Von Dietmut Klärner
22. August 2006 Zecken sind dafür berüchtigt, beim Blutsaugen gefährliche Krankheitserreger zu übertragen. Unliebsam anhänglich sind sie jedoch nur kurzzeitig. Denn in allen drei Lebensphasen - als Larve, Nymphe und ausgewachsenes Tier - kommen sie jeweils mit einer einzigen Mahlzeit aus. Den größten Teil ihres Lebens verbringen sie damit, auf ein passendes Opfer zu warten. Dabei legen sie sich nicht nur geduldig auf die Lauer, sondern bisweilen steuern sie auch aktiv vielversprechende Duftquellen an. Das haben unlängst Emily Crooks und Sarah Randolph von der University of Oxford beim Holzbock (Ixodes ricinus) beobachtet. Diese Zeckenart ist in Europa weit verbreitet.
Holzböcke sitzen, die Vorderbeine erwartungsvoll ausgebreitet, mitunter tagelang an exponierten Stellen, zum Beispiel oft an der Spitze von Grashalmen. Früher oder später müssen sie jedoch wieder zum Erdboden hinabklettern, um dort ihre schwindenden Wasserreserven aufzutanken. Für das Studium der Mobilität am Boden setzten die Wissenschaftlerinnen sogenannte Nymphen ein. Diese jugendlichen Zecken, die sich nach einer Blutmahlzeit zum ausgewachsenen Holzbock häuten, sind nicht größer als ein Stecknadelkopf. In Behältnissen aus durchsichtigem Kunststoff einquartiert, blieben manche einfach regungslos sitzen. Die meisten wanderten jedoch binnen eines Tages mehr als zehn Zentimeter umher, unter Umständen durchaus zielstrebig.
Hundegeruch lockt Zecken an
Ein Gradient mit zunehmender Luftfeuchtigkeit erwies sich als attraktiv, wenn die Zecken unter Wassermangel litten. Ein Stückchen Mullbinde, das Hundegeruch verströmte, lockte wohlgenährte Exemplare ebenso an wie ausgehungerte ("The Journal of Experimental Biology", Bd. 209, S. 2138). Vermutlich kann sich ein Holzbock auf diese Weise an vielbegangenen Pfaden oder Wildwechseln postieren.
Allerdings waren die Zecken nur in feuchter Luft zu langen Fußmärschen in Richtung der verheißungsvollen Duftquelle bereit. In freier Wildbahn sind Zecken ebenfalls darauf bedacht, beim Umherkrabbeln nicht auszutrocknen. Gewöhnlich wählen sie für ihre Ausflüge deshalb die Abendstunden. Dank der niedrigen Umgebungstemperatur verlieren sie dann relativ wenig Wasser, obwohl sie bei körperlicher Anstrengung kräftig durchatmen müssen.
Sinneszellen als Augenersatz
Daß die Holzböcke dabei auf Licht reagieren, fanden Wissenschaftler der Universität Neuenburg heraus, als sie den Hell-Dunkel-Zyklus von 24 auf 12 Stunden verkürzten ("The Journal of Experimental Biology", Bd. 206, S. 1809). Unbeirrt setzten sich die meisten Tiere auch weiterhin dann in Bewegung, wenn die Beleuchtung schwächer wurde.
Ein Holzbock hat zwar keine Augen im Kopf. Bei detaillierten anatomischen Untersuchungen stießen die Schweizer Forscher jedoch auf spezielle Sinneszellen, die über die Lichtintensität Auskunft geben. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht, sitzen jeweils zwanzig solche lichtempfindlichen Zellen am linken und am rechten Rand des Zeckenkörpers. Nicht nur die Nymphen, auch die Larven und ausgewachsenen Tiere sind derart ausgestattet. Letztere könnten einen zusätzlichen Nutzen daraus ziehen, daß sie sich pünktlich bei Einbruch der Dunkelheit auf Wanderschaft begeben: Wenn Weibchen und Männchen zur selben Zeit am Waldboden unterwegs sind, dürften die Erfolgschancen bei der Partnersuche steigen.
Text: F.A.Z., 23.08.2006, Nr. 195 / Seite 32
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