Von Dina Koletzki de Salazar
19. Dezember 2004 Ein kurzes Rascheln im Geäst, das Kratzen von Krallen auf Borke. Kopfüber rast ein rotbraunes Fellbüschel in schwindelerregenden Spiralen den Baumstamm herunter, wetzt über die Steinplatten der Terrasse. Die Walnuß, die eben noch neben dem Vogelhaus lag, ist plötzlich verschwunden, nur ein paar wippende Zweige verraten den flüchtigen Dieb.
Sciurus vulgaris, das europäische Eichhörnchen, ist ein geschickter Kletterer und Springer. Kein Zweig ist ihm zu dünn, im Notfall rettet es sich mit einem wagemutigen Hechtsprung aus der Gefahrenzone. Dabei ist es alles andere als scheu, versteckt seine Wintervorräte auch mal in Blumenbeeten oder läßt sich von Parkbesuchern mit der Hand füttern.
Schlimmster Invasor weltweit
Als italienische Jäger sich 1997 in einem Park südlich von Turin daranmachten, Hörnchen in Fallen zu locken, um sie anschließend einzuschläfern, reagierten Anwohner und Tierfreunde gleichermaßen entsetzt. Ein Gemetzel an den niedlichen Nagern? Zwei Wochen dauerte die Eichhörnchenjagd. Dann wurde sie eingestellt. Die Tierschützer hatten Klage erhoben. Die Jäger vom Racconigi-Park waren allerdings weder Sadisten noch Eichhörnchenhasser, sondern Biologen der Universität Turin und des Istituto Nazionale per la Fauna Selvatica in Bologna.
Die Fangaktion war ein Modellprojekt für eine größere Schutzmaßnahme - und zwar zum Schutz der Eichhörnchen. Denn obwohl zwei verschiedene Eichhörnchenarten den Park bevölkerten, hatten die Jäger es ausschließlich auf eine Art abgesehen: von Sciurus carolinensis, dem amerikanischen Grauhörnchen - einem der hundert schlimmsten Invasoren weltweit.
Dominante Grauhörnchen
Begonnen hatte alles ganz harmlos, mit zwei Pärchen aus der amerikanischen Bundeshauptstadt Washington, die ein italienischer Diplomat 1948 von einer Dienstreise mitgebracht und im Garten seiner Villa ausgesetzt hatte. Lange hielt es sie dort nicht. Sie verschwanden in die umliegenden Wälder. Als Anfang der neunziger Jahre etliche Grauhörnchen im Umkreis auftauchten, wurden die internationale Artenschutzunion IUCN und eine Reihe anderer Umweltschutzorganisationen mißtrauisch. Sie warnten die Italiener: Wo die amerikanischen Hörnchen auftauchten, sei es vorbei mit den einheimischen roten. Und mit dem Mischwald ebenfalls.
Wie ernst die Situation noch werden konnte, zeigte ein Blick nach Großbritannien. Dort hatten heimkehrende Amerika-Reisende bereits Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Grauhörnchen angesiedelt. Die Nager vermehrten sich rasend schnell und wechselten von den Gärten bald in Parkanlagen und Städte. England und Irland erklärten sie 1930 zur Plage. 1970 wurde in England das letzte rote Eichhörnchen auf Stadtgebiet gemeldet. Die verbliebenen Überlebenden hatten es Robin Hood gleichgetan und sich in die Wälder zurückgezogen - wenige hunderttausend an der Zahl. Eine Übermacht von drei bis zehn Millionen Grauhörnchen hält bis heute die Städte und einen Großteil der ländlichen Gebiete besetzt.
Auslöser von Ökokatastrophen
Daß Pflanzen und Tiere sich neue Lebensräume erobern, findet Rangar Kinzelbach, Professor für Ökologie an der Universität Rostock, nicht schlimm: Selbst, wenn sie dabei mitunter alteingesessene Arten verdrängen. So funktioniere die Evolution nun mal. Daß solche an sich harmlosen Arten dabei aber regelrechte Ökokatastrophen auslösen, sei ein Problem, und zwar erst eines der Neuzeit.
Bis vor wenigen Jahrhunderten waren Kontinente nahezu geschlossene Lebensräume, in denen sich über Millionen von Jahren eigenständige ökologische Gleichgewichte ausbilden konnten.
Natürliche Barrieren wie Ozeane, Gebirge und Wüste verhinderten weitgehend die Zuwanderung neuer Arten. So konnten auch Grau- und Eichhörnchen ziemlich ähnliche Gewohnheiten entwickeln, ohne sich dabei in die Quere zu kommen: Beide sind Waldbewohner, ernähren sich von Samen, Früchten und jungen Trieben. Und beide räubern ab und zu Singvogelnester. Kein Problem - solange der Atlantik sie trennte.
Kosten in Höhe von knapp 167 Millionen Euro
Mit den großen Entdeckungsfahrten wurden diese Barrieren dann durchlässig. Ökosysteme, die evolutiv über Jahrmillionen hinweg getrennt waren, lagen plötzlich nur noch eine Schiffsreise voneinander entfernt. Schafe, Schweine und Ziegen segelten über den Atlantik in die Neue Welt. Truthahn, Kartoffeln und Tomaten reisten in entgegengesetzter Richtung. An Bord war auch manch blinder Passagier, wie etwa die berüchtigte Schiffsbohrmuschel oder die kalifornische Reblaus, die Mitte des 19. Jahrhunderts die europäische Weinernte vernichtete.
Auch Nutztiere erwiesen sich nicht immer als nützlich. Vor allem auf Inseln litten sensible Ökosysteme unter entlaufenen Ziegen und Schafen. Das Tempo, mit dem der Artenaustausch voranschreitet, hat inzwischen durch Flugverkehr und weltweiten Handel drastisch zugenommen. Allein in Deutschland, so rechneten Ökologen der Universität Frankfurt vor zwei Jahren vor, verursachen invasive Spezies jedes Jahr Kosten in Höhe von knapp 167 Millionen Euro.
Wenn du einen Feind nicht besiegen kannst, schließe dich ihm an
Welche Schäden genau das Grauhörnchen auf dem europäischen Kontinent anrichten könnte, ist unklar. Fest steht aber, daß es dem heimischen Hörnchen körperlich überlegen ist: Mit durchschnittlich fünfhundert Gramm wird es gut doppelt so schwer. Entscheidender dürfte jedoch die größere Flexibilität des Neuankömmlings sein. Getreu dem Motto Wenn du einen Feind nicht besiegen kannst, schließe dich ihm an hat sich das Grauhörnchen zu einem Kulturfolger entwickelt und profitiert von der Nähe des Menschen. Genauer gesagt, vom üppigen Nahrungsangebot in dessen Nähe. Kornfelder und Gemüsegärten liebt es. Trotzdem - und das ist vielleicht sein größter Trumpf - ist es nicht wählerisch. Es durchstöbert auch den Müll nach Eßbarem.
Dagegen hat es das rote Eichhörnchen zunehmend schwer. Weit mehr als sein grauer Verwandter ist es auf intakte Wälder und auf ein größeres Territorium angewiesen. Es bevorzugt, da es wesentlich kleiner ist, die Baumkronen, die mehr Schutz vor Freßfeinden bieten als das offene Feld. Doch Wälder und Parklandschaften schwinden in vielen Teilen Europas - und mit ihnen die Eichhörnchen. Die nicht ganz so anspruchsvollen Nager aus Amerika schließen damit womöglich eine Lücke, die frei wird, weil das Eichhörnchen keinen entsprechenden Lebensraum mehr findet. Daher kann eine Zuwanderung neuer Arten unter Umständen sogar sinnvoll sein, meint Kinzelbach: Manchmal paßten die Neuen einfach besser zu den veränderten Lebensbedingungen und könnten sogar dafür sorgen, daß ein angeschlagenes Ökosystem sich wieder stabilisiert.
Sympathien verspielt
Im Falle der Grauhörnchen kann von Stabilisation jedoch keine Rede sein. Sie richten beispielsweise in der Forstwirtschaft massive Schäden an. In Irland, so schätzen Fachleute, sind bereits rund 40 Prozent des Mischwaldes durch Eichhörnchenfraß angegriffen. Und auch bei den britischen Parkbesuchern haben die Hörnchen längst ihre Sympathien verspielt. Während Schilder in Parks früher noch mahnten, die Grauhörnchen nicht zu belästigen, fordern heute die Spaziergänger energisch Schutz vor den dreisten Nagern, die ohne Umschweife Picknickkörbe leer fressen und Zigarettenpäckchen aus Handtaschen klauen.
Auch im Park von Racconigi haben die Grauen am Ende den Sieg davongetragen. Die Wissenschaftler, die ihnen auf den Pelz rücken wollten, wurden zwar vor Gericht freigesprochen. Doch während der drei Jahre, die das Verfahren dauerte, vermehrten sich die ungebetenen Gäste fröhlich weiter und besetzten 1999 schon eine Fläche von 880 Quadratkilometern. Die Roten wurden dabei schlicht verdrängt. Die amerikanischen Zuwanderer, sagt Sandro Bertolino von der Universität Turin, hätten mittlerweile die Wälder am Fuße der Alpen erreicht, wo sie sich jetzt schnell ausbreiten könnten. Spätestens in zwanzig Jahren werden sie an der Schweizer Grenze sein, in dreißig bis vierzig Jahren in Frankreich, sagt Bertolino. Er klingt dabei ziemlich frustriert, denn in Italien scheint das Problem niemanden zu interessieren.
Umweltschutz ist nicht allein Behördensache
Wann und wo die ersten Grauhörnchen in Deutschland auftauchen, ob sie die Reise zu Fuß über die Alpen antreten oder per Flugzeug im Gepäck eines Tierfreundes, sei auch nur noch eine Frage der Zeit, meint Kinzelbach. Um dann rechtzeitig und gezielt reagieren zu können, müßte man möglichst genau über diese Entwicklung informiert sein. Gründliches Monitoring wäre dazu nötig, ebenso wie eine zentrale Auswertung aller Daten, um Bestandsveränderungen auf der Stelle erfassen zu können.
Bei dieser Art von Beobachtung könnte jeder Bundesbürger einen wertvollen Beitrag leisten: Gibt es in der Nachbarschaft noch rote Eichhörnchen? Werden es mehr oder weniger? Sind schon graue gesichtet worden? All das wären wichtige Hinweise. Solche Amateur-Beobachtungen machen einen sinnvollen Artenschutz erst möglich, sagt Kinzelbach. Doch leider sei bei uns, anders als in England, die Beobachtung der Natur aus der Mode gekommen. Umweltschutz ist eben nicht allein Behördensache. Ein Fernglas zum Hörnchenbeobachten wäre ja vielleicht auch ein nettes Weihnachtsgeschenk.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.12.2004, Nr. 51 / Seite 59
Bildmaterial: dpa