Von Eckart Voland
29. Juni 2006 Die grundlegende Frage jeglicher soziobiologischer Beschäftigung mit gesellschaftlichen Phänomenen ist gerade heraus, unkompliziert und schnell formuliert: Wie kann es sein, daß Lebewesen - der Mensch eingeschlossen - überhaupt kooperative Sozialverbände herausbilden? Hatte nicht Charles Darwin gelehrt, daß den struggle for life nur jene Individuen erfolgreich bestehen, die sich ganz unsentimental eigeninteressiert durchs Leben kämpfen?
Führt das naturgesetzliche survival of the fittest nicht ganz zwangsläufig zu egoistischer Kälte, die von vornherein nur ein Erfolgsmodell der Evolution zulassen kann, nämlich den rücksichtslosen persönlichen Nutzenmaximierer, der blind für die Belange von anderen nur seine ureigensten persönlichen Vorteile im Blick hat? Offensichtlich nicht, denn trotz aller Egoismen, die man allenthalben beobachten kann, kennen menschliche Gesellschaften, und zwar in allen ihren vielfältigen Spielarten, von der wildbeuterischen Subsistenzgruppe bis zur anonymen postindustriellen Großgesellschaft, jene Verhaltensweisen, die es in einer naiven Interpretation der Evolution eigentlich gar nicht geben dürfte: Barmherzigkeit, Großmut, Fürsorglichkeit, Solidarität und viele andere sozial bindende menschliche Neigungen.
Blut-und-Klauen-Egoismus
Nun könnte man geneigt sein, daraus den Schluß zu ziehen, daß Darwin und seine Apologeten uns nichts zu sagen haben, was ein Verständnis der Conditio humana vermehren könnte. Der Mensch als erster Freigelassener der Schöpfung, wie Herder es ausdrückte, habe sich ganz offensichtlich in weiten Bereichen seines Lebensvollzugs von natürlicher Determination befreit. Der Blut-und-Klauen-Egoismus der subhumanen Tierwelt konnte
in einem langen Zivilisationsprozeß wenn schon nicht vollständig überwunden, so doch aber halbwegs verträglich kulturell gezähmt werden.
Purer genetischer Eigennutz
Eine solche Sichtweise ist allerdings aus zwei Gründen nicht befriedigend. Erstens ist theoretisch überhaupt nicht klar, wie das biologische Evolutionsgeschehen sich selbst gleichsam ausgetrickst haben könnte und Lebewesen zulässt, für die der biologische Imperativ nicht mehr gelten soll. Nein, der Naturgesetzlichkeit der natürlichen Selektion ist nicht zu entkommen, auch für Homo sapiens nicht. Aber auch aus empirischen Gründen ist die Annahme, daß menschliche Uneigennützigkeit als Beleg gegen die Geltung der Evolutionstheorie für den Menschen spreche, nicht plausibel, denn die Phänomene, von denen wir reden und um deren evolutionskonforme Erklärung wir ringen - fassen wir sie als Altruismus zusammen -, sind beileibe keine rein menschliche Angelegenheit. Wie jenes Murmeltier, das zwar durch einen Warnruf seinen Artgenossen rettet, aber genau deshalb eher selbst zum Opfer des Adlers wird. Warum bleibt es nicht einfach stumm?
Auch dieser Altruismus muß sich in Darwins große Welterklärung einfügen. Und er tut es auch. Das pfeifende Murmeltier rettet nämlich durch seinen Warnruf das Leben seiner Nachkommen und anderen Verwandten. Deshalb kann sich ein solch uneigennütziges Verhalten evolutionär durchsetzen, und zwar auf Grund einer einfachen, aber für die soziale Evolution überaus folgenreichen Tatsache. Die Verwandten dieses Murmeltieres haben mit statistisch bestimmbarer Wahrscheinlichkeit Kopien derselben Gene wie der Warnrufer selbst. Was sich also auf der Ebene des Verhaltens als altruistisch darstellt, entpuppt sich zugleich als purer genetischer Eigennutz: Wenn schon nicht die eigenen Gene Vorteile davon tragen, dann doch aber deren Kopien in den Körpern der genetischen Verwandtschaft.
Tief verwurzelte Kinderliebe
Warum kümmern sich Mütter (und Väter) im Regelfall eigentlich so rührend um ihre Kinder? Was für eine Frage! Schließlich gratifiziert es ungemein, Kinder um sich zu haben, sie sich entwickeln zu sehen und das Leben mit ihnen zu teilen. Und schließlich ist man in einer Gesellschaft groß geworden, zu deren traditionell tief verwurzelten Normenerwartungen auch die Kinderliebe gehört. Sicher. All diese Antworten sind nicht falsch, erklären aber nicht den soziobiologisch so überaus bedeutsamen Umstand, daß die Evolution überhaupt ein Motivationssystem geschaffen hat, das wir als Kinderliebe bezeichnen. Soziobiologie ernst zu nehmen bedeutet nun, Kinderliebe als evolutionär erfolgreiche, mithin genetisch eigennützige Strategie zu interpretieren.
Deswegen braucht sich keine Mutter, kein Vater diffamiert zu fühlen. Ihr aufopferungsvolles Verhalten ist Altruismus par excellence, und kein Soziobiologe wird elterliche Fürsorge herabwürdigen, auch wenn er darin eine vollkommen amoralische Strategie geistloser, egoistischer Gene erkennt, die eigene Persistenz bestmöglich sicherzustellen. Auch wer dem Spott zustimmt, wonach Fortpflanzung altruistischer Selbstmord auf Raten sei, muß anerkennen, daß dieser Selbstmord evolutionär erfolgreich ist! Es geht eben im Spiel der Evolution nicht um das Wohlergehen der Individuen (und der Gruppen und Arten schon gar nicht), sondern einzig um den Ausbreitungserfolg biologischer Programme, und das alles ohne erkennbaren Sinn und ohne definierbares Ziel. Einfach nur so.
Grundformel des Sozialverhaltens
Die altruistischen Tendenzen der Menschen (und anderer Tiere) folgen einem Gradienten. Je näher verwandt, desto bereitwilliger der altruistische Einsatz. Genetisch ist das leicht zu verstehen, weil mit abnehmender Verwandtschaft die Wahrscheinlichkeit gemeinsame Gene zu teilen ebenfalls abnimmt. Dies als erster erkannt zu haben, ist das Verdienst des Briten William Hamilton (1936-2000), den viele für den bedeutendsten Biologen des 20. Jahrhunderts halten. Von ihm stammt, was man die Grundformel des Sozialverhaltens genannt hat. In Prosa ausgedrückt, besagt sie, daß sich ein Lebewesen um so wahrscheinlicher altruistisch verhält, je enger der Nutznießer der Fürsorglichkeit mit ihm verwandt ist. Aber dies weiß der Volksmund schon lange, denn schließlich heißt es, Blut sei dicker als Wasser.
Soziale Kohäsion kennt also einen evolutionär gewachsenen Kitt, und der heißt Nepotismus - Verwandtenbevorzugung. Aus seiner Evolutionsgeschichte erklärt sich, warum überall auf der Welt soziale Strukturen um Verwandtschaftsstrukturen herum entwickelt sind, und deshalb erklärt sich auch, warum selbst in der Welt der Moderne mit ihren vorrangig nicht auf Verwandtschaft basierenden Sozialbeziehungen am Arbeitsplatz und in der Freizeit dennoch in persönlichen Krisensituationen auf Familiensolidarität ziemlicher Verlass ist. Wenn, was uns die Demographen prophezeien, Verwandtschaft zum knappen Gut wird, bedeutet dies nicht zuletzt auch dies: Ein naturgeschichtlich gewachsenes Fundament gelebter Solidarität wird brüchig. Allerdings ist Nepotismus nicht der einzige soziale Kitt, den die Evolution hervorgebracht hat.
Text: F.A.Z., 24.05.2006, Nr. 120 / Seite 34
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