Neophyten

Bereicherung der Fauna

Von Diemut Klärner

27. Juni 2005 Mandarinente und Marderhund, Wandermuschel und Wollhandkrabbe - das Sortiment der Neozoen ist vielgestaltig. Zu diesen „Neu-Tieren“ rechnen die Biologen alle Arten, die nach 1492 ins Land gebracht wurden und dann hier heimisch geworden sind. Dazu gesellten sich neue Pflanzen, die Neophyten.

Zwar wurden Flora und Fauna auch vorher schon durch Mitbringsel bereichert, die Römer etwa hatten Eßkastanien und Kaninchen im Gepäck. Doch seit Christoph Kolumbus in Amerika landete, gibt es zunehmend mehr Mitfahrgelegenheiten für reiselustige Pflanzen und Tiere. Entsprechend groß ist die Zahl der Neophyten und Neozoen. Auf jeder der beiden Listen stehen hierzulande mehr als tausend Arten. Einige entpuppen sich als fragwürdige Bereicherung. Wo sie sich breitmachen, bedrängen sie alteingesessene Tiere und Pflanzen.

Artenschutz völkerrechtlich vorgeschrieben

Um diese als invasiv bezeichneten Arten ging es in der vergangenen Woche auf einer Tagung in Göttingen, veranstaltet von Wissenschaftlern der dortigen Universität, der Technischen Universität Berlin und dem Bundesamt für Naturschutz in Bonn. Biologische Invasionen gelten als wichtige Ursache des globalen Artensterbens. Auf eine internationale Agenda kamen sie 1992 während der Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro. Das „Übereinkommen zum Schutz der Biologischen Artenvielfalt“ schreibt seither völkerrechtlich fest, daß Naturschutz auch die Kontrolle und Bekämpfung invasiver Arten einschließt. Im Jahr 2000 verpflichteten sich die Vertragsstaaten, entsprechende nationale Strategien zu entwickeln. Hierzulande haben die Zugereisten noch keine Tier- oder Pflanzenart zum Aussterben gebracht. Anlaß für eine völlige Entwarnung ist das allerdings nicht.

Wie Ingo Kowarik von der Technischen Universität Berlin erläuterte, haben sich von all den Pflanzen, die hier eine neue Heimat fanden, nur rund dreißig als invasiv erwiesen. Am berüchtigsten ist wohl der Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum) aus dem Kaukasus. Wenn man ihm zu Leibe rücken will, muß man wie bei anderen invasiven Arten etliche Jahre einplanen, damit nicht alle Mühe vergebens ist. Daß sich die unerwünschten Gewächse erfolgreich zurückdrängen lassen, schilderte Hermine Hecker aus Hamburg. Mit Unterstützung des Bezirksamts Wandsbek läuft dort seit 1998 ein Pilotprojekt. Einschlägige Informationen über Einwanderer aus dem Pflanzenreich bietet das Bundesamt für Naturschutz im Internet an (www.neophyten.de).

Pflanzen besser erforscht als Tiere

In der Schweiz, so berichtete Sibylla Rometsch von der dortigen Kommission für die Erhaltung von Wildpflanzen, wurde ein spezielles Bewertungsschema für die Risikoabschätzung entwickelt (www.cps skew.ch). Daraus ergab sich eine „Schwarze Liste“ von 20 Neophyten, auf der neben dem Riesen-Bärenklau beispielsweise der Schmetterlingsstrauch (Buddleja davidii) steht. Denn in der Schweiz begnügt sich dieser auch Sommerflieder genannte Zierstrauch nicht mit Brachflächen im Stadtbereich. Mancherorts erobert er Kiesbänke in naturnahen Flußauen und verdrängt dort die angestammte Flora.

Daß Pflanzen besser erforscht sind als Tiere, ist kein Wunder. Die wenigsten Neozoen sind so spektakulär wie der Halsbandsittich, der mit seinem grasgrünen Federkleid und knallroten Schnabel manchem Park im Rheinland ein exotisches Flair verleiht, oder der straußenähnliche Nandu, der sich in der Wakenitz-Niederung südlich von Lübeck tummelt. Waschbär und Marderhund sind zwar weit verbreitet, aber selten zu sehen, weil sie im Schutz der Dunkelheit umherstreifen.

Machtlos gegen einwandernde Tierarten

Ob der Erfolg dieser Neubürger zu Lasten der einheimischen Fauna geht, ist umstritten. Beim Grauhörnchen steht das außer Frage. In weiten Teilen von England hat dieser Einwanderer aus Amerika das Eichhörnchen rigoros verdrängt. Grund genug, ihn hierzulande mit einem gesetzlichen Besitz- und Vermarktungsverbot zu ächten. Auf dem europäischen Festland wurden Grauhörnchen bisher nur in Italien gesichtet. Wie Frank Klingenstein vom Bundesamt für Naturschutz beklagte, hat man dort die Chance vertan, diese invasive Art wieder loszuwerden: Tierschützer machten den Naturschützern einen Strich durch die Rechnung. Somit scheint absehbar, daß sich das Grauhörnchen eines Tages auch nördlich der Alpen einfinden und auf Kosten des Eichhörnchens ausbreiten wird.

Insekten ernten weniger Sympathie als Nagetiere. Hier besteht die Schwierigkeit eher darin, verdächtige Einwanderer rechtzeitig zu entdecken. Beim Asiatischen Laubholz-Bockkäfer (Anoplophora glabripennis) ist das gelungen. In Bayern wie in Österreich wurden die Bäume, in denen er sich eingenistet hatte, flugs gefällt und ihr Holz kleingehäckselt. Doch dank der regen Handelsbeziehungen mit China wird dieser Käfer wohl bald wieder einmal aus dem Holz von Transportkisten oder Paletten hervorkriechen. Für solche Einwanderer, die Pflanzen das Leben schwermachen, sind hierzulande Fachleute der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Braunschweig zuständig. International vernetzt (www.eppo.org), versuchen sie jeweils umgehend einzugreifen.

Überlebenskampf unter Wasser

Viele Neozoen sind Wasserbewohner. Im Rhein zum Beispiel stellen sie etwa ein Fünftel der Arten, die das Flußbett bevölkern, und mehr als die Hälfte der Biomasse. Oft reisen diese Organismen als blinde Passagiere auf Schiffen, und neue Wasserstraßen wie der Rhein-Main-Donau-Kanal eröffnen ihnen weitere Wege. So könnten Zugewanderte aus der Donau - vorgestellt durch Wolfgang Rabitsch vom Umweltbundesamt in Wien - demnächst auch im Rhein auftauchen. Zu den wenigen Arten, die eindeutig Schaden anrichten, zählt der amerikanische Flußkrebs (Oronectes limosus), Ende des 19. Jahrhunderts in hiesigen Gewässern ausgesetzt. Denn dieses robuste Tier brachte die Krebspest mit, eine Pilzkrankheit, die den einheimischen Edelkrebs (Astacus astacus) dezimierte.

Die Pazifische Auster (Crassostera gigas) war ursprünglich nur für Aquakulturen an der Atlantikküste bestimmt. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie das Wattenmeer von den Niederlanden bis nach Sylt besiedelt. Da sie sich dort auf den Miesmuschel-Bänken einquartiert, kommt sie den Muschelfischern in die Quere: Pazifische Austern verwachsen derart innig mit den Miesmuscheln, daß sich keine von beiden mehr ernten läßt. Aus ökologischer Sicht ist die Pazifische Auster aber nicht nur negativ zu bewerten. Zwar wird sie nach Einschätzung von Frank Klingenstein der hiesigen Auster wohl jede Chance auf Rückkehr verbauen. Die neu entstandenen Austernbänke können aber vielen anderen Meeresbewohnern Unterkunft bieten.

Müll oder exotische Pflanzen aussetzen ist tabu

Von all den Arten, die hierzulande erst kürzlich heimisch geworden sind, fällt nur eine Minderheit unliebsam auf. Was sich als invasiv entpuppt, läßt sich freilich nur schwer wieder zurückdrängen. Vorbeugen, da waren sich die Tagungsteilnehmer einig, ist besser als heilen. Eine umfassende Strategie steht zwar noch aus, und die einschlägigen Gesetze scheinen verbesserungswürdig. Doch vieles läßt sich schon tun, den Zustrom gebietsfremder Arten zu drosseln.

Dabei kann sich jedermann angesprochen fühlen: Gartenabfälle gehören ebensowenig in die Landschaft wie alte Sofas. Exotisches absichtlich anzusiedeln, ist ebenfalls illegal. Was manche Zeitgenossen aber offenbar nicht daran hindert, in freier Natur eigenmächtig herumzugärtnern oder dort auszusetzen, wessen sie zu Hause leid geworden sind.



Text: F.A.Z., 28.06.2005, Nr. 147 / Seite 38
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche