Verhaltensforschung

Tief verwurzelte Selbstlosigkeit

Von Reinhard Wandtner

01. Juli 2007 Wenn man Ausschau nach Wesenseigenschaften hält, durch die sich der Mensch vom Tier abhebt, rückt schnell der Altruismus ins Blickfeld. Sogar Fremden zu helfen, ohne dass eine Belohnung winkt, gilt weithin als zutiefst human. So gesehen weisen die Schimpansen, über deren Verhalten jetzt Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig berichten, menschliche Züge auf. Bei den Menschenaffen, allesamt Bewohnern des Ngamba-Schutzgebietes in Uganda, beobachtete man nämlich Verhaltensweisen, in denen die Wissenschaftler klare Merkmale für Altruismus sehen. Die Tiere leisten nicht nur Artgenossen spontan und anscheinend selbstlos Hilfe, sondern auch dem Menschen, wie die Leipziger Forscher um Felix Warneken und Michael Tomasello in der Online-Zeitschrift „Plos Biology“ ausführen.

Beispiele für selbstlos anmutendes Verhalten im Tierreich gibt es zwar schon länger, aber hierbei handelt es sich häufig um Fälle von reziprokem Altruismus. Dieser Begriff steht für Handlungen, die nur vordergründig frei von Eigennutz sind. Wenn etwa ein Affe das Fell eines Artgenossen pflegt, darf er das nach Ansicht von Wissenschaftlern mit der Erwartung verbinden, dass ihm später die gleiche Behandlung zuteil wird. Springt er hingegen nahen Verwandten bei, kann das ein evolutionär bedingtes Verhalten sein, das möglicherweise mit den gemeinsamen Genen und deren Erhaltung zusammenhängt.

Kleinkinder schneller als Schimpansen

In ihren Verhaltensexperimenten mit insgesamt 36 Schimpansen haben die Leipziger Forscher versucht, alles zu vermeiden, was zu reziprokem Altruismus führen könnte. Sie achteten insbesondere darauf, dass die Affen noch nicht mit den am Versuch teilnehmenden Menschen vertraut waren geschweige zuvor Nahrung oder eine Belohnung von ihnen erhalten hatten.

Im ersten Experiment versuchte eine Person immer wieder, durch Gitterstäbe hindurch einen Stock zu ergreifen, der sich außer Reichweite befand. Schimpansen, die das beobachteten und ihrerseits näher an dem Objekt waren, neigten dazu, dieses zu ergreifen und dem Menschen auszuhändigen. Anschließend nahmen die Forscher ein ähnliches Experiment vor, allerdings diesmal nicht mit Schimpansen, sondern mit 18 Monate alten Kindern. Dabei zeigte sich, dass die Kleinkinder auf vergleichbare Weise selbstlos zu Hilfe eilten. Das Wort „eilen“ ist insofern angebracht, als die Reaktion deutlich schneller erfolgte als bei den Schimpansen.

Aufopferung bei Schimpansen

Im nächsten Experiment wurde die Bereitschaft, ohne jede Aussicht auf Belohnung zu helfen, auf eine härtere Probe gestellt. Die Schimpansen mussten nun, wollten sie sich nützlich machen, einige Mühe auf sich nehmen und eine Klettertour absolvieren. Aber auch das hielt sie nicht von ihrem offenbar selbstlosen Bestreben ab. Zum gleichen Ergebnis führten entsprechende Versuche mit den Kleinkindern. Die Probanden nahmen es in Kauf, dass sie Hürden überwinden mussten, die man ihnen in den Weg gelegt hatte.

Weil die Schimpansen aus einem Schutzgebiet stammten, konnte man nicht ganz ausschließen, dass die Tiere zuvor doch schon Erfahrungen mit Menschen gemacht haben. Möglicherweise wurden sie sogar für bestimmte Handlungen belohnt. Daher gingen die Forscher um Warneken und Tomasello noch einen Schritt weiter und prüften, ob sich die Schimpansen auch Artgenossen gegenüber in ähnlicher Weise altruistisch zeigen. Der Versuch wurde so angelegt, dass ein Schimpanse nur dann an angebotene Nahrung herankam, wenn ihm ein anderer half. Der verlockende Happen wurde dazu hinter einer Gittertür plaziert, die man mit einer Kette verschlossen hatte. Dem Schimpansen war es von der Versuchsanordnung her nicht möglich, sie zu öffnen. Nur ein zweiter Schimpanse, der die Situation beobachtete, war prinzipiell dazu in der Lage. Zum Erstaunen der Forscher half dieser tatsächlich dem Artgenossen, an das Futter zu gelangen. Er selbst ging zwangsläufig leer aus.

Für den Primatenforscher Frans de Waal steht seit langem außer Frage, dass Schimpansen zu Anteilnahme und altruistischem Handeln fähig sind. Wie er aber ebenfalls in „Plos Biology“ schreibt, hat das Ergebnis des neuen Experiments sogar ihn überrascht, denn beim helfenden Tier habe sogar Neid aufkommen können. Über einen rührenden Fall uneigennützigen Handelns bei Schimpansen hat schon die berühmte Primatenforscherin Jane Goodall berichtet: Als ein Jungtier im Zoo in einen Wassergraben fiel, sprang ein Männchen nach. Der Rettungsversuch misslang, und auch das Männchen ertrank. Ins Wasser zu springen muss ihn große Überwindung gekostet haben - Schimpansen können nämlich nicht schwimmen.



Text: F.A.Z., 27.06.2007, Nr. 146 / Seite N2
Bildmaterial: Felix Warneken und Michael Tomasello

 
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