Artenschutz

Was kostet die Welt, wer hat so viel Geld?

Von Joachim Müller-Jung

08. Mai 2008 Wenn es einer neuen Statistik oder vielleicht besser eines frischen Namens bedurfte, der beweist, dass wir in eine neue grüne Zeitrechnung eingetreten sind, hier ist er: Pavan Sukhdev, der Fünf-Billionen-Dollar-Mann. Der Ökonom aus Indien ist der lebende Beweis, dass die kühlen Rechner des Marktes mit ihren schneidigen Krawatten und dem smarten Ökogewissen vielleicht am Ende doch die erfolgreicheren, auf jeden Fall die angesagteren Umweltschützer sind.

Progressiver denkt er sowieso. Und damit liegt er ganz auf der Linie des Branchenprimus, Sir Nicholas Stern, der sich vergangenes Jahr als Weltbankökonom an die Spitze der Klimaschutzbewegung gesetzt hat – ja die Klimapolitik vermutlich erst zu dem gemacht hat, was sie nun mit Vehemenz zu werden verspricht: eine globale Megaindustrie.

Hoffnungsträger Maulbrüterfrosch stirbt aus

Pavan Sukhdev hält es mehr mit den Wäldern und dem Maulbrüterfrosch. Die traurige Geschichte dieses Tierchens steht für das weltumspannende Drama, das seit Jahrzehnten in Expertenzirkeln diskutiert, von Umweltaktivisten skandalisiert und dennoch von der großen Politik nicht wirklich durchgreifend aufgegriffen wird. Dieses Drama handelt vom Aussterben der Arten, vom Verlust der Natur und ihrer Vielfalt, von, wie es der amerikanische Ökologe Edward O. Wilson in den achtziger Jahren formulierte, der Biodiversitätskrise unseres Planeten.

Der Maulbrüterfrosch ist in diesem Stück nur eine Fußnote. Aber eine extrem berührende. Erst in den achtziger Jahren wurde der Lurch in Australien entdeckt. Weil er seinen Nachwuchs nicht wie seine Artverwandten im Wasser oder auf dem Rücken ausbrütet, sondern im eigenen Magen, hatte man sich schnurstracks an seine Fersen geheftet. Die Forschung fand ein Magensekret, das offensichtlich die Zersetzung des Laichs durch die Magensäure verhindert – ein hoffnungsvolles neues Mittel gegen Magengeschwüre zeichnete sich über dem Froschhimmel ab. Doch ehe man dem Geheimnis endgültig auf die Spur kam, mussten die Studien abgebrochen werden. Die Magenbrüter starben aus.

Report für die Biodiversitätskrise soll erstellt werden

Wenn es nach Pavan Sukhdev geht, stehen hinter solchen evolutionären Bruchlandungen künftig nicht mehr nur Vokabeln des Entsetzens, nicht nur Begriffe wie Desaster oder Ökomassaker. Dann stehen da auch erdrückende Zahlen mit Dollarzeichen, die schmerzen sollen. Sukhdev wurde auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm im vorigen Jahr beauftragt, eine Art Stern-Report für die Biodiversitätskrise zu erstellen. Die Preisberechnung der Naturzerstörung ist das Ziel, oder politisch-ökonomisch gewendet: die Inwertsetzung der Ökosystem-Dienstleistungen.

Eine Forderung, die schon vor Jahrzehnten die Naturkonservativen mit radikalökologischen Linken und grünen Vordenkern verband. Längst kursieren auch solche Zahlen. Die Weltnaturschutzunion IUCN zum Beispiel ist überzeugt, dass die Dienste der Natur nicht weniger als 16, womöglich an die 64 Billionen Dollar pro Jahr wert sind – wert wären, könnte man sie in Rechnung stellen. Zum Vergleich: Das Welt-Bruttoinlandsprodukt liegt derzeit jährlich bei überschaubaren 18 Billionen Dollar. Nur will offenbar den Naturschützern niemand so recht diese Generalumweltbilanz abnehmen.

Sukhdev soll Weltnaturschutz endlich zu Taten drängen

Nun soll also Sukhdev der Mann sein, der den Befreiungsschlag für die Ökologen wagen und die Weltnaturschutzpolitik endlich zu Taten drängen soll. Als Chef des Londoner „Global Market Centre“ der Deutschen Bank hat der Achtundvierzigjährige nebenberuflich in Indien eine Umweltbewegung mit Namen „Green Indian States Trust“ gegründet, die dort bereits eine nationale Pilotstudie abgeliefert hat. Ergebnis: 550 Millionen Inder gelten ökonomisch als vom Verlust der Biodiversität bedroht.

Die ersten Ergebnisse seiner globalen Metastudie will er auf der in zehn Tagen beginnenden Biodiversitätskonferenz der Vereinten Nationen in Bonn vorstellen. Es wird wohl ein Feuerwerk der Zahlen. In Mainz, auf der Sonderkonferenz der Länderumweltminister, hat Sukhdev nun zum ersten Mal Details der TEEB-Studie („The Economics of Ecosystems and Biodiversity“) offengelegt. Die Kernaussage ist ein Déja-vu der Klimadebatte: Schnell gegensteuern, es lohnt sich. Bis zum Jahr 2050 drohten durch das Artensterben globale „Wohlfahrtsverluste“ von 7,1 Prozent, verglichen mit den Einkommensverhältnissen des Jahres 2000.

Größter biologischer Ressourcenschwund in artenreichen Tropen

In Sukhdevs Zukunftsvision „Politischer Stillstand“ – bezeichnenderweise die These seines wichtigsten Modells – schrumpft das Kapital Natur sukzessive. Und besonders dramatisch in Boomländern wie Indien, China, in vielen Einzelstaaten Süd- und Nordamerikas und in Zentralafrika. Hauptindikator ist dabei der „mittlere Artenreichtum“. Den größten biologischen Ressourcenschwund ortet Sukhdev erwartungsgemäß in den artenreichen Tropen, doch auch Europas ökomerkantile Wertverluste werden in dem Zwischenbericht als überdurchschnittlich beziffert: Mit einer Artenschwundrate von 0,3 Prozent im Jahr liegt die Europäische Union ein Drittel über dem globalen Mittelwert. Hauptursachen: Infrastruktur, also Flächenversiegelung, mit einem Anteil von elf Prozent, Klimawandel (3 Prozent) und gleich dahinter die Landwirtschaft.

Dass Ökonomen in solchen beunruhigenden Bilanzen dennoch auch Chancen erkennen oder jedenfalls danach suchen, ist vielleicht der Grund, weshalb sich politische Köpfe wie Umweltminister Sigmar Gabriel nun von den Meta-Ökobilanzen neue „Schubkraft“ versprechen. Fünf Billionen Dollar jährlich würden bereits heute mit Naturschutzgebieten weltweit erwirtschaftet, rechnete Sukhdev vor, die Autoindustrie bringe es auf allenfalls 1,9 Billionen, die Informations- und Software-Industrie auf 942 Milliarden und das Stahlgewerbe auf 530 Milliarden. Da steckt also einiges drin. Und womöglich noch viel mehr. Sukhdevs ökologisches Finanzinstrumentarium sieht über kurz oder lang vor: Bio-Banken, Feuchtgebiets-Anlagen und Kreditbriefe für gefährdete Arten. Vorbei also die Zeit, da die Wohlgesinnten den Wert der Natur für unschätzbar hielten? Gewiss nicht, aber die neuen Ökokaufleute haben eindeutig Oberwasser.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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