Von Diemut Klärner
04. August 2004 Franzosenkraut und Gauklerblume, Kartoffelrose und Götterbaum - die Liste der sogenannten Neophyten ist lang. Dazu zählen die Botaniker all jene wild wachsenden Pflanzen, die erst von Beginn des 16. Jahrhunderts an ins Land gekommen sind. Zwar wurde die heimische Flora auch vorher schon durch diverse Mitbringsel bereichert. Mit neuem Saatgut wurden beispielsweise schon in der Jungsteinzeit Wildkräuter wie Klatschmohn und Ackerrittersporn eingeschleppt. Doch mit der Kolonisierung Amerikas und anderer Erdteile schwoll der Zustrom aus fernen Ländern rapide an. Hierzulande haben mittlerweile etwa 400 Pflanzenarten einen neuen Lebensraum gefunden. Damit stellen die Neophyten ein Sechstel der hiesigen Flora. Weitere 1000 Arten sind zwar stellenweise verwildert, haben sich aber nicht - oder noch nicht - fest etabliert.
Ökologen betrachten den Zuwachs mit Sorge. Denn sie befürchten, daß die Globalisierung der Pflanzenwelt zu Lasten der biologischen Vielfalt geht. Wenn Neophyten alteingesessene Arten zurückdrängen, gleicht sich das floristische Inventar über Kontinente hinweg zunehmend an. Berghänge, goldgelb von blühendem Besenginster, lassen sich zum Beispiel nicht nur in Großbritannien und Frankreich bewundern, sondern auch in Australien und Neuseeland, Kalifornien und Kanada. Solche Beobachtungen sind nicht neu. Dennoch sind Neophyten, die sich auf Kosten der einheimischen Flora ausbreiten, erst im Juni 1992 bei der Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro auf die internationale Agenda gelangt. In dem "Übereinkommen zum Schutz der Biologischen Artenvielfalt" wurde dort die Kontrolle und Bekämpfung invasiver Arten als Aufgabe des Naturschutzes völkerrechtlich festgeschrieben - was einfacher gesagt ist als getan.
Verschleppte Globetrotter
Um unliebsamen Invasionen vorzubeugen, verbieten die Naturschutzgesetze des Bundes und der Länder zwar seit je, eigenmächtig in freier Natur herumzugärtnern. Einige Menschen hält das jedoch nicht davon ab, Wald und Feld mit ihren Lieblingsblumen zu verschönern. Wer seine Gartenabfälle dort illegal ablagert, hilft ebenfalls manch fremdem Gewächs, in der heimischen Flora Fuß zu fassen. Daß Vögel auch an exotischen Früchten Geschmack finden und so deren Samen verbreiten, können freilich auch umsichtige Gärtner nicht verhindern. Ohnehin wurde nur die Hälfte der hiesigen Neophyten absichtlich ins Land gebracht, die meisten als Zierpflanzen. Die übrigen reisten gewissermaßen als blinde Passagiere. So wurde etwa das Schmalblättrige Greiskraut (Senecio inaequidens) mit Schafswolle aus Südafrika eingeführt. Vielerorts säumt es nun Bahntrassen und Straßen bis in den Herbst hinein mit seinen gelben Blüten, anscheinend ohne dabei anderen Pflanzen ins Gehege zu kommen. In Frankreich ist das Schmalblättrige Greiskraut dagegen in Weinberge und Weideland vorgedrungen und gilt deshalb als lästiges Unkraut. Der Schmetterlingsstrauch (Buddleja davidii) scheint hierzulande ebenfalls mit Biotopen vorliebzunehmen, die bereits nachhaltig von Menschen geprägt sind. In der Schweiz hingegen begnügt er sich nicht mit Brachflächen im Stadtbereich, sondern besiedelt auch Kiesbänke in naturnahen Flußauen.
Solche Details, zusammengestellt von Fachleuten des Bundesamts für Naturschutz, finden sich im Internet unter www.neophyten.de. Komplett ist "NeoFlora", das Informationspaket zum Thema Neophyten, zwar noch nicht. Was dort kurz und knapp präsentiert wird, gibt jedoch den neuesten Wissensstand wieder. Das garantiert die enge Zusammenarbeit mit "Neobiota", einer Arbeitsgruppe von Ökologen aus ganz Deutschland, darunter auch Botaniker wie Ingo Kowarik von der Technischen Universität Berlin und Beate Alberternst von der Universität in Frankfurt am Main. Von Kowarik stammt auch das Buch "Biologische Invasionen: Neophyten und Neozoen in Mitteleurops" (Eugen Ulmer Verlag 2003), die bisher ausführlichste Sammlung von Berichten über biologische Neubürger in Deutschland.
Bärenklau freut Imker
Über viele der bisher beschriebenen Neophyten ist allerdings noch zu wenig bekannt, als daß man die Risiken zuverlässig abschätzen könnte. Zum anderen kommt es bei Bewertungen stets auf den Blickwinkel an. So können Imker dem Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum) eine gute Seite abgewinnen, denn Bienen nutzen die riesigen Blütendolden als Nahrungsquelle. Mit dieser imposanten Staude aus dem Kaukasus hautnah in Kontakt zu treten ist jedoch allemal riskant: Blätter und Stengel enthalten hochwirksame Furocumarine, die in die Haut eindringen und sie extrem sonnenempfindlich machen. Unter dem Einfluß von ultraviolettem Licht attackieren diese Substanzen das molekulare Inventar lebender Zellen, wobei sie auch die Erbsubstanz nicht schonen. So können sie die Haut nachhaltig schädigen, vergleichbar mit Verbrennungen dritten Grades.
Giftig sind zwar auch andere Neophyten. Die aus Nordamerika stammende Robinie (Robinia pseudoacacia) zum Beispiel bildet toxische Eiweißmoleküle. Aber wer kommt schon auf die Idee, an der rauhen Rinde zu knabbern oder die Samen zu verspeisen. Tauglich für Citylagen, schmückt dieser robuste Baum im Frühling so manche Straße mit seinen weißen, süß duftenden Blütentrauben. Das harte haltbare Holz, geeignet für Gartenmöbel und Parkettböden, macht die Robinie aber auch für die Forstwirtschaft interessant. Zumal sie auf kargen, trockenen Böden gedeiht, wo andere Bäume sich schwertun. Dank dieser Eigenart dringt sie freilich nicht selten in schützenswerte Biotope ein. Auf sogenannten Magerrasen macht sie Gräsern und Kräutern den Platz an der Sonne streitig. Wie andere Schmetterlingsblütler beherbergt auch die Robinie spezielle Bakterien, die ihr Stickstoff aus der Luft besorgen. Indem sie auf diese Weise Nährstoffe anreichert, verdrängt sie Hungerkünstler wie Katzenpfötchen und Sonnenröschen dauerhaft. Ohnehin rar geworden, stehen diese Spezialisten für karges Terrain größtenteils auf der Roten Liste der gefährdeten Pflanzenarten.
Wie Robinien zu bewerten sind, hängt somit davon ab, wo sie wachsen. Auch bei anderen Neophyten gilt es jeweils abzuwägen, ob es sinnvoll ist, gegen sie vorzugehe und welche Mittel angemessen sind. Das Bundesamt für Naturschutz zeichnet hier ein differenziertes Bild, das auch viele offene Fragen aufzeigt. Zugleich bietet es mit "NeoFlora" ein Diskussionsforum, das zum Erfahrungsaustausch einlädt. Um die Flut der Neophyten zumindest an kritischen Punkten einzudämmen, sind schließlich nur begrenzte Ressourcen verfügbar. Und die gilt es effizient einzusetzen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.08.2004, Nr. 179 / Seite N2
Bildmaterial: dpa
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