Von Reinhard Wandtner
23. April 2008 Größer, schneller, schwerer – Steigerungen sind auch in der Biologie beliebt. Sie helfen Forschern, ihr Untersuchungsobjekt gegenüber anderen hervorzuheben. Am begehrtesten ist die höchste Form der Steigerung, der Superlativ. Dieser ist in der vergangenen Woche einer Fichte in Schweden zuteil geworden. Der Schwedische Forschungsrat verbreitete ein Foto des auf einsamer Flur wachsenden Exemplars und teilte mit, das Gewächs sei 9550 Jahre alt und damit der älteste Baum der Welt. Weil die Fichte aber erstaunlich jung wirkt, keimten Zweifel.
Leif Kullman von der Universität Umeå, auf dessen Untersuchungen die Mitteilung beruht, räumte auf Nachfrage ein, der auf dem Bild aufragende Baumstamm sei tatsächlich weniger als hundert Jahre alt. Wurde also dreist übertrieben? Nicht unbedingt. Die Besonderheiten im Wachstum des Baumes bringen es nämlich mit sich, dass sowohl das hohe als auch das niedrige Alter zutrifft. Sie mahnen aber allgemein zu Vorsicht bei der Vergabe von Methusalem-Orden an Bäume, denn leicht kommt es zu missverständlichen Angaben.
Uraltes Krummholz
Die rekordverdächtige Fichte, die im Bergland der mittelschwedischen Provinz Dalarna entdeckt wurde, fristet größtenteils eine Existenz im Verborgenen. Ihr aufragender Stamm mit Krone ist nur der jüngste Auswuchs eines am und im Boden kriechenden Vegetationskörpers. In solch geduckter Form, als Krummholz, hat die Fichte offenbar Jahrtausende überdauert. Aufgrund ihrer Fähigkeit zur vegetativen Vermehrung sind dabei immer wieder neue Triebe herangewachsen, während alte Teile abstarben. Die Wissenschaftler haben jedenfalls Reste von vier früheren Generationen gefunden. Die Datierung, für die das Radiokohlenstoffverfahren genutzt wurde, ergab ein Alter von 375, 5660, 9000 und 9550 Jahren.
Bei der vegetativen Vermehrung entstehen Nachkommen mit identischem Erbmaterial, also Klone. Den schwedischen Forschern zufolge ist der jetzt existierende Baum somit ein Klon der ältesten Generation. Ihm ein entsprechend hohes Alter zu attestieren ist dennoch zumindest missverständlich. Eher angebracht erscheint es, von einem Klon mit einer 9550 Jahre langen Geschichte zu sprechen. Dann schwindet allerdings das Sensationelle dahin. Denn allein in der Bergwelt Schwedens gibt es erstaunlicherweise eine ganze Reihe ähnlich alter Fichtenklone: Den Forschern sind rund 20 mit einem Alter von mehr als 8000 Jahren bekannt. Und in Tasmanien hat man Klone der Baumart Lagarostrobos franklinii (Huon Pine“) gefunden, die auf einem angeblich sogar 10.500 Jahre alten Wurzelstock wachsen.
Hitliste der Methusalems
Sinnvoll, da vergleichbar, sind Altersangaben im Grunde nur, wenn sie sich auf ein Baumindividuum beziehen. Unter dieser Voraussetzung wird die Liste der Methusalems von viel stattlicheren Kandidaten als der schwedischen Fichte angeführt. Eine eindrucksvolle Sammlung präsentiert der amerikanische Baumkundler Neil Pederson von der Eastern Kentucky University im Internet (www.rmtrr.org). Den Rekord hält demnach eine Langlebige Kiefer (Pinus longaeva) auf dem Wheeler Peak (Nevada). Sie wurde auf 4844 Jahre datiert. Den zweiten Rang mit 4789 Jahren nimmt eine Kiefer derselben Art im Methuselah Walk (Kalifornien) ein. Die Bronzemedaille gebührt einer Patagonischen Zypresse (Fitzroya cupressoides) in Chile. Ihr wurde ein Alter von 3622 Jahren bescheinigt.
Die Bäume wurden anhand der Jahrringe im Holz datiert, wobei zur Absicherung weitere Hölzer einbezogen wurden. Dieses als Kreuzdatierung bezeichnete Verfahren gilt als das zuverlässigste. Ist ein Baumstamm innen morsch, kann man anhand der äußeren Jahrringe auf das Alter schließen. Die Extrapolation führt aber leicht zu einer Überschätzung, weil die intakten äußeren Ringe meist dünner sind als die inneren. Eignet sich ein uralter Baum auch hierfür nicht, kommt eine Radiokohlenstoffdatierung in Frage. Sie ist ebenfalls mit einer gewissen Ungenauigkeit verbunden. In jedem Fall gilt es zu vermeiden, dass der Wunsch, einen Baum-Methusalem zu küren, die wissenschaftliche Sorgfaltspflicht untergräbt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Leif Kullman
