Von Diemut Klärner
28. Juni 2006 Daß Kirchen Zuflucht bieten, ist guter christlicher Brauch. Als Refugium für Fauna und Flora sind die Gotteshäuser im Hochland von Äthiopien jedoch einzigartig. Traditionell stets von Bäumen umgeben, beherbergen sie oft das einzige Fleckchen Wald in weitem Umkreis. Die einst ausgedehnten Gebirgstrockenwälder im Norden Äthiopiens haben längst der Landwirtschaft weichen müssen. Nur dort, wo das Gelände so unzugänglich ist, daß sich weder hungrige Ziegen noch Brennholzsammler an den Bäumen vergreifen konnten, sind spärliche Reste bis heute erhalten geblieben.
Der Baumbestand der äthiopischen Kirchen liegt dagegen - gewöhnlich auf einer kleinen Anhöhe - in unmittelbarer Nähe der Dörfer. Als grüner Gürtel umgibt er einen mehr oder minder kreisförmigen Kirchhof, in dessen Mitte das Gotteshaus steht. Wie Alemayehu Wassie von der Universität Wageningen und Demel Teketay aus Kumasi in Ghana in der Zeitschrift Flora (Bd.201, S.32) berichten, lassen sich diese Haine den Baumwacholder- und Steineibenwäldern zuordnen. Neben den namensgebenden Zypressengewächsen bergen sie aber auch diverse Laubbäume. Die Forscher haben insgesamt etwa neunzig verschiedenartige Gehölze gezählt. Fast alle sind einheimischer Herkunft.
Kaum größer als ein Fußballfeld
Manche der kirchlichen Waldflächen sind mehr als einen Quadratkilometer groß, andere kaum größer als ein Fußballfeld. Viele der zugehörigen Gotteshäuser sind einige hundert Jahre alt; einige wurden jedoch erst vor wenigen Jahrzehnten errichtet, und einzelne stammen aus dem vierten Jahrhundert, der Gründungszeit der äthiopischen Kirche.
Östlich des Tana-Sees, der Quelle des Blauen Nils, zählt der Verwaltungsbezirk Südliches Gonder 1404 Kirchen. Sieben zugehörige Haine, bis zu 3100 Meter oberhalb des Meeresspiegels gelegen, haben Wassie und Teketay dort genauer unter die Lupe genommen. Dabei studierten sie nicht nur den Baumbestand, sie untersuchten auch die Pflanzensamen, die sich im Waldboden angesammelt haben.
Pro Quadratmeter etliche tausend Samenkörner
Dieses Reservoir enthält pro Quadratmeter oft etliche tausend Samenkörner. Neben einheimischen Gräsern und Kräutern finden sich auch weltweit verschleppte Arten wie die Rauhhaarige Wicke (Vicia hirsuta) und das ursprünglich aus Südamerika stammende Kleinblütige Franzosenkraut (Galinsoga parviflora). Von Ort zu Ort ist das Artenspektrum recht unterschiedlich. Mit Ausnahme des Baumwacholders (Juniperus procera) machen sich die Samen von Gehölzen jedoch überall rar.
Und wiederum mit Ausnahme des Baumwacholders erweisen sie sich nur selten als keimfähig. Weil ihre Samen so kurzlebig sind, sind alte, fruchttragende Bäume um so wertvoller. Sie garantieren nicht nur, daß sich die Haine rings um die Kirchen immer wieder regenerieren können und ihre Artenvielfalt erhalten bleibt. Als Relikte der landestypischen Flora bieten sie langfristig auch eine Chance, zerstörte Gebirgstrockenwälder hier und da wieder aufzuforsten.
Text: F.A.Z., 28.06.2006, Nr. 147 / Seite 42
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb