Spitzbergen

Das Klassenzimmer für den globalen Klimawandel

Von Joachim Müller-Jung

Forschungszentrum auf 79 Grad Nord: Ny Alesund mit seinen sechzig Gebäuden, die Hälfte davon ehemalige Baracken für Minenarbeiter

Forschungszentrum auf 79 Grad Nord: Ny Alesund mit seinen sechzig Gebäuden, die Hälfte davon ehemalige Baracken für Minenarbeiter

26. Juni 2009 , Ny Ålesuns. Auf halbem Weg zwischen Hafen und der ersten Baracke hängt jetzt eine Überwachungskamera. Die ist gut geschützt und, wer weiß, vielleicht sogar beheizt, wenn in der Übergangszeit zum arktischen Sommer die Temperaturen immer noch tief in den Keller rutschen können. In diesem Frühjahr war das eher üblich. Erst seit drei, vier Wochen, berichten die Forscher, ist der Kongsfjord eisfrei. Zum ersten Mal wieder seit ein paar Jahren steht der Schnee zur Sommersonnenwende noch brusthoch zwischen den sechzig Hütten der Siedlung.

Für die Bewohner von Ny Ålesund heisst das aber nicht viel, jedenfalls heisst es nicht, dass es nun schon wieder vorbei ist mit Klimawandel und Polareisminima. Vielmehr gilt: Am Klimawandel hängt hier fast alles, und vom Klimawandel hängt vieles ab. Hier, in der nördlichsten zivilen Siedlung der Welt, zugleich Nabel der Nordpolarforschung seit den Zeiten der großen Nordpolexpeditionen von Roald Amundsen und Umberto Nobile in den zwanziger Jahren, ist eines der exklusivsten Klassenzimmer der Klimaforschung entstanden. Und die Klasse wird größer und größer .

Eine ehemalige russische Minensiedlung

Das „blaue Haus”, Zentrum der deutsch-französischen Forschungsstation

Das „blaue Haus”, Zentrum der deutsch-französischen Forschungsstation

Wenn man so will, ist sogar die neue Überwachungskamera der norwegischen Verwaltung vor der Anlegestelle Ausdruck dieser Expansion. Hier werden nicht die immer noch gefürchteten Eisbären überwacht und weniger die Forscher, die in den Tagen und "Weißen Nächten" des arktischen Sommers ihr wissenschaftliches Programm abspulen, sondern der Strom der Touristen. Mehr als 27 000 waren es allein im vergangenen Sommer, an die fünfeinhalb tausend allein in dieser Woche vor der Sonnenwende. Die allermeisten davon sind Kreuzfahrtpassagiere - 2008 waren es 180 mittelgroße und 25 Schiffe, darunter moderne Kähne mit bis zu 3500 Leuten an Bord. Sie alle wollen, in einigermaßen überschaubaren Grüppchen auftgeteilt, auf ihrem kurzen Landgang etwas über die Forschung, vor allem aber über die dramatischen Umweltveränderungen hier am Zipfel der europäischen Arktisforschung erfahren.

Vor fünf Jahren waren es zehntausend Besucher weniger. Und wenn erst einmal die inzwischen geschlossenen russischen Minensiedlungen Pyramiden und Barentsburg hinzukommen, wo man nach einem Brand im vergangenen Jahr offenbar ernsthafte Pläne für die touristische Erschließung verfolgt, rechnet man mit einer weiteren Reisewelle. Der Gouverneur von Spitzbergen, "Sysselmann" Per Sevland, sieht das Ganze mit gemischten Gefühlen, wie alle hier im Hohen Norden: "Wir werden durch den Klimawandel viel an die Natur verlieren, die Eisbarrieren geht verloren, die Erosion bringt Landschaften und Gebäude in Gefahr, aber wir werden auch neue Schiffs- und Segelrouten bekommen, Möglichkeiten für Kajakliebhaber und andere Abenteuertouristen."

Viele Projekte, wachsende Infrastruktur

Schadstoffe im Rot-Kreuz-Bau: Die Forscher testen jetzt auch Eigenemissionen

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Tatsache ist allerdings auch, dass man nicht beliebig expandieren kann. Die Regierung Norwegens hat sechzig Prozent Spitzbergens unter mehr oder weniger rigiden Naturschutz gestellt. Ihr Auftrag und Mandat lautet nach dem vor mehr als achtzig Jahren von vierzig Staaten unterzeichneten Svalbard-Vertrag, die sensible Umwelt der Inselgruppe auf Dauer zu schützen. Das ist schon im Umfeld der wichtigsten Siedlung etwas weiter südlich, Longyearbyen mit seinen inzwischen knapp zweitausend Einwohnern aus mittlerweile vierundzwanzig Nationen, nicht mehr einfach. Für das Forscherdorf Ny Ålesund, das ebenso wie Longyearbyen vor hundert Jahren mit dem Kohlebergbau groß geworden war, wird es zum echten Prüfstein.

Die Betreiber der zehn nationalen Forschungsstationen sind gegenüber dem Arktistourismus mittlerweile ebenso zwiegespalten wie die staatlich-norwegische Auftragsfirma "Kings Bay", die das Forschungszentrum und seine Umgebung im Hohen Norden verwalten und in Schuss halten soll. Bodil Paulsen von Kings Bay spricht über ein mögliches Verbot für große Kreuzfahrtschiffe im Kongsfjord, das derzeit im Parlament auf Ny Ålesund und in Oslo diskutiert werde. "Die Verschmutzung der Natur und der Luft, aber auch die Unfallgefahr nehmen zu", sagt sie, "doch sicher sind wir nicht, was wir tun sollen". Der Grund: Mit Anlege- und Besuchsgebühren kassiert man pro Tag und Wissenschaftler gute 35 Euro. Einnahmen, die für die anschwellende Infrastruktur und Logistik gut angelegt wären.

Auf polarem Außenposten

Waffe ist Pflicht, zum Schutz vor Eisbären: Forscherinnen radeln zur Arbeit

Waffe ist Pflicht, zum Schutz vor Eisbären: Forscherinnen radeln zur Arbeit

Für Projekte etwa wie das vor wenigen Jahren fertig gestellte Meereslaboratorium am Hafen, das in diesen Tagen nicht zuletzt von den zahlreichen deutschen Polar- und Meeresforschern genutzt wird. Bei Marcus Schumacher, Geograph und Stationsleiter des "Blauen Hauses" - so der Name der deutsch-französischen Station -, sind schon 47 Projekte allein des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) für dieses Jahr angemeldet worden. "Wir sind ausgelastet", sagt Schumacher. Keine andere Forschungsnation, die Norweger mit dem Nordpolar-Institut als Platzhirsch ausgenommen, schickt so viele, vorwiegend junge Wissenschaftler zu dem polaren Außenposten.

Zusammengerechnet kamen die deutschen Forscher im vorigen Jahr auf gut 2700 Forschungstage - ein Fünftel des gesamten Kontingentes. Indien hat als jüngste Forschungsnation vergangenes Jahr eine eigene Station eingerichtet, und die Chinesen mit ihrer "Yellow River Research Station" wollten jüngst fünfzig Forscher auf einmal nach Ny Ålesund bringen. "Das hätte die Kapazitäten hier gesprengt und wurde deshalb abgelehnt", sagt Schumacher. Erkundungen für ein neues Gästehaus laufen zwar, aber bevor das Forscherdorf weiter vergrößert wird, muss das Parlament in Oslo entscheiden. "Allmählich könnten die Belastungen durch die Forscher selbst zum Problem werden", sagt Bodil Paulsen, zumal für die Analysen mit den empfindlichen Luftmessgeräten auf dem Gipfel des Zeppelinbergs, wo man Dutzende Schadstoffe und seit den neunziger Jahren auch das umweltpolitisch und forschungsstrategisch so bedeutende Kohlendioxid misst.

Facetten der Polarforschung

"Das Internationale Polarjahr 2007/ 2008 hat sicher einen Schub an Aktivitäten hier bewirkt", so Schumacher. Als entscheidender Entwicklungsfaktor freilich wird überall, wo man hinhört auf Spitzbergen, der Klimawandel genannt. Am Universitätszentrum "Unis" in Longyearbyen, das vor Norwegen gezielt zur Stärkung der Polarforschung und damit als neues Standbein für die allmählich trudelnde Kohleförderung eingerichtet hat, arbeiten mittlerweile an die vierhundert Studenten und Doktoranden aus 26 Staaten. Ein Sechstel der Einwohner zählt nun zum akademischen Milieu, wo früher fast ausschließlich Kohlekumpels lebten.

Für die dreiundzwanzig Plätze in der "Fieldschool", die Unis dieses Jahr anbietet, sind mehr als 230 Bewerbungen eingegangen. Ein Andrang, den Christin Kristoffessen von Unis "zu fast hundert Prozent" auf die Klimawandelforschung zurückführt: "Die globale Erwärmung setzt die Agenda." Das ist auch für die etablierten Wissenschaftler nicht anders. Christian Wiencke vom Alfred-Wegener-Institut beispielsweise, ein Meeresökologe und Spezialist für Makroalgen, führt mit seiner Polarforschung eine der publikationsträchtigsten Gruppen am AWI. Und die Klimaforschung bietet immer neue Ansätze. Gletscherforschung, Meeresversauerung - die Themenpalette wird stetig ausgebaut

In diesen Tagen sind seine jungen Mitarbeiterinnen im Meereslabor damit beschäftigt, die Auswirkungen von Ultraviolettstrahlung, steigenden Temperaturen und Ozeanversauerung an Algen, Schwämmen und Muscheln zu untersuchen. Die im Fjord herausgefischten Proben werden in dem hochmodernen Labor unterschiedlichen Bedingungen ausgesetzt und diversen Tests bis hin zu molekularbiologischen Analysen unterworfen. Die Grönland-Muschel beispielsweise wird Wasserverhältnissen ausgesetzt, die in vielen Jahrzehnten bis Jahrhunderten erwartet werden - unter allerdings pessimistischen klimapolitischen Szenarien. Einem Säurewert, der einer Verdoppelung des gegenwärtigen Kohlendioxidgehalts der Luft entspricht und zwei weiteren, noch deutlich saureren Milieus. Tendenz: "Die Tiere reagieren deutlich weniger tolerant als etwa verwandte Muscheln der gemäßigten Breiten, die ab und zu schon mal Austrocknung und anderen Umweltstress überstehen müssen", sagt Axinja Stark, eine von Wienckes Doktorandinnen.

Forschung statt Kohle

Die Grönland-Muschel-Studie ist Teil eines europäischen Projektes, "Epoca", in dem man mit Frankreich, England und den Niederlanden zusammenarbeitet. Solche Kooperationen sind es, die Norwegens Verwaltung als Lösung des ökologischen Dilemmas immer intensiverer Forschung befürwortet - und Europa auch derzeit deutlich forciert.

Norwegens aktuelle Forschungsministerin Tora Aasland gibt sich optimistisch: "Die Ablösung der Kohle durch Forschung war eine politische Entscheidung, und nun wollen wir die Arktisforschung weiter ausbauen", sagt sie. Zwei aktuelle Weißbücher der Regierung zur Forschung einerseits und zur Entwicklung Spitzbergens andererseits lassen keinen Zweifel, dass Norwegen die Gunst der Stunde nutzen will. "Wir laden mehr Länder ein, auf Spitzbergen zu forschen", sagt sie fast euphorisch und erzählt von den neuesten Erkundungen zur Lagerung der Treibhausgase aus dem Kohlekraftwerk in Longyearbyen im Untergrund und von Solarenergieprojekten, die sie sich auf ehemaligen Solarenergieplätzen vorstellen kann.

Was sich die Politikerin der Sozialistischen Linkspartei allerdings gar nicht als Vision vorstellt, sei eine weltweit konkurrenzlose polare Forschungsarena mit "Kuwait-Wirtschaft". Mit anderen Worten: Private Profiteure des Polarbooms, die ihr Interesse vor allem an den noch unerschlossenen Öl- und Gasvorkommen ausrichten, werden als Investoren nicht geduldet.

Mittel der Europäischen Union freilich schon. Gespannt sieht man etwa an diesem Mittwoch nach Brüssel, wo der "Europäische Polargipfel" mit einem Memorandum zur Erweiterung der Arktis- und Antarktisforschung seinen Abschluss finden soll. Ein willkommenes Projekt ist auch das "Svalbard Integrated Arctic Earth Observing System", an dem mehr als vierzig Institute aus sechzehn Ländern, und zuletzt vor wenigen Wochen auch das Bundesforschungsministerium, ihre Unterstützung bekundet haben.

Dabei geht es vor allem um den Ausbau und die Verstetigung der Atmosphärenmessungen. Fünf Millionen Euro, sagt der deutschstämmige Koordinator Georg Hansen vom norwegischen Forschungsrat, erwartet man als Anschubfinanzierung aus Brüssel. "Zur Aufrechterhaltung der kontinuierlichen Messungen müssen sich dann aber die Länder engagieren." Gesichert ist die Finanzierung keineswegs. Aber Hansen und Ministerin Aasland, die Spitzbergen mal als "Brennpunkt der arktischen Klimaforschung", mal als "wissenschaftlicher Inkubator" oder als "Labor der Welt" preisen, machen nicht den Eindruck, als würden sie ernsthaft mit Absagen rechnen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Joachim Müller-Jung

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