Vögel

Kleiner Haken

02. November 2005 Der Vogelschnabel ist ein Universalwerkzeug. Bei der Nahrungssuche wird er vielseitig angewendet. Als nützlich erweist sich der Schnabel auch bei der Körperpflege. Eine hakenförmig gekrümmte Schnabelspitze findet sich nicht nur bei Falken. Der Schnabel der Taube weist ebenfalls einen kleinen Haken auf. Dieser hilft den Tauben dabei, ihr Federkleid von Parasiten zu befreien.

Das haben Wissenschaftler um Dale Clayton von der University of Utah beobachtet. Ihre Forschungsobjekte holten sie von den Dächern von Salt Lake City, wo sich wie in europäischen Städten Scharen von verwilderten Haustauben tummeln. Einigen Tieren feilten sie die Schnabelspitze so zurecht, daß die obere Hälfte nicht mehr über die untere hinausragte. Nach dieser harmlosen Prozedur, vergleichbar mit dem Zurechtfeilen eines Fingernagels, konnten die Tauben noch ebenso gut Körner aufpicken wie zuvor. Doch binnen kurzem wurden sie von dreimal soviel Läusen geplagt ("Proceedings of the Royal Society of London", Teil B, Bd. 272, S. 811). Diese sogenannten Federlinge vergreifen sich an Haut und Federn. Wenn sie in großen Scharen auftreten, wird das Gefieder entsprechend rasch verschlissen. Es wirkt bald unansehnlich und kann auch nicht mehr optimal vor Kälte schützen.

Beachtliche Scherkräfte

Gewöhnlich hält eine Taube die destruktiven Insekten in Schach, indem sie das Federkleid sorgfältig putzt. Wie sie jede einzelne Feder mit dem Schnabel bearbeitet, läßt sich mit zeitlich hochauflösenden Videoaufnahmen beobachten. Bis zu 31mal pro Sekunde bewegt sich der Unterkiefer derart nach vorn, daß die Spitze der unteren Schnabelhälfte gegen den Haken der oberen drückt. Dabei treten beachtliche Scherkräfte auf. Das zeigten nicht nur die am Schnabel befestigten Dehnungsmeßstreifen. Von den Kräften zeugen auch die Läuse, die in diese Klemme geraten - nicht selten verlieren sie den Kopf oder werden regelrecht aufgeschlitzt.

Wenn sich die Vögel der lästigen Plagegeister entledigen, dient die Spitze der oberen Schnabelhälfte offenbar als Widerlager. Das hat freilich den Haken, daß die obere Schnabelhälfte nicht zu weit vorragen darf. Wenn sie deutlich mehr als anderthalb Millimeter übersteht, bricht sie früher oder später ab. Für Tauben mit derart beschädigten Schnäbeln beginnen dann wahrhaft lausige Zeiten. Da sie nicht mehr kraftvoll zupacken können, vermehren sich die Federlinge ungehemmt und plagen ihr Opfer zu Tausenden.

Eine hakenförmige Schnabelspitze ist bei der Gefiederpflege zweifellos nützlich. Dennoch sind längst nicht alle Vögel derart ausgestattet. Wenn ein Specht seinen Schnabel als Meißel nutzt, muß dessen Spitze gerade sein. Um Muscheln aufzubrechen, Fische aufzuspießen oder Nektar aus einer Blüte zu holen, taugt ebenfalls nur ein Schnabel ohne Haken. Keineswegs von Federlingen verschont, wehren sich Austernfischer, Reiher und Kolibris anscheinend mit anderen Tricks gegen solche Parasiten.



Text: F.A.Z., 02.11.2005, Nr. 255 / Seite N2 (D.K.)
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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