Grundkurs in Soziobiologie (2)

Die Goldene Regel

Von Eckart Voland

Verpackte die Goldene Regel in philosophisch bedeutsame Worte: Immanuel Kant

Verpackte die Goldene Regel in philosophisch bedeutsame Worte: Immanuel Kant

06. Juni 2006 Zwar wurde sie von niemandem sonst in philosophisch so bedeutsame Worte gesetzt wie von Immanuel Kant, als er den Kategorischen Imperativ zu Papier brachte, aber als Idee scheint die „Goldene Regel“, so weit man weiß, in allen menschlichen Gesellschaften auf. Überall auf dem Globus, unter den unterschiedlichsten sozialen, kulturellen, ökologischen und spirituellen Regimes verspüren Menschen Intuitionen über das, was als fair und gerecht zu bewerten ist.

Und eine Komponente dieser Intuitionen ist das Wechselseitigkeitsprinzip. Auch ohne Kant gelesen zu haben und auch ohne überhaupt jemals eine Moralerziehung genossen zu haben, sind Menschen sich weitgehend einig, daß Fairness etwas mit sozialer Symmetrie zu tun haben muß. Das „Was Du nicht willst, was man Dir tu“ soll im weitgehenden Konsens über Völker und Epochen hinweg gespiegelt werden durch das „das füg' auch keinem anderen zu“.

Warum gibt es eigentlich Freundschaften?

Unser zweites Gesicht

Unser zweites Gesicht

Man kann sich dem Charme der Goldenen Regel nicht widersetzen. Sie gilt geradezu als unangefochtene Ikone der menschlichen Sittlichkeit. Stellt sich die Frage, warum die Goldene Regel denn eigentlich so häufig gebrochen wird, wo doch jeder, der Verstand und Herz hat, sie in voller Absicht befolgen sollte, um den sozialen Frieden und somit letztlich auch den eigenen Nutzen zu mehren. Moralskeptikern fällt die Antwort nicht schwer. Sie verweisen darauf, daß die reale Lebenswelt voller Anreizstrukturen ist, die Goldene Regel einfach zu vergessen.

Wenn deren Nichtbeachtung mit mehr Nutzen verbunden ist als ihre Beachtung, sind Menschen als opportunistische Nutzenmaximierer schnell bereit, die moralische Bremse zu lockern. Aber warum, so wird man dann fragen müssen, gibt es dann überhaupt die Idee der Wechselseitigkeit, und vor allem: warum gibt es auch ihre mehr oder weniger ausgeprägte Praxis im alltäglichen Vollzug? Welchen evolutionären Hintergrund könnte es haben, im Verfolg ureigenster Interessen sich auch den Belangen anderer zuzuwenden? Warum gibt es eigentlich Freundschaften?

„Der wahre Egoist kooperiert“

Die kurze Antwort lautet: Weil das Leben häufig bereithält, was man als „Nicht-Nullsummenspiele“ oder auch „win-win-Situationen“ bezeichnet. Ein einfaches Beispiel aus der Tiefe der menschlichen Geschichte, die sich bekanntlich zu 99,5 Prozent in Wildbeutergesellschaften abspielte (was nicht ohne Folgen für die menschliche Psyche auch in der Moderne geblieben ist). Stellen Sie sich vor: Als steinzeitlicher Jäger hatten Sie Jagdglück und konnten eine Gazelle erlegen. Ihr Nachbar allerdings hatte Pech und kommt mit leeren Händen zurück. Als rationaler Nutzenmaximierer sollten Sie bereitwillig von Ihrer Jagdbeute abgeben, denn dies sichert Ihrem Nachbarn das Leben, und es könnte ja sein, daß sich das Jagdglück morgen wendet. Ihr Nachbar wird aushelfen.

Wenn Sie teilen, investieren Sie also in Ihr eigenes Wohlergehen, auch wenn Sie dafür den Nachbarn als eine Art Versicherung instrumentalisieren. Über die Lebensspanne betrachtet ist in diesem Beispiel die Nachbarschaftshilfe eine win-win-Situation für zwei Egoisten. Und auch hier gilt wieder: Kein Soziobiologe will freundschaftliche Kooperation diffamieren, will warmherzige Sympathien zu kaltherzigen Egoismen umdefinieren. Dennoch gilt, daß sich das moralische Gut der Wechselseitigkeit als evolutionär logische Konsequenz eines unsentimentalen, amoralischen „Gen-Egoismus“ darstellt. „Der wahre Egoist kooperiert“, hat einmal ein kluger Kopf formuliert.

Ohne Vertrauen läuft nichts

So einfach ist es allerdings nur selten. Das Leben hält gemeinerweise manchmal Situationen vor, in denen, um einen langfristigen Nutzen zu erzielen, man zunächst in eine Beziehung investieren muß ohne sicher sein zu können, daß sich dies auch letztlich auszahlen wird. Warum sollte ich, um in obigem Beispiel zu bleiben, meine mühsam erwirtschafteten Erträge mit jemandem teilen, den ich überhaupt gar nicht kenne? Der mir bislang völlig unbekannte Bittsteller wird mir möglicherweise mit süßlicher Stimme verführerisch zuflüstern: „Gib mir ab! Ich werde mich revanchieren! Wir bilden ein win-win-Team!“. Das ist zweifellos ein attraktiver Geschäftsvorschlag für eine kooperative Lebensführung. Er hat nur einen Haken: Ich muß mich auf das Versprechen des Unbekannten verlassen können.

Als aufgeklärter Soziobiologe und auch als Moralskeptiker und Menschenkenner weiß ich natürlich um die Korrumpierbarkeit der moralischen Absichtserklärung. Mein Gegenüber wird möglicherweise nicht zögern, sein Kooperationsabkommen zu brechen, wenn er dadurch seinen persönlichen Gewinn noch mehr in die Höhe treiben kann. Dieses Problem ist in der Wissenschaft unter dem etwas merkwürdigen Namen „Gefangenendilemma“ bekannt. Der Clou ist: Kooperation, auch wenn sie sich langfristig auszahlen würde, kann nicht so ohne weiteres spontan entstehen, weil altruistische Vorleistungen, motiviert durch das kurzfristige Eigeninteresse des Partners, Gefahr laufen, ausgebeutet zu werden. Dies ist das Grundproblem der sozialen Evolution - auch der des Menschen: ohne Vertrauen läuft nichts.

Hier liegt der Ursprung der Strafe

Überschaubare, auf individueller Vertrautheit basierende Kleingruppen kennen deshalb auch nicht, was so kennzeichnend für die modernen Großgesellschaften ist, nämlich die Verelendung öffentlicher Güter. Wechselseitigkeit ist eben kein verläßlicher Kitt, um ultrasoziale Gemeinschaften zusammenzuhalten, denn die Mitglieder einer Population müssen sich lange genug kennen und müssen häufig genug aufeinandertreffen, damit sich personalisiertes Vertrauen als Voraussetzung für Wechselseitigkeit herausbilden kann. Wo dies gegeben ist, zum Beispiel bei den langlebigen, vergleichsweise wenig mobilen Großen Menschenaffen, rückt Wechselseitigkeit in den evolutionären Opportunitätsraum. Umfangreiche Studien an unseren nächsten genetischen Verwandten, den Schimpansen, haben eindrucksvoll deren konstruktive Kraft belegt. Schimpansen bilanzieren ihre sozialen Transaktionen.

Man weiß, wer abgibt und wem man deshalb selber abgeben sollte. Und wenn mal ein Schimpanse der Versuchung des Vertrauensbruchs erliegt, folgt die Strafe auf dem Fuß. Soziobiologen sprechen von moralischer Aggression. Diese entsteht nicht, wie Aggression sonst, aus der Frustration von persönlichen Verhaltenszielen, sondern erst nach einer langen Interaktionsgeschichte mit asymmetrischer und deshalb als unmoralisch empfundener Geben-Nehmen-Bilanz. Hier liegt der Ursprung der Strafe - oder der Erziehung. Und der ist, wie die Schimpansen lehren, geschichtlich wesentlich älter als die junge Fähigkeit des Homo sapiens zu ethischer Reflexion und philosophischer Rationalisierung der Goldenen Regel.

Der Grundkurs der Soziobiologie des Gießener Biophilosophen Eckart Voland erscheint zweiwöchentlich. Die erste Lektion heißt Grundkurs in Soziobiologie (1): Blut ist dicker als Wasser.



Text: F.A.Z., 07.06.2006, Nr. 130 / Seite 36
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa

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