Bedrohte Bienenvölker

Der Herbst der Honigbiene

Von Georg Rüschemeyer

30. Oktober 2006 Bunt leuchtet der Herbst. Doch für die Farben sorgt an diesem Spätoktobertag ausschließlich das Laub der Bäume. Blumen sind im Garten des Länderinstituts für Bienenkunde in Hohen Neuendorf, nördlich von Berlin, kaum mehr zu finden. Und doch herrscht an den Einfluglöchern der institutseigenen Bienenkästen reger Verkehr. Irgendwo müssen die Sammelbienen noch ein paar Astern, Sonnenhüte oder andere Spätblüher entdeckt haben; jedenfalls hängen an ihren Hinterbeinen gelbe Pollenpakete, für die sie den Titel der Mitarbeiterin des Monats verdient hätten.

„Ansonsten stellen sich unsere Bienen und auch wir aber auf die ruhige Winterzeit ein“, sagt Institutsleiter Kaspar Bienefeld. Dabei hat das Bienenjahr, das offiziell mit dem Abräumen der letzten Honigernte Ende Juli, Anfang August endet, eigentlich gerade erst begonnen. Doch außer dem Verkleinern der modular aufgebauten Styroporkästen und dem Füttern der Bienen mit Zuckerwasser ist erst mal wenig zu tun. Die Wissenschaftler können nun endlich ihre im Sommer erhobenen Daten auswerten oder in den lange verschobenen Jahresurlaub entschwinden.

Alte Arbeiterinnen werden hinausgeworfen

In der Bienensprache ist die Vokabel „Urlaub“ freilich unbekannt. Mit dem Winter beginnt für die sozialen Insekten lediglich eine neue, jetzt häusliche Tätigkeit. Das Volk besteht fast nur noch aus jungen, langlebigen Winterbienen. Da die Königin schon seit Wochen keine Eier mehr legt, müssen sich diese Arbeiterinnen nicht mit der Aufzucht von Schwestern verausgaben. Sie können sich mit dem Nektar und Pollen des Spätsommers und dem Zuckerwasser des Imkers ein Fett- und Eiweißpolster für die kalte Jahreszeit anfressen und ihre Kräfte für die Obstblüte im kommenden Frühjahr sparen. Die alten Arbeiterinnen werden nun aus dem Volk „ausgeschieden“, wie der Imker sagt - mit einem fürsorglichen Sozialstaat hat so ein Insektenvolk eben doch nicht viel gemein.

Sinkt die Temperatur weiter, so kuscheln sich die verbleibenden Bienen zur sogenannten Wintertraube zusammen. Durch fleißiges Flügelschlagen trotzen sie auch den härtesten Außentemperaturen und halten sich und ihre Königin warm. Die große Mutter hat es so nie kühler als 20 Grad Celsius, die Arbeiterinnen wechseln sich mit dem Dienst am kühlen Rand der Traube ab, um nicht in die unterhalb von zehn Grad Celsius drohende Kältestarre zu verfallen.

Milbe Varroa destructor macht Bienen zu schaffen

Ein gesundes Volk kommt so auch durch die klirrendste Winterkälte. Doch um die Volksgesundheit steht es allgemein nicht gut. Nach dem kalten Winter 2002/2003 etwa hatte es sich in mehr als einem Drittel aller deutschen Bienenkästen ausgesummt. Im vergangenen Frühjahr waren immerhin 20 Prozent Totalausfälle zu verzeichnen. Schuld ist eine Reihe von Bienenkrankheiten, allen voran die in den siebziger Jahren eingeschleppte Milbe Varroa destructor. Im Sommer machen sich diese Spinnentiere vor allem an die Bienenbrut heran: Sie legen fünf bis sechs Eier in die noch offenen Brutzellen, die kurz darauf von den Arbeiterinnen mit einem Wachsdeckel versehen werden.

Die Jungmilben bohren sich durch die weiche Chitinhülle der Bienenlarve und ernähren sich von deren Blut. Das tötet die Larve zwar nicht unbedingt, doch aus befallenen Puppen schlüpfen geschwächte oder fehlgebildete Bienen, die ihren Aufgaben im Staat kaum noch nachkommen können. Der ebenfalls ans Tageslicht kommende Milbennachwuchs saugt nun auch an den erwachsenen Bienen, welche die Milben auf ihren Sammelflügen an Angehörige anderer Staaten weitergeben. Ein wichtiger Übertragungsweg sind auch verwaiste Arbeiterinnen, die sich nach dem Tod ihrer Königin einem anderen Staat anschließen.

Varroa-Bekämpfung ist wichtiges Forschungsgebiet

„Anders als etwa die bakterielle Faulbrut ist die Varroatose nicht anzeigepflichtig - sie ist schlicht allgegenwärtig“, sagt Bienefeld. Dabei wurde die Milbe erst in den Siebzigern zu einem weltweiten Problem. Vermutlich stammen die Plagegeister von Milben ab, die auf der östlichen Honigbiene Apis cerana leben. Durch den internationalen Transport von Bienenvölkern kam es, vermutlich auf den Philippinen, zum Überspringen des Parasiten auf die westliche Honigbiene Apis mellifera. Ihre Bekämpfung ist wegen der Verwandtschaft von Milbe und Biene äußerst schwierig, denn Pestizide, die gegen die eine helfen, schädigen auch die andere, von unerwünschten Rückständen im Honig ganz abgesehen.

Die Varroa-Bekämpfung ist deswegen eines der wichtigsten Forschungsgebiete des Bieneninstituts in Hohen Neuendorf. In der Praxis bewährt hat sich etwa die Ameisensäure. „Doch die wirkt nur bei Temperaturen über 15 Grad Celsius, und zuviel davon kann auch die Bienen schädigen“, sagt Bienefeld. Deshalb kommt es sehr darauf an, wann, wie und wieviel der stechend riechenden Säure man in der Beute, wie der Bienenstock in der Imkersprache heißt, ausbringt.

Milbenresistente Bienen sollen gezüchtet werden

Auf Dauer setzt Bienefeld aber vor allem auf die Züchtung milbenresistenter Bienenvölker. Das Geheimnis der Resistenz liegt dabei nicht im Immunsystem der Tiere, sondern schlicht in der Fähigkeit der Arbeiterinnen, Zellen mit befallener Brut zu erkennen und rechtzeitig auszuräumen oder die Milben direkt zu töten. Wie das gesamte komplexe Verhaltensrepertoire der Honigbiene ist auch diese Erkenntnisfähigkeit genetisch bedingt, eine Zuchtwahl auf besseres Hygieneverhalten ist deshalb theoretisch kein Problem. Doch in der Praxis macht das komplizierte Sozialleben der Tiere dem Züchter das Leben schwer. Da die Arbeiterinnen von bis zu 20 Vätern abstammen, mit denen sich die Königin bei ihrem Hochzeitsflug gepaart hat, gilt es zunächst jene Tiere zu identifizieren, die sich bei der Milbenbekämpfung als besonders geschickt erweisen.

In zwei Versuchsbeuten haben die Forscher dafür jeweils rund zweitausend Bienen mit Markierungen auf dem Rücken versehen, über deren Farbe, Form und Position sie jede einzelne Arbeiterin individuell erkennen können. Unter für Bienen unsichtbarem Infrarotlicht nehmen Kameras das Geschehen im Bau auf, anschließend müssen die endlosen Videobänder ausgewertet werden - eine der weniger beliebten Aufgaben unter seinen Mitarbeitern, wie Bienefeld bemerkt.

Auch Beutenkäfer Aethina tumida sorgt für Probleme

Hat man besonders geeignete Arbeiterinnen identifiziert, ist das erst der Anfang. Denn das Privileg der Fortpflanzung liegt ja ausschließlich bei der Königin, für die Zuchtwahl bedarf es daher eines Umweges: Zunächst werden die besten Arbeiterinnen von ihrer Königin getrennt. Ohne deren unterdrückende Pheromone entwickeln sich die Eierstöcke der Arbeiterinnen. Sie beginnen unbefruchtete Eier zu legen, aus denen männliche Drohnen schlüpfen. Mit deren Sperma wiederum werden schließlich jungfräuliche Königinnen besamt, ein neuer Auslesezyklus kann beginnen. „Wir haben auf diese Weise einen Bienenstamm entwickelt, der deutlich effektiver bei der Abwehr von Milben ist“, sagt Bienefeld. „Für eine Vermarktung ist es aber noch viel zu früh. Wir wollen die Imker nicht in trügerischer Sicherheit wiegen, denn der Unterschied im Verhalten allein reicht nicht aus, um die Völker effektiv zu schützen.“

Die Varroamilbe ist nicht das einzige Problem der Imker. Seit kurzem macht sich ein weiterer eingewanderter Schädling in Europa breit, der kleine Beutenkäfer Aethina tumida. Der flugfähige Glanzkäfer stammt ursprünglich aus dem südlichen Afrika, verbreitete sich in den Neunzigern in Nordamerika und wurde vor zwei Jahren erstmals in Portugal gesichtet. Seine Larven fressen Honig, Pollen und Bienenbrut, die erwachsenen Exemplare beherrschen die Kunst der Bienenkommunikation so gut, daß sie von diesen als Stammesgenossen akzeptiert und sogar gefüttert werden. Das Gefahrenpotential des Beutenkäfers ist zwar umstritten. „Doch Anlaß zur Sorge gibt die Fähigkeit der Tiere, auch unabhängig von Bienen zu überleben und so ein unüberschaubares Reservoir zur Reinfektion zu bilden“, sagt Bienefeld.

Zahl der Imker sinkt seit Jahrzehnten

Ohnehin ist die Berufsimkerei, die in Hohen Neuendorf auch ganz praktisch gelehrt wird, kein reines Honigschlecken mehr. Jährlich rund 75.000 Tonnen Billighonig aus Asien und Südamerika decken den Großteil des deutschen Pro-Kopf-Verbrauchs von 1,3 Kilo und drücken auf die Preise. Tatsächlich sinkt die Zahl der Imker und ihrer Bienenvölker seit Jahrzehnten. Im Vergleich zu den fünfziger Jahren liegt die Bienendichte in Westdeutschland heute nur noch halb so hoch, im Osten fiel sie mit der Wende gar auf ein Viertel früherer Werte. Fachleute beklagen bereits erhebliche Einbußen bei der volkswirtschaftlich wichtigsten Funktion der Honigbiene, der Bestäubung von Nutzpflanzen.

Aber es gibt auch gute Nachrichten für Bienenfreunde: Die Apitherapie, also die Anwendung von Honig, Pollen, Wachs und Propolis als Mittel der Naturheilkunde, erfreut sich wachsender Beliebtheit. Daß heißer Tee mit Honig gegen Erkältungssymptome hilft, wußte natürlich schon die Großmutter. Relativ unbekannt ist dagegen noch die Bienenstichtherapie. Dabei handelt es sich nicht um Kuchen auf Rezept, sondern um das gezielte Setzen von Stichen verärgerter Bienen oder die Injektion ihres Giftes zum Zwecke der Anregung körpereigener Heilungsprozesse.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.10.2006, Nr. 43 / Seite 71

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