13. Dezember 2006 Fledermäuse gelten seit je als geheimnisumwitterte Tiere. Das ist kein Wunder, denn ihre Fähigkeit, in stockfinsterer Nacht nach fliegenden Insekten zu jagen und dabei selbst kleinsten Hindernissen mit akrobatischen Flugmanövern auszuweichen, reicht weit über den Erfahrungshorizont des Menschen hinaus. Aber auch Jahrzehnte nach der Entdeckung der Echoortung mit Ultraschall geben Fledermäuse noch so manches Geheimnis preis. Das zeigen Untersuchungsergebnisse, über die in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Nature (Bd. 444, S. 701 u. 702) berichtet wird.
Demnach kommt in der Welt der Fledermäuse auch jene Sinnesleistung vor, mit der unter anderem Brieftauben, Zugvögel, Meeresschildkröten und Wüstenameisen aufwarten - die Wahrnehmung des Erdmagnetfeldes sowie dessen Nutzung als Orientierungshilfe. Und nicht nur in sinnesphysiologischer, sondern auch in anatomischer Hinsicht haben Fledermäuse den Forschern eine Überraschung bereitet: Eine in den Anden heimische Blütenfledermaus hat die längste Zunge, die je bei einem Säuger gefunden wurde.
Eher schlechte Augen
So leistungsfähig das Prinzip der Echoortung bei der nächtlichen Jagd und dem Erkennen von Hindernissen ist - zur Orientierung über größere Entfernungen hinweg taugt es nicht. Und manche Fledermäuse legen durchaus stattliche Strecken zurück, zum einen bei ihren nächtlichen Ausflügen, zum anderen insbesondere beim Wechsel zwischen den Sommer- und Winterquartieren. Bei der Rauhhautfledermaus etwa können es an die 2000 Kilometer sein, wenn sie zwischen Estland und Südfrankreich pendelt. Das hat man herausgefunden, indem man einzelne Fledermäuse beringte, wie man das auch mit Vögeln macht.
Schon lange rätseln Zoologen, wie diese bei Nacht aktiven fliegenden Säugetiere den richtigen Weg finden. Eine Orientierung am Sternenhimmel, wie sie von Zugvögeln her bekannt ist, halten Experten für höchst unwahrscheinlich, weil Fledermäuse eher schlechte Augen haben. Daher wurde immer wieder spekuliert, die Tiere könnten das Erdmagnetfeld nutzen, also auf jene Strategie setzen, die Frankfurter Zoologen um Wolfgang Wiltschko vor mehr als vierzig Jahren bei Brieftauben und später auch bei anderen Vögeln experimentell nachgewiesen haben.
Künstlich gedrehtes Magnetfeld
Mit Fledermäusen kann man aber nicht so leicht Verhaltensexperimente anstellen wie mit Tauben. Es blieb daher bei der bloßen Vermutung, das Erdmagnetfeld diene auch ihnen zur Orientierung. Jetzt aber konnte eine Forschergruppe um Richard Holland von der Princeton University (New Jersey) zeigen, daß dies tatsächlich zutrifft. Untersuchungsobjekt war die Große Braune Fledermaus (Eptesicus fuscus). Die Forscher verfrachteten etliche dieser Tiere bei Einbruch der Dunkelheit an einen Ort zwanzig Kilometer vom Heimatquartier entfernt und rüsteten sie mit einem 0,5 Gramm schweren Radiosender aus. Das zwischen den Schulterblättern auf die Haut geklebte Gerät führte offenbar zu keiner nennenswerten Beeinträchtigung. Die Fledermäuse kehrten jedenfalls flugs zu ihrem Quartier zurück, gefolgt von einem kleinen, mit einem Peilempfänger ausgestatteten Flugzeug.
In einer weiteren Versuchsreihe setzte man die Tiere vor dem Freilassen einem künstlich gedrehten Magnetfeld aus. Daraufhin schlugen die Fledermäuse zumindest in den ersten Minuten falsche Richtungen ein. Nach Ansicht der Forscher verfügen sie demnach über einen Magnetkompaß, der etwa zur Zeit des Sonnenuntergangs kalibriert wird. Etliche Tiere erkannten nach einiger Zeit den Fehler und korrigierten die Route aufgrund bislang rätselhafter Informationen.
Zunge eineinhalbmal so lang wie der Körper
Ähnlich spektakulär wie der Nachweis eines Magnetkompasses ist für Zoologen eine anatomische Besonderheit bei einer anderen Fledermausart, der in den tropischen Nebelwäldern der Anden heimischen Blumenfledermaus Anoura fistulata. Die Tiere haben, wie Nathan Muchhala von der University of Miami in Coral Gables herausgefunden hat, eine etwa 8,5 Zentimeter lange, tief im Brustkorb verankerte Zunge. Diese ist eineinhalbmal so lang wie der Körper. Im Verhältnis handelt es sich um die längste bei einem Säugetier bekannte Zunge.
Blumenfledermäuse verdanken ihren Namen dem Umstand, daß sie gern Nektar schlürfen und dabei für die Bestäubung von Blüten sorgen. Das Glockenblumengewächs Centropogon nigricans mit seiner extrem langen Blüte bliebe jedenfalls unbestäubt, käme nicht gelegentlich ein hungriges Exemplar von Anoura fistulata angeflattert.
Text: F.A.Z., 13.12.2006, Nr. 290 / Seite N1
Bildmaterial: Martin Vonhof, Murray Cooper, Nathan Muchhala