Verhaltensforschung

Wer, wenn nicht wir?

Von Joachim Müller-Jung

07. November 2006 Einer der Gründe, warum die Kritik an Darwins Evolutionstheorie nicht verstummen will, liegt in dem Phänomen namens "Social Brain" - soziales Gehirn. Wie konnte es in dem ewigen Wettbewerb der Organismen um Fitness und Fortpflanzung entwicklungsgeschichtlich zu Kooperationen, ja zum geradezu selbstlosen Handeln in sozialen Verbünden kommen? Was also geht in den Köpfen von Vampirfledermäusen vor, die hungernden Artgenossen ihre Blutmahlzeiten überlassen, was treibt Stichlinge dazu, sich gefräßigen Hechten paarweise zu nähern und deren Hunger auszuloten, und warum übernehmen Meerkatzen in ihrer Gruppe die Verantwortung, wenn sie um den möglichen Preis des eigenen Lebens die Artgenossen vor dem Angriff des Räubers warnen? Und was schließlich führte dann am Ende dazu, daß soziale Gemeinschaften entstanden wie die des Menschen, die den Egoismus als pathologische Abweichung, als asoziales Handeln rundweg ablehnen?

In seinem Buch "Prinzip Menschlichkeit" gründet der Freiburger Mediziner und Molekularbiologe Joachim Bauer seine deftige Darwin-Kritik auf dieser sozialen Erfahrung. Der Mensch kooperiere von Natur aus und sei deshalb auch biologisch nicht für den Kampf ums Überleben angelegt worden. Gibt es also womöglich ein biologisches Substrat des Sozialen, das Homo sapiens besonders auszeichnet? Gilt die Stammesgeschichte und damit das Ergebnis der Abstammungslehre, was Bauer durchaus zugesteht, dann sollte man zumindest Vorstufen und vielleicht sogar Verhaltensregeln in den Populationen finden, die das soziale Miteinander organisieren. Spieltheoretiker suchen nach solchen abstrakten Kooperationsmodellen im Computer und im Experiment. Und auch der Blick der Soziobiologen durch das Schlüsselloch der Evolution hat schon eine Reihe von sozialen Tiergemeinschaften ermöglicht, die in dieser Hinsicht als Modellorganismen dienen.

Soziale Toleranz im Tierreich

Die Honigbiene, deren Genom vor kurzem weitgehend entziffert wurde, zeigt dabei, welchen Weg die Forschung beschreitet: den der "Soziogenomik". Dabei geht es nicht nur darum, die an den sozialen Verhaltensweisen beteiligten Gene zu identifizieren, sondern auch deren Zusammenspiel mit Umwelt, Erziehung und Gedächtnis. Es geht um "soziale Netzwerke". Was nicht bedeutet, daß man auch danach forscht, ob es so etwas wie eine angeborene soziale Persönlichkeit geben könnte. In den "Proceedings" der Royal Society (doi:10.1098/rspb.2006.3734) von dieser Woche glauben beispielsweise französische Biologen der angeborenen "sozialen Toleranz" junger Waldeidechsen durch soziale "Transplantationen" in unterschiedliche Populationen auf die Spur gekommen zu sein. Die einen Tiere bevorzugen das enge Miteinander und suchen das auch in losen Gemeinschaften, während andere Individuen ihre Scheu auch in intakten sozialen Verbünden nicht ablegen.

Soziale Toleranz hat ganz offenbar auch im Tierreich etwas mit klaren Regeln und Kompromißbereitschaft zu tun, deren Befolgung ebenfalls in die Wiege gelegt sind. Dora Biro von der Oxford-Universität hat das am Beispiel von Brieftauben untersucht. Wie sie in der Zeitschrift "Current Biology" (Bd. 16, S. 2123) berichtet, werden bei den Vögeln schwierige Entscheidungen gemeinsam nach einer Art innerer Richtlinie getroffen. Die Tauben wurden paarweise auf die Reise nach Hause geschickt. Die beiden hatten allerdings auf früheren Flügen unterschiedliche Routen gelernt. Die Frage, welche Route die Tiere nun beim gemeinsamen Heimflug wählen, wurde nicht etwa durch einen Kampf geklärt, sondern war bei nur leicht abweichenden Flugstrecken schnell gefunden. Sie wählten eine Art Kompromißlinie zwischen den beiden Routen. Wichen die favorisierten Wege hingegen stark ab, übernahm eine der beiden Tauben ebenfalls umgehend und kampflos die Navigation und gab die Richtung vor.

Unterschiedlich geselligen Finken

Noch ist unklar, wie diese zweite, die "Anführer-Lösung", von den Brieftauben vereinbart wird. Noch weniger weiß man über die neurologischen Vorgänge, die dabei im Gehirn der Vögel ablaufen. Der Befund aber, daß sich soziales Verhalten letztlich in ganz bestimmten Hirnregionen oder spezialisierten Nervenzellen spiegelt, wäre alles andere als eine Überraschung. In "Science" (Bd. 313, S. 1310) beschrieben Hirnforscher unlängst ein Hirnareal, das für die soziale Kontaktaufnahme von Makakken unbedingt erforderlich zu sein scheint, in einem als anteriorer Gyrus cinguli bezeichneten Bereich im Limbischen Lappen der Großhirnrinde.

Der kalifornische Psychologe James Goodson will mit seiner Arbeitsgruppe an der University of California in Davis bei unterschiedlich geselligen Finken sogar die speziellen Nervenzellen gefunden haben, die die Sozialverträglichkeit der einzelnen Tiere bestimmen. Wie er in den "Proceedings" der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften kürzlich schrieb, verfügen schwarmliebende Vögel wie die Zebrafinken über deutlich mehr und deutlich aktivere Nervenzellen vom Typ "Vasotocin" als Verwandte, die das Einzelgängertum bevorzugen. Dieser soziale Kitt, den sie vermehrt herstellen, ist das Neuropeptid Vasotocin. Der entsprechende Botenstoff bei Säugetieren - Vasopressin - war neben Oxytocin in der Tat auch schon als der Stoff identifiziert worden, der beispielsweise die monogame Lebensweise beeinflußt oder Mäusen das Erkennen von anderen Tieren aus derselben Sippschaft überhaupt erst ermöglicht.

Revolutionen der Psycho-Genomik

Daß die Neuropeptide im Gehirn eine entscheidende Rolle spielen, vermutet man auch nach den ersten Auswertungen des Bienengenoms. Obwohl die Tiere in den hochgradig sozial organisierten Insektenstaaten kaum mehr als zehntausend Gene und damit sogar weniger als die einzeln lebenden Taufliegen besitzen, scheint der Reichtum an Neuropeptiden riesig: Mehr als zweihundert solcher Botenstoffe vermutet man im winzigen Bienenhirn, etwa hundert von ihnen wurden schon identifiziert, die mit der Bauanleitung aus alles in allem drei Dutzend bisher unbekannter Gene hergestellt werden. Trotzdem bleiben selbst die Bienenexperten skeptisch: Zwar sind offenbar in den verschiedenen Bienenkasten unterschiedliche Gene aktiv, und die Geschwindigkeit der Neukombination von Genen bei der Keimzellreifung ist unerreicht hoch im Tierreich, aber daß tatsächlich ganz bestimmte Gene die soziale Funktion bestimmen, wurde bisher nicht nachgewiesen.

Auf der Suche nach so etwas wie einer Genarchitektur des Sozialen wird man also weiter vordringen müssen. Und die Soziogenomik bekommt dabei längst auch von der Humanpsychologie Unterstützung. Auf der Heidelberger EMBL-Tagung "Genes, Brain, Mind and Behaviour" in der vergangenen Woche beschrieb Turhan Canli von der Stony Brook University in New York die "Revolutionen der Psycho-Genomik". Das Forschungsgebiet, das aus der Kognitionsforschung hervorging, hat sich beispielsweise vorgenommen, die Bewältigung von Streß in Gruppen und in einzelnen Menschen bis hinab zu den molekularen Vorgängen aufzuklären. Die Gründung von zwei internationalen Zeitschriften zeugt nach Überzeugung Canlis von dem Esprit der sozialen Neurowissenschaften.



Text: F.A.Z., 08.11.2006, Nr. 260 / Seite N1
Bildmaterial: ddp

 
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