Grundkurs in Soziobiologie (5)

Ewig lockt der Hahnenkampf

DSDS: Anerkennung durch Öffentlichkeit

DSDS: Anerkennung durch Öffentlichkeit

18. Juli 2006 Gesellschaften sind evolutionär entstanden, weil die Individuen für ihren sozialen Zusammenschluß belohnt wurden. Dieses Fazit aus den vorhergegangenen Lektionen gilt freilich nur in seiner zentralen Tendenz, im Mittel, aber keineswegs im Einzelfall. Ganz offensichtlich produzieren Gesellschaften auch Verlierer - Personen, die aus den Kooperationsgewinnen keinen Nutzen ziehen. Was Erfolg letztlich definiert, woran er zu messen ist und wie mit ihm in der sozialen Praxis umgegangen wird, ist bekanntlich kulturell höchst verschieden.

Während für den Pietisten ein privilegierter Platz in der Sitzordnung seiner Kirche die Selbstvergewisserung über seine gesellschaftliche Stellung bedeutet, sind es für die Krieger der südamerikanischen Mundurucu die abgeschlagenen Köpfe ihrer Gegner. Während für die Ziegenzüchter Kaschmirs die Größe der Herde den gesellschaftlichen Rang anzeigt, ist es für den Wissenschaftler der Impact-Faktor seiner Publikationsliste. Kurz: Gesellschaften bilden Hierarchien aus, die nach Besitz, Einkommen, Bildung, Macht, Tapferkeit, Tüchtigkeit oder nach noch ganz etwas anderem ihren Mitgliedern eine rangskalierte Position zuweisen. Die Maßeinheit ist Prestige. Während Dominanz an gesellschaftliche Institutionen gebunden ist, beruht Prestige im Konsens einer Gesellschaft auf einer freiwilligen, ungezwungenen Anerkennung durch ihre Mitglieder und bildet jenes knappe Gut, um das zu konkurrieren sich offensichtlich lohnt.

Schützenfest oder „Deutschland sucht den Superstar“

Unser zweites Gesicht

Unser zweites Gesicht

Bekanntlich tun Menschen sehr viel, um in der lokalen Hierarchie ihrer (Sub-) Gruppe möglichst weit oben zu rangieren, um also kulturell möglichst erfolgreich zu sein. Ob Schützenfest oder „Deutschland sucht den Superstar“, ob Nobelpreis oder Fußball: die Szenarien des kulturellen Wettstreits manifestieren sich in nahezu grenzenloser Vielfalt, aber ihre Funktionslogik bleibt jeweils dieselbe: Über die Zuweisung von Ehre und Prestige werden Ranghierarchien verhandelt.

Aber wozu das Ganze? Wieso verfügen Menschen über eine Psyche, die ganz offensichtlich gar nicht anders kann, als Hierarchien zu konstruieren und die zugleich zur Teilnahme an entsprechenden Wettbewerben motiviert, und dies nicht selten unter persönlicher Inkaufnahme beachtlicher, nicht selten ruinöser Kosten und Anstrengungen. Wäre das Leben ohne Hahnenkämpfe nicht deutlich angenehmer? Warum hat die Evolution dies nicht zugelassen? Nun - die Antwort ist schnell gefunden: Weil es sich in den evolutionären Szenarien der Menschheit genetisch auszahlte, kulturell angesehener als die Mitwerber um genetische Fitness zu sein.

Genetisches Eigeninteresse

Prestige konnte nämlich in Reproduktionserfolg übersetzt werden, weshalb historisch kultureller Erfolg mehr oder weniger eng mit reproduktivem Erfolg korrelierte. Dies strahlt bis in die Gegenwart aus: Ob die wildbeuterischen Yanomami in den tropischen Wäldern Venezuelas, die Vieh züchtenden Kipsigis Kenias, die europäischen Bauern des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, die religiös fundamentalistischen Amish in Pennsylvania oder die Fischer Mikronesiens. In diesen und weiteren Bevölkerungen konnte ein mehr oder weniger enger Zusammenhang zwischen sozialen und reproduktiven Hierarchien nachgewiesen werden. Es lohnt sich also im genetischen Eigeninteresse, in sozialem Wettbewerb zu reüssieren. Über welche physiologischen, psychischen und sozialen Mechanismen im einzelnen sich die gefundenen Zusammenhänge erklären, ist wiederum kulturell sehr verschieden, wenngleich sich doch eine transkulturelle Universalie herauszuschälen beginnt: Offensichtlich haben sozial erfolgreiche Männer überall auf der Welt das, was im Laborjargon der Soziobiologen „Paarungserfolg“ genannt wird. Sie sind mehr als ihre weniger erfolgreichen Mitbewerber interessant und attraktiv für Partner suchende Frauen.

Soziobiologen behaupten nicht, daß nach kulturellem Erfolg differenzierte Fortpflanzung irgend etwas mit darwinistischer Selektion zu tun haben muß, also notwendigerweise mit Genfrequenzverschiebungen und damit evolutionärem Wandel. Obwohl dies letztlich nicht ausgeschlossen werden kann, herrscht mehrheitlich die Annahme vor, daß alle Mitglieder einer Population eine „genetische Äquipotenz“ aufweisen, und der soziale und damit letztlich reproduktive Wettbewerb ohne evolutionsgenetische Folgen ist.

Die sexuellen Opportunitäten der Männer

Er ist schlichtweg Ausdruck unserer selektionsbewährten, unter Konkurrenzbedingungen evolutionär geformten Motivationsstruktur, den Anteil der eigenen Gene am Gesamtpool der Population zu erhöhen. Diese Strategie wurde zwangsläufig immer evolutionär belohnt, auch wenn dieser Zusammenhang sich nicht in unserem Bewußtsein manifestiert. Wir verfolgen in unserer Selbstwahrnehmung nur subjektiv bestimmte, dabei kulturell vermittelte Lebensziele, die mehr oder weniger im Bewußtsein präsent sein mögen und sicherlich fernab sind von jeglicher Vorstellung von genetischer Fitness. Aber indem sie den kulturell vermittelten Präferenzen nachgehen, erhöhen auch Menschen im Mittel ihre genetische Fitness.

Stimmt das denn auch? Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, daß die oben gewählten Beispiele über den Zusammenhang sozialer und reproduktiver Hierarchien nicht aus der Lebenswelt unserer Zeit entnommen sind. Auf den ersten Blick sieht es ganz so aus, daß diejenigen Biografien, die in unserer Gesellschaft als kulturell erfolgreich erachtet werden, eher kinderlos verlaufen. Für Frauen scheint dies tatsächlich zu gelten. Für Männer ist hingegen nicht ganz so klar, ob die Moderne in dieser Hinsicht einen Bruch mit der evolutionären Geschichte des Homo sapiens vollzogen hat. Studien zeigen, daß auch im Hier und Heute die sexuellen Opportunitäten der Männer mit ihrem Prestige zunehmen. Ob Wiederverheiratung nach Scheidung oder Verwitwung oder nichteheliche Affären: Prestige befördert die Frequenzen. Allerdings bleibt fraglich, ob die unterschiedliche Teilhabe am sexuellen Geschehen zu einer unterschiedlichen Teilhabe an der Reproduktion einer Gesellschaft führt.

Kinderzahl steigt mit dem Einkommen

Die Befunde sind uneinheitlich. Immer wieder zeigt sich in Teilen der Gesellschaft die Korrelation zwischen kulturellem und reproduktivem Erfolg. So beispielsweise bei den männlichen (nicht aber bei den weiblichen) Beschäftigten der Universität Wien: Ihre Kinderzahl steigt mit dem Einkommen. Trotz derartiger Befunde kann nicht ausgeschlossen werden, daß die Steinzeitpsychologie in Zeiten perfekter Verhütung ihre ehemalige biologische Funktionalität letztlich doch verliert. Das ändert aber nichts daran, daß die evolutionäre Vergangenheit die soziale Praxis der Gegenwart bestimmt. Menschen sind eben Anpassungsexekutoren, nicht Fitnessmaximierer.

Text: F.A.Z., 19.07.2006, Nr. 165 / Seite 32
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb

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