31. August 2005 Mitunter fördert es die Selbsterkenntnis, wenn man den Blick auf andere richtet. Diese Hoffnung hegen jedenfalls viele Menschen. Auch in der Genomforschung setzt man große Erwartungen in Untersuchungen, die darauf zielen, das Erbgut und überhaupt die Natur des Menschen dadurch besser zu verstehen, daß man das Humangenom mit den Genomen anderer Spezies vergleicht.
Möglichkeiten dazu gibt es inzwischen zuhauf. Von der Taufliege bis zur Ratte - die Liste der Tiere, deren Erbgut bis ins Detail entschlüsselt wurde, ist lang. Was aber noch fehlte, war die Sequenzierung eines zweiten Primatengenoms. Ein internationales Konsortium aus siebenundsechzig Forschern um Robert Waterston von der University of Washington in Seattle hat diese Lücke jetzt geschlossen. In der heutigen Ausgabe der Zeitschrift Nature präsentieren die Wissenschaftler, darunter auch solche aus Deutschland, eine - allerdings noch nicht ausgefeilte - Fassung des Schimpansengenoms.
Übereinstimmendes Ergebnis
Der Schimpanse (Pan troglodytes) und der zur gleichen Gattung zählende Bonobo oder Zwergschimpanse (Pan paniscus) sind die engsten Verwandten des Homo sapiens. Die Entwicklungslinien haben sich vor etwa sechs Millionen Jahren getrennt, was evolutionsbiologisch gesehen eine kurze Zeit ist. Das zeigt sich auf vielfältige Weise auch im jetzt sequenzierten Genom.
Mensch und Schimpanse unterscheiden sich demnach in ihrem Erbgut nur um 1,2 Prozent, wenn man Abweichungen bei einzelnen Bausteinen, den Basenpaaren, als Maßstab nimmt. Dieses Ergebnis stimmt mit einer schon vor Jahren vorgenommenen Berechnung überein, bei der man lediglich einige Dutzend nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Regionen des Schimpansen-Genoms analysiert hatte.
Nach Unterschieden fahnden
Nur auf den Austausch einzelner Basenpaare zu achten genügt freilich nicht, wenn zwei Genome verglichen werden sollen, zumal derart nah verwandte. Wie die Forscher anmerken, ging man im konkreten Fall ohnehin nach einer anderen Strategie als sonst vor. So habe man beim Vergleich des Humangenoms mit dem Erbgut etwa der Maus oder des Huhns vor allem auf Ähnlichkeiten geachtet, um daraus Rückschlüsse darauf ziehen zu können, welche Merkmale in der Evolution konserviert wurden.
Beim Gegenüberstellen des Schimpansen- und Humangenoms müsse man indessen wegen der engen Verwandtschaft nicht nach Übereinstimmungen fahnden, sondern nach Unterschieden. Schon der prozentual kleine Unterschied bei den Basenpaaren ist alles andere als vernachlässigbar. Denn bei rund drei Milliarden Basenpaaren im Genom von Mensch und Schimpanse bedeutet er, daß etwa fünfunddreißig Millionen dieser Bausteine ausgetauscht sind.
Mensch hat Enzym-Gen eingebüßt
Noch größer ist die Differenz, wenn man umfangreichere Mutationen betrachtet. Im Hinblick auf Veränderungen, bei denen Stücke von Erbgut eingefügt werden oder verlorengehen, unterscheiden sich Mensch und Schimpanse um drei Prozent. Und was Abschnitte betrifft, die erst in evolutionär junger Zeit vervielfältigt und in das Genom eingebaut wurden, beträgt der Unterschied 2,7 Prozent.
Insgesamt bestätigte sich, worauf schon frühere Untersuchungen, etwa am Chromosom 22 des Schimpansen, hingedeutet hatten: Mensch und Menschenaffe unterscheiden sich auch genetisch erheblich. Mehr als fünfzig Gene des Menschen fehlen dem Schimpansen, darunter drei, die an Entzündungsvorgängen beteiligt sind. Umgekehrt hat der Mensch ein Enzym-Gen eingebüßt, das die Tiere möglicherweise vor der Alzheimer-Krankheit bewahrt. Ob sich durch das Stöbern in Affengenen eine Antwort auf die Frage finden läßt, was den Menschen ausmacht, steht in den Sternen. Mit Sicherheit wäre sie ohnehin enttäuschend biochemisch.
Text: F.A.Z., 01.09.2005, Nr. 203 / Seite 34
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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