Von Georg Rüschemeyer
15. Mai 2006 Sie gehört zu den ganz großen Herausforderungen für werdende Eltern: die Namenssuche. Die Entscheidung fällt dann oft ganz spontan beim Anblick des Neugeborenen: Das muß ein Moritz-Maximilian sein!
Sehr viel einfacher ist die Sache beim Großen Tümmler. Jungtiere dieser Delphinart, zu der auch Fernsehstar Flipper gehörte, suchen sich ihren Namen einfach selber aus. Sie hören sich zunächst eine Weile lang die Lautäußerungen ihrer Artgenossen an und entwickeln dann ihren eigenen, möglichst eigenständigen Signaturpfiff, sagt der deutsche Biologe Vincent Janik, der an der Universität im schottischen St. Andrews die kommunikativen Fähigkeiten der Meeressäuger studiert.
Signaturpfiff enthält Namen des Tümmlers
Schon länger weiß man, daß das bisher kaum verstandene System aus Pfeif-, Quietsch- und Knarzlauten, mit dem Tümmler die Weltmeere beschallen, auch das Pendant eines individuell einzigartigen Namens enthält, den sogenannten Signaturpfiff. Für eine Studie in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift PNAS wiesen Janik und zwei amerikanische Kollegen nun nach, daß dieses besonders obertonreiche Pfeifen die Identität des Pfeifers nicht nur durch dessen individuelle Stimmeigenschaften verrät. Denn die Tiere konnten die Signaturpfiffe naher Verwandter auch dann erkennen, wenn diese von einer Computerstimme wiedergegeben wurden, der jede persönliche Klangfarbe fehlte. Für die Meeresbewohner sei dies auch besonders wichtig, da sich ihre Stimmen mit steigendem Wasserdruck in der Tiefe veränderten, vermutet Janik, der seine Versuche an wildlebenden Tümmlern in der Sarasota Bay in Florida durchführte, die seit 1975 immer wieder kurzzeitig für Versuche gefangen werden.
Normalerweise dienen die Signaturpfiffe dazu, den Gruppenmitgliedern die eigene Position auch in trübem Wasser oder auf größere Distanz mitzuteilen, ähnlich wie es ein Trupp von Pfadfindern machen würde, die im dichten Wald ihren Namen rufen, um sich nicht zu verlieren. Doch neben dieser Ich Tarzan-Funktion erlernen die Tiere auch die Namen nahestehender Artgenossen. Am deutlichsten kann man dies beobachten, wenn eine Mutter von ihrem Kalb getrennt wird, sagt Janik. Dann pfeift sie den Namen ihres Kindes, welches diesen als Antwort wiederholt.
Wer nicht imitieren kann ...
Dieser Schritt vom Ich zum Du ist für Säugetiere alles andere als selbstverständlich. Denn den meisten fehlt es an der Fähigkeit zur vokalen Imitation, also der stimmlichen Wiedergabe gehörter Laute. Ohne sie ist aber die Benutzung von Namen oder jeder Art von gesprochenen Worten kaum vorstellbar. Vermutlich deshalb scheiterten bisher alle Versuche, Schimpansen menschliche Wörter zu entlocken, obwohl die Menschenaffen durchaus zu symbolischem Denken fähig sind. Daß Delphine dagegen menschliche Sprachlaute erzeugen können, zeigte der Esoteriker John Cunningham Lilly, der einem Großen Tümmler immerhin Wörter beibrachte, die entfernt wie Hello Margret klingen. Lillys Versuche, darauf eine umfassende Kommunikation zwischen Mensch und Delphin zu begründen, scheiterten jedoch.
Neben Walen und Menschen war vokale Imitation unter Säugern bisher nur noch von Robben und Fledermäusen bekannt. Von einem Neuzugang im Club der Stimmenimitierer berichteten Wissenschaftler vor gut einem Jahr im Wissenschaftsmagazin Nature: Ein afrikanischer Elefant hatte in einem Wildpark in Kenia gelernt, das Geräusch vorbeifahrender Lastwagen nachzuahmen. Und Calimero, ein Artgenosse im Zoo von Basel, beherrscht die typischen Lautäußerungen zweier indischer Elefanten, mit denen er seit 19 Jahren das Gehege teilt.
Aussehen und Geruchssinn hilfreich
Doch wie erklärt sich das verstreute Auftreten dieser Fähigkeit im Tierreich, die sich offenbar etliche Male unabhängig voneinander entwickelt hat? Offenbar passiert das vor allem bei Tierarten, die in sogenannten Fission-and-Fusion-Gesellschaften leben, in denen sich innerhalb einer größeren Population soziale Kleingruppen mit wechselnden Mitgliedern bilden. In Sarasota Bay etwa leben insgesamt an die hundert Delphine, die sich meist in Grüppchen von zwei, drei verwandten Tieren zusammenschließen, sagt Vincent Janik. Diese Kleingruppen finden sich aber auch zeitweise in wechselnden Kombinationen zu größeren Gruppen zusammen. Bei diesem Durcheinander sei es für die Tiere wichtig, Artgenossen individuell auseinanderhalten zu können.
Individuelle Erkennung ist allerdings nicht unbedingt auf akustische Signale angewiesen. Viele Tiere benutzen dazu den Geruchssinn. Auch das Aussehen ist häufig von Bedeutung. Doch gerade auf größere Distanz oder bei schlechter Sicht bewährt sich der Kontakt über Laute. Den nutzen auch die monogam lebenden Gibbons, um im Dschungel Südostasiens den Partner nicht zu verlieren. Die Gesänge dieser Menschenaffen sind aber, soweit man weiß, angeboren und stets gleich. Da Gibbons kaum Kontakt zu Artgenossen außerhalb der Kleinfamilie haben, brauchen sie wohl auch keine individuellen Erkennungssignale, sagt der Hamburger Verhaltensbiologe Ralf Wanker. Ganz anders sieht das bei seinen Studienobjekten aus, den südamerikanischen Augenring-Sperlingspapageien. Sie leben ebenfalls in strenger Einehe. Tagsüber bilden die Tiere jedoch Gruppen von zehn bis dreißig Individuen, nachts versammeln sie sich in größerer Zahl auf ihren Schlafbäumen. Um den Partner im dichten Urwald wiederzufinden, bedarf es also eines zuverlässigen, individuellen Erkennungssystems.
Papageien: Ein Tier mit mehreren Namen?
Papageien sind tatsächlich die einzigen Tiere neben Delphinen und Menschen, von denen individuelle Namensrufe wissenschaftlich belegt sind, sagt Wanker, der seine Forschungsergebnisse im vergangenen Jahr in der Zeitschrift Animal Behaviour veröffentlichte. Anders als bei den Delphinen scheinen die Papageinamen von den Eltern vergeben zu werden und finden offenbar nur innerhalb der engsten Familie Anwendung. Möglicherweise hat ein Tier auch mehrere Namen, die jeweils nur von einem anderen Familienmitglied benutzt werden, sagt Wanker, der sich von dem aufkommenden Boom der aviären Kognitionsforschung Antworten auf viele offene Fragen wie diese erhofft.
Wenig überraschend wäre es, wenn man dabei auch bei anderen Vogelarten Signaturpfiffe fände. Denn Singvögel sind Meister der vokalen Imitation im Tierreich, wie die Klänge von Handys, Martinshörnern oder aktuellen Musikhits aus den Kehlen gefiederter Stadtbewohner beweisen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.05.2006, Nr. 19 / Seite 72
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