Verhaltensforschung

Der große Bruder der Bienen

Von Joachim Müller-Jung

Honigbiene mit aufgeklebtem Chip

Honigbiene mit aufgeklebtem Chip

19. August 2003 Und wieder sind Chip und Computer dabei, einen Epochenwandel einzuläuten. Diesmal in der Verhaltenforschung an Insekten. Seit vielen Jahrzehnten, lange im Grunde vor Nobelpreisträger Karl von Frisch, hatte die Biologie in bestimmten Gebieten mit stattlichen Honigbienenvölkern einige seltene Bienenexemplare hervorgebracht. Es waren einzelne Tiere mit einem sonderbaren Mal auf dem Rücken - unübersehbare Farbtupfer, die aber ganz offensichtlich die emsigen Insekten nicht weiter störten. Schon Frisch und seine Vorgänger hatten dieses Verfahren der Farbmarkierung genutzt, um in dem Riesenstaat der Bienen einzelne Tiere studieren und damit deren Verhalten und Schicksal genau aufklären zu können.

Gerade in sozialen Verbänden wie dem Bienenstaat kann die Rolle einzelner Individuen entscheidend sein, wie die Arbeitsteilung und die Tanzrituale der Honigbienen gezeigt haben. Die Möglichkeiten der Verhaltensforscher freilich waren in dieser Hinsicht seit jeher beschränkt. Bald wurden die Farbtupfer durch gezielte Analysen von Video- und Filmaufnahmen ergänzt. Doch der Traum der Biologen, jedes Individuum eines Insektenvolkes überwachen und damit gleichsam ein ganzes Staatswesen kontrollieren zu können, war lange Zeit unerfüllt geblieben - bis heute.

In der Online-Ausgabe der Zeitschrift "Zoology" erscheint in diesen Tagen ein Bericht der Würzburger Bienengruppe um Jürgen Tautz, der das ganze Arbeitsgebiet revolutionieren dürfte. Denn den Biologen ist es gelungen, ein Überwachungssystem aus winzigen, ganze 2,4 Milligramm schweren Chips für den Einsatz auf dem Bienenkörper zu präparieren. Damit kann den Forschern zufolge eine praktisch unbegrenzte Zahl an Tieren ausgestattet und elektronisch verfolgt werden. Bei den auf den Rücken aufgeklebten quaderförmigen "Farbtupfern" handelt es sich um moderne RIFD-Chips (Radio Frequency Identification), wie sie derzeit auch bei der Gepäckidentifizierung an Flughäfen oder bei der Fahrzeugidentifizierung an der Tankstelle getestet werden. Sie senden ohne eigene Stromversorgung in einem elektromagnetischen Feld eine Kennung aus, die ihren Träger identifizierbar macht. Die Würzburger Insekten werden am Nesteingang mit einem Lesegerät erfaßt, in Stoßflugzeiten bis zu 20 Tiere in jeder Sekunde. Dabei lassen sich außer den "Persönlichkeitsangaben" wie Geburtsdatum, genetische Ausstattung oder Nahrung fast beliebig viele andere Daten zum Lebenswandel der Tiere erfaßen: Wann beginnt die Biene ihren Ausflug, wann endet er, wie oft ruht sie sich aus, aus welcher Richtung kommt sie geflogen, beziehungsweise wohin bewegt sie sich.

Derzeit läuft in Würzburg ein Experiment mit etwa tausend entsprechend präparierten Bienen. Für Sebastian Streit, Fiola Bock und Christian Pirk, die das System entwickelt und erprobt haben, bedeutet die neue Chiptechnik zwar eine enorme Erleichterung bei ihren Verhaltensstudien. Allerdings muß die Forschung wohl auch mit einer neuen Herausforderung leben: Auf sie kommt, was bei großen Insektenvölkern fast unvermeidlich ist, eine gewaltige Datenlawine zu.

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