Rotkehlchen

Im Dunkeln am liebsten nach Nordwesten

Von Reinhard Wandtner

22. April 2008 Der Magnetsinn der Vögel wirft bei Biologen immer neue Fragen auf. Das jüngste Beispiel dafür ist eine rätselhafte Beobachtung, die Zoologen von der Universität Frankfurt am Main bei Rotkehlchen gemacht haben. Die Forscher um Roswitha und Wolfgang Wiltschko wollten herausfinden, welche Richtung diese Zugvögel einzuschlagen versuchen, wenn man ihnen jegliche Orientierungsmöglichkeit vorenthält. In einem völlig dunklen Käfig zeigten Vögel in früheren Versuchen wenig Bereitschaft, von einer Sitzstange zu einer anderen zu wechseln und sich so in Zugrichtung zu positionieren. Sie zeigten keine Aktivität und ließen keinerlei Vorliebe für eine bestimmte Richtung erkennen.

Das erschien plausibel, denn der im Auge befindliche Sensor für den Magnetkompass der Tiere funktioniert bisherigen Erkenntnissen zufolge nur, wenn zumindest schwaches Licht vorhanden ist, wie das im Freien meist auch nachts der Fall ist. Umso mehr staunten die Frankfurter Forscher, als sie das jüngste Experiment auswerteten. Die Rotkehlchen hatten nämlich nun doch versucht, eine bestimmte Richtung einzuschlagen - und zwar eine nordwestliche. Bei diesen Versuchen hatte man die Vögel in einem trichterförmigen Käfig ohne Stangen untergebracht, so dass sie nicht Gefahr liefen, im Dunkeln herunterzufallen.

Magnet-Sinnesorgan im Schnabel

Mit ihrem Verhalten bei völliger Dunkelheit haben die Tiere den Zoologen ein kniffeliges Rätsel aufgegeben. Der normale Magnetkompass scheidet als Erklärungsmöglichkeit aus, wie weitere Experimente bestätigten. Bei den Forschern keimte daraufhin der Verdacht, der Schnabel der Vögel habe ihnen den Streich gespielt. Und das erwies sich als richtig. Im Oberschnabel befindet sich, wie eine andere Frankfurter Forschergruppe schon vor Jahren herausgefunden hat, ein weiteres Magnet-Sinnesorgan. Im Gegensatz zu dem „Inklinationskompass“ im Auge registriert es nicht die Neigung der Feldlinien zur Erdoberfläche, sondern scheint die Intensität des Feldes zu messen. Daher glaubte man bisher, es liefere keine Richtungsinformation, sondern Wegmarken für die Navigation anhand einer Magnet-Karte.

Diese Ansicht muss nun wohl revidiert werden. Wie Katrin Stapput und die anderen Forscher in der Zeitschrift „Current Biology“ berichten, scheint der mit Magnetit arbeitende, von Licht unabhängige Sensor im Schnabel auch eine gewisse Richtungsinformation bereitzustellen. Als man nämlich die horizontale Komponente des Erdmagnetfeldes drehte, strebten die Rotkehlchen in die neue Richtung. Nach einer örtlichen Betäubung des Schnabels indessen zeigten die Vögel keinerlei Richtungsvorliebe mehr. Welchen Sinn es hat, sich bei Dunkelheit nach Nordwesten zu orientieren, ist unklar. Unter natürlichen Verhältnissen dürften Rotkehlchen aber ohnehin kaum in die Verlegenheit kommen, sich auf den Magnetsinn im Schnabel zu stützen. Denn selbst in Nächten mit dichter Wolkendecke gibt es noch etwas Licht, und unter einem Sternenhimmel funktioniert sogar der „Inklinationskompass“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Rainer Wohlfahrt

 
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