Orchideenzüchtung

Tropen fürs Volk

Von Iris Gutiérrez

Blüten einer Phalaenopsis-Orchidee

Blüten einer Phalaenopsis-Orchidee

15. Juni 2009 Der Raum ist erfüllt vom süßlichen Geruch reifer Bananen. Aber eine Obstschale oder ein Duftspender ist weit und breit nicht zu sehen. Stattdessen verbreitet Dampf das Aroma. Er dringt aus metallenen Druckbehältern, in denen Nährmedien für die Orchideenzucht gekocht werden. Diese Medien enthalten Bananenbrei, damit sie "unseren Pflanzen Vitamine liefern", sagt Karl-Heinz Lapornik. Der Gartenbauingenieur ist Vertriebsleiter im Orchideen-Speziallabor Hark im beschaulichen Lippstadt in Westfalen.

Der Name "Speziallabor" lässt vermuten, dass die Aufzucht von Orchideen ungleich schwieriger ist als etwa die Vermehrung von Gerbera: Blumen verblühen lassen, Samen ernten und aussäen - das klappt bei den Exoten nicht. An eine Gärtnerei erinnert diese Pflanzen-Produktionsstätte auch herzlich wenig, bei Hark findet man wider Erwarten keine prachtvollen Blütenmeere. Die OrchideenVermehrungsanstalt strahlt den Charme einer Lagerstätte für eher reizlose Wohnaccessoires aus: große Hallen mit mehrstöckigen Regalen, zwischen denen Arbeiterinnen geschäftig hantieren. Überall stapeln sich Plastikbecher rätselhaften Inhalts, dessen Farbe immerhin Grün ist. Das sollen Orchideen sein? Die begehrten Luxusgeschöpfe?

Strikte Arbeitsteilung

Blüten einer Phalaenopsis-Orchidee

Blüten einer Phalaenopsis-Orchidee

Auf der knapp 18 000 Quadratmeter großen Laborfläche des Betriebs ist nicht eine blühende Rispe zu entdecken. Hark produziert lediglich Junggewächse, die an andere Zuchtbetriebe weiterverkauft werden, aber das in Massen. Eine Gärtnerei treibt die gereiften Orchideen schließlich zur Blüte, kurz bevor sie dann im Baumarkt oder bei Ikea zum Verkauf stehen. Orchideenzucht beruht auf Arbeitsteilung: "Die Jungpflanzen sind ein sehr sensibles Produkt, daher wird das Risiko verteilt", sagt Lapornik. Erst nach eineinhalb bis zwei Jahren verlassen die Zöglinge den Betrieb in Lippstadt. Bis zur Blütenpracht vergehen nochmals zwei Jahre, zumindest bei der Gattung Phalaenopsis, die etwa 80 Prozent der angebotenen Orchideen ausmacht.

Den Anfang dieses produktiven Treibens macht das Labor. Auf Insekten, die, angelockt von Duftstoffen, Orchideenblüten bestäuben, kann man hier getrost verzichten. Samen werden für die Massenware Phalaenopsis nicht mehr benötigt, denn die natürliche Vermehrung ist einfach zu kompliziert: Orchideen bilden Samen zwar sehr zahlreich, aber diese sind mikroskopisch klein und enthalten keine Nährstoffe, von denen ein Keimling zehren könnte. Dessen Versorgung übernimmt stattdessen ein symbiotischer Pilz, der sich wie eine Amme um den Pflanzenembryo kümmert. Ohne Pilz also keine Orchidee.

Ein neues Zuchtverfahren

Die Kultivierung der Samen scheiterte früher daran, dass die Gewächshäuser nur selten auch den passenden Pilz beherbergten. Bis dieser Zusammenhang entdeckt wurde, vergingen Jahrzehnte. Noch in den 1940er Jahren wurden beinahe alle Gewächse der Gattung Phalaenopsis in ihren tropischen Ursprungsländern wie Indonesien oder den Philippinen gesammelt und zu Tausenden nach Europa exportiert. Selbst wenn es gelang, Pilz und Sämling gleichzeitig zu ziehen, war das Experiment nur selten von Erfolg gekrönt. Am Ende überwucherte oft der Symbiont die Pflanze, und man ging dazu über, ihn durch gehaltvolle Nährmedien zu ersetzen. Damit hielten Laborgesetze Einzug in die Gewächshäuser: Medien und Samen müssen steril sein, um nicht wieder Mikroorganismen statt Orchideen zu kultivieren.

Die Sehnsucht nach mehr Exotik in den sechziger Jahren inspirierte wohl auch die Botaniker. Sie entwickelten damals ein Zuchtverfahren, das bis heute Bestand hat und ungeahnte Bedeutung erhielt. Als äußerst ergiebige Quelle für vermehrungsfähiges Zellmaterial entdeckten sie das Meristemgewebe, das unter den sogenannten Nodien, Wachstumsknoten, der Blütentriebe verborgen liegt. Diese Meristemzellen sind undifferenziert und lassen sich mit Pflanzenhormonen zur Teilung anregen. Allerdings macht auch in diesem Fall die Dosis das Gift: Ist die Hormonkonzentration im Nährmedium zu hoch, gedeihen Blütenmutanten mit drei Lippen, verdrehten Formen oder der falschen Farbe.

Im Orchdeenlabor

Die Rezeptur entscheidet über ihren Erfolg, deshalb machen Zuchtlabore aus der genauen Zusammensetzung ein Staatsgeheimnis: "Standardnährmedien aus dem Katalog gehen nicht", sagt Lapornik, denn "die Qualität einer Pflanze ist unmittelbar von der Güte des Nährmediums abhängig". In Lippstadt vertraut man da auf Bananen, aber schon der Geruch lässt erahnen, dass auch eine Prise Aktivkohle nicht fehlen darf.

Blüten einer Phalaenopsis-Orchidee

Blüten einer Phalaenopsis-Orchidee

Die Aktivkohle soll schädliche Substanzen wie das Ethen binden, das die Orchidee zwar selbst als Alterungshormon bildet, sich damit aber auf Dauer vergiften würde. Während sich Ethen-Gas in der Natur einfach verflüchtigt, kann es aus dem geschlossenen Zuchtbehälter nicht entweichen: Sein Einfluss ließe die Blätter vergilben. Deshalb Aktivkohle, denn ein Deckel ist unerlässlich, damit sich später nicht Bakterien, Viren oder Pilze ansiedeln in den mit Gammastrahlen desinfizierten Biosphären. Haben die dahin-ein gesetzten Meristemzellen eine sichtbare Pflanze gebildet, geht es weiter nach dem Prinzip "Aus eins mach zwei, mach vier, mach acht" und letztlich Millionen: Die grünen Klone werden zerlegt, und dafür braucht man geschickte Hände.

Im Orchideenlabor sitzen Frauen vor verglasten Werkbänken, an denen sie unermüdlich Pflänzchen für Pflänzchen bearbeiten. Was dranbleibt und was nicht, entscheidet jede für sich - mit Pinzette und Skalpell in den Händen. Es sind Werkzeuge mit überlangen Griffen, die die Frauen benutzen, um jene zarten Gewächse zu zerteilen. Das Pflanzenmaterial sortieren sie in Häufchen; der Laie kann nicht unterscheiden, was später mal als Farbtupfer auf der Fensterbank endet oder schon auf dem Kompost. Etwa ein Jahr brauchen die Arbeiterinnen, um sich den "gewissen Blick für die Pflanzen" anzueignen. Ihr Augenmaß ist wichtig: Die Firma Hark ist nach eigenen Angaben das größte Orchideenlabor in Europa, spezialisiert auf die Vermehrung der tropischen Orchideengattung Phalaenopsis.

Vielfalt und garantiertes Blühen

Blüten einer Phalaenopsis-Orchidee

Blüten einer Phalaenopsis-Orchidee

Phalaenopsis, weil sie viele Vorteile gegenüber anderen Gattungen besitzt, die sich auszahlen. Der Handel kann mittlerweile das ganze Jahr über den Wunsch nach einer Phalaenopsis-Blütenpracht erfüllen, weil man den Mechanismus dahinter verstanden hat, den Trick mit dem Kälteschock. Jungpflanzen gedeihen bei 27 Grad Celsius. Wird nun die Temperatur schlagartig auf etwa 18 Grad gesenkt, versetzt das die Orchideen in Alarmzustand. Sie bringen alle Kraft auf, um ihren Fortbestand zu sichern, und blühen. Das macht sie zur perfekten Topfpflanze.

Ein weiterer Pluspunkt ist ihre alljährliche Blühgarantie für vier bis sechs Monate. Und natürlich ihre Vielfalt: Wurden früher nur weiße Hybriden gezüchtet, kann der Kunde heute zwischen weißen, gelben, violetten oder rosafarbenen Blüten wählen. Kreuzungen haben weltweit mehrere tausend Hybriden geschaffen, auch getupfte und geaderte Varianten oder Miniaturen. Das Potential ist längst noch nicht ausgeschöpft, außerdem ist Phalaenopsis "die ideale Urlaubspflanze", sagt Matthias Bremkens vom Verband Deutscher Orchideen-Betriebe. Vernachlässigungen verzeiht sie.

Fallende Preise

Eine Orchideenausstellung im Frankfurter Palmengarten

Eine Orchideenausstellung im Frankfurter Palmengarten

Der Verkauf dieser robusten Orchidee ist laut Bremkens in den letzten zehn Jahren um 400 Prozent gestiegen. So schmücken mit "Alice Girl", "Woodstock" und "XXL" jetzt phantasievolle Hybridzüchtungen die deutschen Fensterbänke. Meist stammt die fertige Zier aus Holland. Die Niederländer produzierten vergangenes Jahr 72 Millionen blühende Exemplare und sind damit Spitzenreiter in Europa. Der Markt war bislang lukrativ, das ändert sich allerdings: Der osteuropäische Markt ist wegen der Wirtschaftskrise zusammengebrochen, er fehlt als Abnehmer. "Der Überschuss an Pflanzen wird heute schon für 5,99 Euro in Supermärkten abgegeben", schildert Bremkens eine Folge der Phalaenopsis-Schwemme. Manche Betriebe werden daher irgendwann "vom Markt verschwinden".

Orchideen, einst Inbegriff von Luxus und Exotik, büßen ihren Zauber durch das Massenprodukt ein. "Die unvergleichliche Vielfalt gerät in Vergessenheit", sagt Martin Nickol vom Botanischen Garten in Kiel. Orchideen umfassen etwa 1000 Gattungen - Phalaenopsis ist nur eine davon. Zusammen mit der Kieler Fachhochschule und der Universität veranstaltete Nickol vergangene Woche eine Multimediashow rund um Orchideen. Und zwar ausdrücklich "nicht mit den ewig gleichen Phalaenopsis-Hybriden".

Die heimischen Arten im Schatten

Den knapp hundert heimischen Orchideenarten wie dem Frauenschuh bringt die Beliebtheit des tropischen Gewächses nämlich nicht viel. "Die gedankliche Verknüpfung einer schicken Zimmerpflanze, die schier ewig blüht, mit den kleinen Erdorchideen der heimischen Flora glückt nicht", sagt Nickol. Doch gerade diese bräuchten mehr Aufmerksamkeit. "Alle heimischen Arten stehen in irgendeiner Kategorie der Roten Liste", weiß Nickol. Schuld daran ist das Verschwinden natürlicher Lebensräume wie Moore oder Magerwiesen. Sie werden durch landwirtschaftliche Flächen ersetzt.

Warum die bewährten Strategien der Phalaenopsisproduzenten also nicht für die deutschen Orchideenarten nutzen? "Eine Meristemenvermehrung ist hier absolut unsinnig", sagt Günter Gerlach vom Botanischen Garten in München. Werden bei Phalaenopsis millionenfach Klone, Pflänzchen mit identischem Erbgut, geschaffen, ist in der Natur eine genetische Vielfalt erwünscht. Denn sollten zufällig nur Klone von wärmeempfindlichen Pflanzen kultiviert werden, würde diese Population komplett aussterben, wenn die Temperaturen in dem Maße ansteigen, wie es die Klimaforscher erwarten. Zur Arterhaltung muss ein möglichst großer Genpool gesichert werden.

Perfektionierte und sterile Laborbedingungen können eine kalkreiche Magerwiese nicht ersetzen. Das ausdauernd blühende Prachtexemplar vor dem Fenster hat wenig mit der Natur dahinter zu tun. Schön ist es trotzdem.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z. - Helmut Fricke, Hark Orchideen, Hark-Orchideen

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