der den Ozean längs in zwei fast symmetrische Hälften teilt. Der unterseeische Rücken ist eine vulkanische Bergkette in der Verdriftungszone zwischen der Eurasischen und der Amerikanischen Platte. In der schwarzen Tiefe dort unten entsteht ständig neuer Ozeanboden. Island und die Azoren etwa sind vulkanische Inseln; sie entstanden, als sich die unterseeischen Gebirge vor Jahrmillionen bis über die Meeresoberfläche hinaus auffalteten.
"Von den Ozeanen wissen wir weniger als vom Weltraum"
Die Expeditionsteilnehmer sollten herausfinden, welche Tierarten am nördlichen Mittelatlantischen Rücken leben, in welchen Mengen und Verteilungen, und zwar von der Oberfläche bis in Tiefen von 4000 Metern. Wo kommen die Tiere her? Leben sie schon immer dort? Wie sehen die Nahrungsketten aus: Wer frißt wen? Welche Rolle spielen die Topographie des Mittelatlantischen Rückens und die Wasserströmungen?
"Mar-Eco" ist Teil eines weltumspannnenden Forschungsvorhabens, des "Census of Marine Life" mit Sitz in Washington. Dreihundert Wissenschaftler aus 53 Ländern sollen bis zum Jahr 2010 wichtige Teile der Weltmeere nach deren Bewohnern kartiert haben, denn, so Odd Aksel Bergstad: "Von den Ozeanen wissen wir weniger als vom Weltraum." Wer sich zum Ziel setzt, die Meere zu schützen und ihre Reichtümer an Nahrung und Bodenschätzen klug zu bewirtschaften, ist deshalb häufig noch immer bloß auf Mutmaßungen angewiesen.
Ferngesteuerte Unterwasserfahrzeuge
Jetzt wissen wir jedenfalls schon wieder mehr, zumindest vom Mittelatlantischen Rücken: Bergstad und zahlreiche Expeditionsteilnehmer präsentierten erste Ergebnisse, kaum daß die "G.O. Sars" wieder in ihrem Ausgangshafen Bergen war. Mit ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugen, ausgeklügelten hdyroakustischen Verfahren und gewaltigen Netzen haben sich die Forscher ein Bild von der Tierwelt gemacht. Achtzigtausend Fische, Tintenfische, Quallen und andere Lebewesen haben sie aus dem Meer geholt, von Larven mit wenigen Millimetern Länge bis hin zum viereinhalb Meter langen Hai.
Etwa dreihundert Fischarten fanden sie und rund fünfzig Tintenfischarten, darunter auch solche, die der Wissenschaft bislang nicht bekannt waren; insgesamt trafen sie auf eine unerwartete Vielfalt von Tieren, vor allem in Tiefen von 200 bis 3000 Metern.
Zehn Kilometer große ringförmige Schwärme von Plankton-Organismen
Unter den Tiefseefischen waren auch der Granatbarsch und der Rundnasige Grenadier, Arten, die seit den siebziger Jahren befischt werden. Der Granatbarsch, besser bekannt unter seinem englischen Namen "Orange Roughy", ist inzwischen zum Synonym für zerstörerische Fischerei geworden: Vor Australien etwa wurde er zur Mitte der achtziger Jahre in solchen Mengen gefangen, daß er sich nicht mehr erholen konnte und die Fangquoten scharf knickten. Wie viele Tiefseefische wird er alt - bis zu 150 Jahre können es sein - und erst mit etwa 30 Jahren geschlechtsreif. Was die Grundschleppnetze der Fangflotten unter solchen Populationen anrichten, kann sich auch der Laie vorstellen.
Die Sonargeräte auf der "G.O. Sars" machten zehn Kilometer große ringförmige Schwärme von Plankton-Organismen aus, die wahrscheinlich von den spezifischen Wasserströmungen der unterseeischen Bergwelt geformt werden. Nie zuvor wurden größere Schwärme entdeckt. Zum ersten Mal konnten die Wissenschaftler am Mittelatlantischen Rücken auch kleine Kolonien der Kaltwasserkoralle Lophelia pertusa nachweisen. Ein neues Geheimnis der Tiefsee fanden sie in gut 2000 Metern Tiefe an einem Unterwasserberg nördlich der Azoren.
Vier Jahre Zeit, um Beute auszuwerten
Die Kamera eines ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugs machte auf dem Meeresboden schnurgerade Linien kleiner Baue aus, deren Öffnungen etwa fünf Zentimeter groß sind. Als Baumeister vermuten die Wissenschaftler hummerartige Krebse, die blind in der Schwärze der Tiefsee hausen. "Vielleicht sind es viele Eingänge zu einem einzigen Bau, oder es sind viele Baue mit je einer Öffnung. Aber wie können die Reihen dann so gerade sein?" Die Forscher haben noch längst nicht alle Fragen beantwortet, die sie von ihrer Expedition mitgebracht haben. Aber sie haben auch noch vier Jahre Zeit, ihre reiche Beute auszuwerten und mit der anderer "Mar-Eco"-Fahrten auf russischen, amerikanischen, portugiesischen, isländischen und deutschen Forschungsschiffen zusammenfließen zu lassen. So entsteht das neue Bild vom Leben am Mittelatlantischen Rücken.
Die Norweger setzen viel Ehrgeiz und Geld daran, "Mar-Eco" zum Erfolg zu führen. Auf der Internetseite des Projekts (www.mar-eco.no) war die Expedition genau zu verfolgen, im täglichen "Logbuch", in Foto-Alben und Videofilmen, ebenso in populärwissenschaftlichen Hintergrundartikeln rund um die Ozeanographie, mit einer Liste der Sponsoren, unter denen auch die norwegische Fischerei-Industrie ist. Mit an Bord war der in Norwegen gefeierte Maler Ørnulf Opdahl. Während der Fahrt fertigte er Bilder an, von der Arbeit auf dem Schiff und von den Geschöpfen aus den Tiefen des Ozeans, die uns mit "Mar-Eco" näherrücken.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2004, Nr. 182 / Seite 7
Bildmaterial: F.A.Z., MAR-ECO