Flugsaurier

Virtuos in den Lüften

Der Schädel verrät es: Flugsaurier hatten ein “Fliegerhirn“

Der Schädel verrät es: Flugsaurier hatten ein "Fliegerhirn"

04. November 2003 Flugsaurier haben sich außerordentlich geschickt in den Lüften bewegt. Möglicherweise waren sie so behende wie die Vögel und Fledermäuse heute. Zu diesem Ergebnis sind amerikanische Forscher bei detaillierten Untersuchungen an den Schädeln zweier Flugsaurier-Arten gekommen. Anhand der Form der Schädelhöhlen zogen sie Rückschlüsse auf die Ausprägung verschiedener Hirnstrukturen. Die Hirnstrukturen wiederum erlauben Aussagen über die Fähigkeit, Sinneseindrücke zu verarbeiten und in Bewegungen der Muskeln umzusetzen.

Über die Gehirne längst ausgestorbener Tiere weiß man nur wenig. Denn die weichen Strukturen des zentralen Nervensystems können schwerlich in fossiler Form überdauern. Das heißt aber nicht, daß die Forscher völlig ahnungslos bleiben müssen. Bei Säugetieren, Vögeln und Dinosauriern schmiegt sich das Gehirn eng an die Schädelhöhle. Die Einbuchtungen im Knochen entsprechen somit den Ausbuchtungen des Gehirns. Allerdings kann man auch diese verfestigten Strukturen im Schädelinnern oft nicht auswerten, will man die Funde unbeschädigt lassen. Als überaus hilfreich haben sich deshalb bildgebende Verfahren aus der Medizin erwiesen. So hat jetzt die Arbeitsgruppe um Lawrence Witmer von der Ohio University in Athens die Computertomographie für einen virtuellen Blick ins Innere von zwei Flugsaurier-Schädeln genutzt.

Abstimmung der Flügelbewegungen

Das eine Fossil, Rhamphorhynchus muensteri, kommt aus Deutschland. Der Flugsaurier von der Größe einer Krähe lebte im oberen Jura vor 163 bis 144 Millionen Jahren. Das andere Fossil, gefunden in Brasilien, repräsentiert die Art Anhanguera santanae. Es stammt aus der unteren Kreidezeit vor 144 bis 97,5 Millionen Jahren, ist also "moderner" als der "primitive" Rhamphorhynchus. Dieser Flugsaurier war auch wesentlich größer als sein europäischer Verwandter.

Das Gehirn von Flugsauriern ähnelt demjenigen der Vögel, ist aber im Verhältnis zur Körpermasse deutlich kleiner. Die amerikanischen Forscher sind nun auf weitere Besonderheiten gestoßen. Bei den untersuchten Arten sind demnach die sogenannten circulären Kanäle und der Flocculus außerordentlich groß ("Nature", Bd. 425, S. 910 u. 950). Die Kanäle sind Teil des Gleichgewichtssinnes. Aus deren Lage schließen die Forscher, daß Anhanguera im Gegensatz zu den älteren Flugsauriern seinen Kopf in einem Winkel von 30 Grad nach unten geneigt trug. Der Flocculus, das "Wölkchen", liegt an der Basis des Kleinhirns und ist unter anderem für die Koordination neuronaler Informationen von der Haut und den Muskeln zuständig. Die Gruppe um Witmer nimmt an, daß er bei den Flugsauriern den Datenstrom, der von den Flughäuten zum Gehirn floß, geordnet hat. So dürften die Saurier fähig gewesen sein, die Flügelbewegungen virtuos auf die jeweiligen Verhältnisse abzustimmen.

Text: R.W. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2003, Nr. 257

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